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Eigenanteil:Kassenpatienten zahlen mehr

Für Medikamente schießen sie zunehmend eigenes Geld zu. Eine Berechnung zeigt, dass Versicherte 2015 im Vergleich zum Vorjahr wohl deutlich mehr für jene Leistungen ausgaben, die Kassen nicht übernehmen.

Von Kim-Björn Becker

Die gesetzlich Krankenversicherten haben im vergangenen Jahr voraussichtlich mehr eigenes Geld für Medikamente, Sanitätsartikel und medizinische Behandlungen ausgegeben als in den Jahren zuvor. Das geht aus Berechnungen des Bundesgesundheitsministeriums über die Zuzahlungen der Kassenpatienten für die Zeit zwischen Januar und September 2015 hervor. Zuerst hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung darüber berichtet. Den Zahlen zufolge gaben die Deutschen in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres 2,8 Milliarden Euro für Leistungen aus, die nicht oder nur teilweise von der Krankenkasse übernommen werden. Im gleichen Zeitraum des Jahres 2014 war die Summe der Zuzahlungen um 4,6 Prozent niedriger, sie lag bei 2,7 Milliarden Euro. Sofern dieser Unterschied auch im vierten Quartal konstant geblieben ist, müsste sich die Höhe der Zuzahlungen 2015 gegenüber dem Vorjahr von 3,6 auf 3,7 Milliarden Euro erhöht haben. Die Zahlen für das vierte Quartal liegen noch nicht vor.

Das Gesundheitsministerium führt die gestiegenen Zuzahlungen - die Differenz zum Vorjahr liegt bei etwa 125 Millionen Euro - zum einen darauf zurück, dass 2015 etwa 0,6 Prozent mehr Menschen gesetzlich versichert waren als 2014. Ende September meldeten die Kassen knapp 54 Millionen Mitglieder. Zum anderen gab es 2015 etwa 1,7 Prozent Versicherte weniger, die von der Zuzahlungspflicht befreit waren. Hierbei gilt: Summieren sich die Zuzahlungen auf zwei Prozent des Bruttoeinkommens - bei chronisch Kranken liegt die Belastungsgrenze bereits bei einem Prozent -, können Versicherte bei ihrer Krankenkasse beantragen, dass sie für den Rest des Jahres von weiteren Zuzahlungen befreit werden.

Gesundheit müsse "auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel bezahlbar bleiben"

Da Kassenpatienten für Medikamente in der Regel eigenes Geld zuschießen müssen, machten die Zuzahlungen für Arznei- und Verbandsmittel aus der Apotheke den größten Anteil an den gesamten Zuzahlungen aus. Auf sie entfielen zwischen Januar und September etwa 1,6 Milliarden Euro. Hierbei ist gesetzlich geregelt, dass Patienten für zehn Prozent des Preises selbst aufkommen müssen, sie zahlen dabei jedoch mindestens fünf und höchstens zehn Euro. Für Krankenhausbehandlungen gaben die Patienten knapp 570 Millionen Euro aus, für Krankengymnastik und weitere Heilbehandlungen 514 Millionen Euro.

Hinzu kommt, dass viele Krankenkassen zum 1. Januar 2016 die Zusatzbeiträge angehoben haben und Versicherte somit noch stärker belastet werden. Neben dem regulären Beitragssatz von 14,6 Prozent verlangen viele Kassen nun einen Obolus von weiteren 1,1 Prozentpunkten, das sind etwa 0,2 Punkte mehr als 2015. Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbands SoVD, sieht die "Grenze der finanziellen Belastungsfähigkeit" erreicht. Gesundheit müsse "auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel bezahlbar bleiben", fordert er. Der Verband kritisiert vor allem, dass allein die Versicherten für die Zusatzbeiträge aufkommen müssen und diese nicht wie der reguläre Beitragssatz zu gleichen Teilen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern getragen werden. Der Gesetzgeber, so erklärt Bauer, müsse die Arbeitgeber wieder "paritätisch an der Finanzierung der Krankenversicherung beteiligen".

© SZ vom 08.01.2016
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