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Ein Ökonom auf allen Kanälen:Der Heilsbringer

Er trete in erster Linie als Person auf, statt das Ifo mit der gebotenen Zurückhaltung zu repräsentieren, kritisiert Oppenländer heute. Er selbst liebte das Polarisieren nicht: "Wir haben immer versucht, alle ins Boot zu holen, einschließlich der Gewerkschaften." Auch wie Sinn Macht ausübt und seine Leute im Griff hat, erschreckt den älteren Herrn: Forscher brauchten doch Freiheit und lose Zügel, um kreativ zu sein.

Mancher im Institut wird gerne an den väterlichen Oppenländer zurückdenken. "Für Sinn sind Assistenten eben Assistenten - zu jeder Tages- und Nachtzeit", sagt ein externer Beobachter. "Das Institut wird jetzt eher geführt wie ein Unternehmen", stellt Betriebsratschef Paul Kremmel fest. "Wissenschaftler sind da etwas sensibel."

Ja, die Zuarbeit des Ifo-Instituts zu Sinns Büchern und Auftritten sei hin und wieder Thema, sagt Kremmel, und verteidigt den Chef zunächst: "Der Mann ist enorm fleißig. Er schreibt jede Zeile selber." Doch dass die dahinter stehenden Recherchen dem Ifo vergütet würden und dass die Geltung des Professors jene des Instituts steigere, wie Sinn intern versichert, kann der Betriebsrat auch nur glauben, nicht wissen.

Jedenfalls hat der Professor aus der verschlafenen Ifo-Villa in München-Bogenhausen ein offenes Haus gemacht. Stolz zeigt der Hausherr das restaurierte Hauptportal, die freundliche Halle, die schicke Bar und den modernen Konferenzraum.

Die staubige Topfpflanzen-Atmosphäre ist weg oder hat zumindest den Rückzug in die Hinterzimmer angetreten. Der gläserne Verbindungsgang zum Annex, durch den man einst von hinten ins Gebäude schlich, ist einem französischen Garten gewichen. Dort können sie bald wandeln, die Abgesandten des Wissenschaftsrats, wenn sie im Herbst wieder zur "Evaluierung" ins Ifo-Institut kommen; können Espresso trinken statt Filterkaffee.

Fast wie gelähmt scheint das Ifo diesem Besuch entgegenzufiebern. Endlich will es wieder vollwertiges Mitglied unter den deutschen Forschungsinstituten sein. Jahrelang hat man geackert und geblutet, um die Kritik am angeblichen Theoriedefizit auszuräumen, alle Vorgaben zu erfüllen, obwohl sie teils als willkürlich und ungerecht empfunden wurden.

Sinn lamentiert nicht und schließt auch keine Wetten auf die Zukunft ab. Man ist nicht überrascht, als er sagt, sein Institut sei schon fast das beste in Deutschland und bestimmt das internationalste.

Von 250 Stellen wurden 150 abgebaut, 50 neue Mitarbeiter kamen ins Haus. Die jungen Kollegen bekamen nur befristete Verträge, laut Bundesangestelltentarif wären sie sonst nach 15 Jahren unkündbar.

Die ganze Welt im Haus

Die Hälfte der 16 Abteilungen wurde geschlossen, die Auftrags- oder Drittmittelforschung reduziert. Um die Finanzen des Instituts kümmert sich eine Expertin aus der Industrie. Statt Kameralistik betreibt sie jetzt Kosten- und Leistungsrechnung.

Auch eine gewisse leistungsabhängige Bezahlung, wie sie in den neuesten Tarifverträgen des öffentlichen Dienstes vorgesehen ist, dürfte nicht lange auf sich warten lassen.

Eng ist jetzt die Partnerschaft mit der Ludwig-Maximilian-Universität, wo Sinn weiterhin Professor ist. Sinns "Center of Economic Studies" hat mit dem Ifo fusioniert und fungiert als eine Art Vermarktungsagentur für internationale Wissenschaftler.

Mit Forschungsprofessuren und ökonomischen Konferenzen holt Sinn die ganze Welt ins Haus. Für die eigenen Mitarbeiter hat er einen Wissenschaftlerpreis eingeführt, um sie zu einer Flut von Veröffentlichungen in Fachzeitschriften zu animieren.

Eher distanziert scheint Sinns Beziehung zu den Unternehmern, obwohl deren Befragung regelmäßig in den Ifo-Konjunkturtest mündet - das in Deutschland jeden Monat heiß erwartete Wachstumsbarometer. Dass er seine Kenntnisse der praktischen Wirtschaft vertiefen müsse und da beim Ifo viel gelernt habe, gibt Sinn mit ungewohnter Bescheidenheit zu. Mit diesem Wissenshunger begründet er auch seine Aufsichtsratsmandate bei der HypoVereinsbank und dem Energieversorger Thüga.

Ob er sich vorstellen kann, in die Politik zu gehen? "Da kann man nicht mehr sagen, was man denkt", winkt er ab. "Der Wissenschaftler ist der Wahrheit verpflichtet." Was aber, wenn niemand die Ratschläge des Wissenschaftlers befolgt? "Sie werden aber befolgt", sagt Sinn fast zornig.

Der Bundespräsident habe doch in seiner jüngsten Rede nichts anderes empfohlen als die aktivierende Sozialhilfe. Auch in Hartz IV findet Sinn viele seiner Ideen wieder, bei der Riester-Rente noch mehr.

Waschkörbeweise bekomme der Buchautor zudem Lobesschreiben aus der Bevölkerung. Einige höhnische Briefe ostdeutscher Sozialisten seien allerdings auch dabei.

Das Missmanagement der Wiedervereinigung war Thema seines Buches "Kaltstart", mit dem Sinn vor 14 Jahren Furore gemacht hat. Seine Frau Gerlinde, Ex-Kommilitonin, damals Mitautorin, redigiert seine Texte auch heute noch; hat zudem drei Kinder großgezogen, engagiert sich ehrenamtlich für das Wirtschaftswissen von Lehramtskandidaten.

Für Sinn kommt nach dem Ifo nur noch die Pension: im Jahr 2013, wie er fest erklärt. Dann könnte er in seinem Haus in Gauting etwas basteln oder ein paar alte Filmrollen zusammenkleben, sagt er: "Aber nein: Ich werde dann schreiben."