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Einfluss von Unternehmen:Verbraucherschützer fordern werbefreie Schulen

Die Schulen haben zu wenig Geld, da kommt die Hilfe aus der Privatwirtschaft recht. Doch, klagen Experten, ohne Hintergedanken ist das nicht.

Von Helmut Martin-Jung, München

Es kommt unschuldig daher: ein Börsenspiel der Sparkassen, Unterrichtsmaterialen von Dax-Konzernen, Computer, Tablets und Software von Unternehmen, die den notorisch klammen Schulen helfend unter die Arme greifen wollen. Doch Experten befürchten, dass der "Schutzraum Schule", der doch ein werbefreier Raum sein sollte, zunehmend bedrängt wird. "Das Land der Dichter und Denker könnte zum Land der Stifter und Schenker werden", bringt es der Frankfurter Bildungsexperte Tim Engartner plakativ auf den Punkt.

Engartner, Professor für die Didaktik der Sozialwissenschaften in Frankfurt und Mitglied im Direktorium der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung, spricht bei einer Pressekonferenz des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv). Eigentlich waren dabei auch noch Diskussionen und Umfragen vorgesehen, hunderte Teilnehmer waren gespannt auf den Austausch, doch nach einer knappen Stunde musste die Veranstaltung wegen technischer Probleme abgebrochen werden.

Immerhin kam noch die derzeitige Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig zu Wort. Auch sie sprach sich gegen eine Beeinflussung von Schülern durch Werbung und Sponsoring aus, Partnerschaften und Kooperationen müssten aber erlaubt sein. Werbung sei in der Schule ohnehin verboten, die entsprechenden Regelungen aber seien von Bundesland zu Bundesland verschieden.

Doch viele Unternehmen haben Wege gefunden, dieses Verbot zu umgehen. 16 der 20 umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland produzieren solche Lernmaterialien. Sie liefern beispielsweise Unterrichtsmaterialien, in denen dann zum Beispiel wichtige Zusammenhänge oder Informationen weggelassen werden. Wissenschaftler wie Tim Engartner ärgert das. Es gebe eine frappierende Schieflage zwischen den staatlichen Institutionen und der Privatwirtschaft.

Schulbücher würden penibel geprüft, "die Unterrichtsmaterialien der Unternehmen dagegen nicht". Schule, sagt Engarter, solle doch aufklären, solle die Fähigkeit fördern, Sachargumente abzuwägen und zu einer kritischen Mündigkeit zu erziehen. Durch den Digitalpakt könnten sogar noch mächtigere Akteure in den Schonraum Schule vordringen. Klaus Müller, Vorstand des vzbv, warnt vor den vielen Schlupflöchern in den gesetzlichen Bestimmungen und fordert ein Melderegister für Werbung und Sponsoring an Schulen.

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