Süddeutsche Zeitung

Energiepolitik:Warum Stromkunden trotz Entlastungen mehr zahlen müssen

Die Ökostrom-Umlage klettert im kommenden Jahr auf ein Rekordhoch. Die von der Koalition geplanten Entlastungen verpuffen vollständig, zeigt eine Studie.

Von Michael Bauchmüller

Die Umlage zur Förderung erneuerbarer Energien könnte im kommenden Jahr ein Rekordhoch von 8,6 Cent je Kilowattstunde erreichen, das wäre ein Anstieg um mehr als 27 Prozent. Das geht aus Berechnungen des Thinktanks Agora Energiewende hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen. Derzeit liegt die Umlage bei 6,76 Cent je Kilowattstunde, bezahlt wird sie über die Stromrechnung. Deutschlands Verbraucher stehen damit vor deutlichen Mehrkosten - und das ungeachtet der geplanten Senkung der Umlage.

Denn eigentlich sollen vom kommenden Jahr an Einnahmen aus dem neuen CO₂-Preis auf Heiz- und Kraftstoffe in die Senkung der Ökostrom-Umlage fließen. Das soll Strom als Alternative zu fossilen Brennstoffen attraktiver machen, etwa in Wärmepumpen oder Elektroautos. Die nötigen Beschlüsse hatte das Bundeskabinett erst vorige Woche gefasst. Doch nach den Berechnungen dürfte auch diese Entlastung verpuffen - stattdessen kann sie den Anstieg nur bremsen, auf 7,1 Cent.

Grund für den Anstieg ist der Mechanismus des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, kurz EEG. Denn aus den Milliarden, die so Monat für Monat an "EEG-Umlage" zusammenkommen, wird den Betreibern von Wind- und Solaranlagen, Biomasse- oder Wasserkraftwerken eine vorab festgelegte Mindestvergütung gezahlt. Diese Vergütung ist starr - der Preis aber, zu dem Strom an den Börsen verkauft wird, schwankt. Die Folge: Je niedriger der Börsenpreis für Strom ist, desto mehr muss aus dem EEG-Konto draufgelegt werden.

Schon zu Beginn des Jahres lag der Strompreis unter den Erwartungen, auch bedingt durch niedrige Preise für Gas und Kohle. Die Corona-Krise hat dies nun noch verschärft. Gas ist, ähnlich dem Erdöl, nun noch billiger zu haben, die Nachfrage nach Strom ist eingebrochen. Lag der Preis bis Mitte März noch stabil zwischen drei und vier Cent je Kilowattstunde, hat er sich nun nahezu halbiert. Entsprechend viel fließt vom EEG-Konto ab. Erst vorige Woche hatte sich der Netzbetreiber Amprion eine Kreditlinie über eine halbe Milliarde Euro gesichert, um ein drohendes Loch im EEG-Konto stopfen zu können. Die Netzbetreiber sind mit der Verwaltung der Umlage beauftragt, sie kalkulieren auch deren Höhe.

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Die neuen Zahlen dürften die Debatte um eine gezielte Absenkung der Umlage befeuern. Zuletzt hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) gefordert, die EEG-Umlage zu stabilisieren. Auch die CSU will die Höhe der Umlage deckeln, um höhere Strompreise zu verhindern. Agora Energiewende geht noch weiter: Mit einem Zuschuss aus dem Bundeshaushalt von fünf Cent je Kilowattstunde solle der Satz auf 3,6 Cent gesenkt werden. "Wir haben gerade eine seltene Gelegenheit", sagt Agora-Chef Patrick Graichen. Einerseits bräuchten die Menschen mehr Geld im Portemonnaie, andererseits müsse das Land auf Strom als klimafreundliche Alternative zu fossiler Energie umschwenken. "Beide Ziele lassen sich mit einer deutlichen Senkung der EEG-Umlage gut erreichen."

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SZ vom 26.05.2020/mxh
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