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Ernährung:Hamstern? Wir doch nicht!

Coronavirus - Maskenpflicht in Rosenheim

Ein Mitarbeiter eines Lebensmittelgeschäfts füllt in der Gemüseabteilung ein Regal auf.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Fragt man Verbraucher nach Hamsterkäufen, will es keiner gewesen sein. Stattdessen wird in der Corona-Krise gesunde Ernährung wichtiger - und doch steigt der Bedarf an Fertigpizza.

Von Silvia Liebrich

Die Deutschen haben die Lust am Kochen entdeckt - das ist einer der wenigen positiven Effekte der Pandemie. Viel anderes blieb ihnen auch nicht übrig, schließlich mussten die meisten Kantinen und Restaurants zwangsweise pausieren. Für die Wissenschaft bot die Zeit des Shutdowns ganz neue Möglichkeiten, das Verhalten von Konsumenten zu untersuchen. Die Universität Göttingen hat nun erste Ergebnisse einer Langzeitstudie veröffentlicht, mit zum Teil erstaunlichen Erkenntnissen. "Besonders auffällig ist, dass die Bevölkerung bereits Mitte April steigende Lebensmittelpreise befürchtete, ein Thema, das zu diesem Zeitpunkt in der öffentlichen Diskussion noch gar nicht so präsent war", sagt Gesa Busch, Hauptautorin der Studie. Die Sorge vor steigenden Preisen sei dabei größer gewesen als die Sorge vor einer Lebensmittelknappheit.

Anders als erwartet, rückte zugleich das Thema Tier-, Klima- und Umweltschutz bei vielen Verbrauchern stärker in den Fokus. Gesunde Lebensmittel wurden laut Umfrage für 39 Prozent der Befragten wichtiger. Das Kriterium stand damit gleich an zweiter Stellen hinter einer langen Haltbarkeit. Mehr Wert legten Konsumenten zudem auf die Regionalität von Lebensmitteln (38,4 Prozent), guten Geschmack (35,4 Prozent) und Bioqualität (22 Prozent).

Damit weichen Erwartungen der Konsumenten offenbar deutlich von jenen der landwirtschaftlichen Erzeuger ab. Die Göttinger Wissenschaftler analysierten dazu Daten einer vergleichbaren Umfrage unter Bauern, die von der Fachhochschule Südwestfalen stammen. Die Erzeuger schätzten diese Punkte völlig anders ein: "Landwirte nahmen an, dass diese Aspekte für Verbraucher während der Krise eher unwichtiger werden", heißt es in der Untersuchung der Göttinger weiter.

Mehr Bedarf an Süßigkeiten, salzigen Snacks und Fertigpizza

Deutlich geändert hat sich nach ersten Ergebnissen in der Krise das Einkaufsverhalten: Es wurde insgesamt seltener eingekauft. Immerhin gut die Hälfte der Befragten begründete dies mit der Angst, sich im Supermarkt anzustecken. Unverändert blieb dagegen bei einem Großteil das Ernährungsverhalten. Zwar kochen mehr Menschen als vor der Corona-Pandemie täglich ein warmes Gericht. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie sich zwangsläufig gesünder ernähren. So hat der Bedarf an Süßigkeiten, salzigen Snacks oder Fertigpizza zugenommen - ein Phänomen, das auch nach der Finanzkrise 2008 auftrat.

Beim Thema Hamstern zeigen sich die Deutschen dagegen widersprüchlich. Die Bilder leergekaufter Supermarktregale werden wohl so schnell nicht verblassen. Fragt man aber Verbraucher danach, will es keiner gewesen sein. "Hamsterkäufe" werden mehrheitlich stark verurteilt und nur knapp zwei Prozent der Befragten gab zu, gezielt auf Vorrat gekauft zu haben. Offizielle Marktdaten zeigen hingegen deutlich erhöhte Absätze in vielen Produktkategorien. "Unter anderem kann das an einem Unterschied zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung liegen: Es sind ,die anderen', die hamstern, aber nicht man selbst", erklärt Studienautorin Busch. Für die Untersuchung wurden knapp 1000 Menschen befragt, es sollen zwei weitere Fragephasen folgen. Ziel ist es, langfristige Folgen der Corona-Krise für Ernährungsgewohnheiten zu untersuchen.

© SZ vom 19.05.2020/vit
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