Ehemaliger Arcandor-Chef Middelhoff verteidigt Pendeln per Hubschrauber

Vor dem Essener Landgericht wird der Untreue-Prozess gegen den früheren Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor, Thomas Middelhoff, fortgesetzt.

(Foto: dpa)

Als damaliger Chef bei Arcandor sah Thomas Middelhoff nur eine Chance, morgens pünktlich von Bielefeld nach Essen zur Arbeit zu kommen: den Hubschrauber. Dass er damit nicht völlig abgehoben ist, versucht er nun dem Landgericht Essen zu erklären.

Wenn es gut läuft auf der A2, braucht der durchschnittliche Berufspendler etwa eineinalb Stunden von Bielefeld nach Essen. Was aber soll er tun, wenn eine hartnäckige Baustelle das Kamener Kreuz blockiert und den Weg zur Arbeit verleidet? Früher aufstehen, um pünktlich bei der ersten Morgenkonferenz zu sitzen? Auf den IC umsteigen (der die Strecke sogar in nur einer Stunde und 16 Minuten schafft)? Thomas Middelhoff hatte da noch eine andere Idee.

Der frühere Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor muss sich zur Zeit vor dem Landgericht Essen wegen Untreue verantworten. Dabei geht es auch um seine Flüge auf Firmenkosten vom Wohnsitz in Bielefeld zur Firmenzentrale in Essen während Middelhoffs Zeit als Vorstandsvorsitzender der Arcandor AG zwischen 2005 und 2009. Der 61-jährige Manager sagte, er sei damals am Wochenanfang mehrfach drei bis vier Stunden zu spät ins Büro gekommen, weil er wegen Bauarbeiten am Kamener Kreuz mit dem Auto im Stau gestanden habe. Dies sei in der damaligen Finanzkrise für das Unternehmen aber nicht tragbar gewesen.

Der Umstieg vom Dienstwagen auf Privatjets und Hubschrauber sei deshalb im Interesse der Firma gewesen. Ausschlaggebend sei für ihn dabei der Gedanke gewesen: "Der Chef muss an Deck sein und in stürmischer See das Ruder in der Hand halten." Middelhoff betonte, seine Verspätungen seien Stress für alle Beteiligten gewesen. Sein Pressesprecher habe dann den Vorschlag gemacht, den Stau einfach zu überfliegen. "Ich habe es getestet und fand es klasse", sagte Middelhoff. "Wie durch Zauberhand kam ich plötzlich pünktlich an."

Die Staatsanwaltschaft Bochum wirft Middelhoff vor, den inzwischen pleitegegangenen Handelskonzern mit betriebsfremden Kosten in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro belastet zu haben. Darunter sind auch 28 Flüge zwischen seinem Wohnsitz in Bielefeld und der Firmenzentrale in Essen mit Gesamtkosten von mehr als 80 000 Euro. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Kosten für den Weg zum Arbeitsplatz grundsätzlich vom Arbeitnehmer selbst zu tragen sind.

Dies gelte auch für Middelhoff. Dem widersprach der Manager. Als Vorstand eines Multi-Milliarden-Konzerns sei er in der Lage gewesen, sich für das effizienteste Verkehrsmittel zu entscheiden. Er habe auch keine Zweifel gehabt, dass die Nutzung des Fluggeräts durch seinen Arbeitsvertrag gedeckt gewesen sei. Middelhoffs Anwalt Winfried Holtermüller hatte schon Anfang des Jahres argumentiert, dass die Flüge wegen der Großbaustelle nötig gewesen seien, weil sein Mandant nicht seine Zeit im Stau vergeuden wollte. Er sagt einen Freispruch für seinen Mandanten voraus. Hoffnung macht ihm und Middelhoff, dass eine andere Kammer desselben Gerichtes eine Zivilklage des Arcandor-Insolvenzverwalters gegen Middelhoff weitgehend abgewiesen hat. Auch dabei ging es um zweifelhafte Flüge, darunter auch jene 49, die nun beim Strafprozess verhandelt werden.