Editorial Bereit für den Wandel

Deutschland vor schwierigen Zeiten: Das digitale Rad dreht sich immer schneller - aber die gute Nachricht lautet: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft stellen sich darauf ein. Bilanz des 12. SZ-Wirtschaftsgipfels in dieser Woche in Berlin.

Von Marc Beise

Endlich Aufbruch. Endlich Zuversicht! So hat ein Teilnehmer, der bisher alle zwölf SZ-Wirtschaftsgipfel erlebt hat, das Treffen in dieser Woche in Berlin zusammengefasst. Wieder waren 450 Entscheider zusammengekommen, um drei Tage lang mit mehr als 60 Referentinnen und Referenten die Welt von heute zu vermessen. Wobei: Entscheider, das sind wohlverstanden nicht nur die Politiker und Regierungschefs, etablierte Wirtschaftsvertreter und Top-Wissenschaftler, sondern auch Start-up-Gründer und Studenten - Entscheider ist in der komplexen Welt von heute jeder und jede.

Unsere komplexe Welt macht Angst, das war bei den vergangenen Wirtschaftsgipfeln manchmal zu spüren, es erzeugt auch Missmut oder gar Zorn über wirkliche und vermeintliche Untätigkeit der Politik. Diesmal aber war das wie weggeblasen, herrschte regelrecht Aufbruchstimmung. Es könnte daran gelegen haben, dass noch nie so viele jüngere und junge Menschen am Wirtschaftsgipfel teilgenommen haben. Menschen, die noch nicht durchroutiniert sind (um nicht zu sagen: desillusioniert) und noch große Hoffnungen haben.

In dieser Sonderausgabe finden Sie fast alle Berichte vom Gipfel, die in den vergangenen Tagen online, digital und gedruckt in der Süddeutschen Zeitung erschienen sind, ergänzt durch Videos, einen Audio-Mitschnitt des Auftritts von Angel Merkel und weitere Beiträge.

"Vertrauen schaffen" war das Motto der diesjährigen Veranstaltung, und das bezog sich auf die mit Händen zu greifende Verunsicherung im Land angesichts von politischem Mehltau nach 13 Jahren mit Merkel-Regierungen, auf die wachsende Spaltung der Gesellschaft in Vermögende und Nichtvermögende, normale Arbeitnehmer und Kapitalbesitzer, Festangestellte und Jobhopper.

Angela Merkel selbst war vornedran, als es darum ging, einen neuen Ton zu setzen. Bei der "Nacht der Europäischen Wirtschaft" im Deutschen Historischen Museum erlebten die Gipfelteilnehmer sie gelöst wie selten, nachdenklich und humorvoll, aber auch: weise. Der angekündigte Rückzug in Etappen hat die sonst so kontrolliert und emotionsarm wirkende Politikern locker werden lassen; der begeisterte Zuspruch des sonst so kritischen Publikums zeigte: Es war für alle eine Erlösung.

Eine kleine Ankündigung, nach 18 Jahren den Parteivorsitz der größten Volkspartei in Deutschland abzugeben, der Wettstreit von drei Nachfolge-Kandidatinnen und Kandidaten erfreut nicht nur die Journalisten, sondern die Öffentlichkeit insgesamt. Endlich wird wieder diskutiert, nicht nur über Personen, auch über Inhalte. Eine, Annegret Kramp-Karrenbauer, stellte sich spontan einem Kreuzverhör auf dem SZ-Wirtschaftsgipfel - und setzte sich dabei, etwa in Fragen der Migration, der Steuer- oder der Industriepolitik, dezent von der Kanzlerin ab.

Die Debatte kommt zur rechten Zeit. Zwar geht es Deutschland nicht schlecht, auch wenn das gerne behauptet wird. Vertreter von Unternehmen, Wissenschaft und auch der Arbeitnehmer stellten beim SZ-Wirtschaftsgipfel klar, dass der lange Aufschwung dem Land insgesamt gutgetan hat, dass viele Bürger ein gesichertes Einkommen haben, dass es noch nie so viele Beschäftigte gab und so wenige Arbeitslose, dass es den Rentnern besser geht als je zuvor, und dass sogar auch das Bemühen konkreter wird, etwas für die zunehmende Zahl derer zu tun, die von der guten Konjunktur nicht profitieren.

Es ist aber auch klar, dass es nicht so bleiben wird. Dass die Demografie Deutschland verändert, dass der Wirtschaft heute schon Facharbeiter in großer Zahl fehlen, dass sich diese Probleme verschärfen werden, dass bei weniger Arbeitskräften und mehr Rentnern die Sozialsysteme anders organisiert werden müssen, dass Globalisierung und Digitalisierung die so erfolgreiche deutsche Wirtschaft auf das Schärfste herausfordern werden.

Die gute Nachricht aber lautet: Politik und Wirtschaft haben das verstanden. Die zweitägige Sonderklausur der Bundesregierung direkt im Anschluss an den SZ-Kongress zur Frage, wie der Staat auf die Herausforderung der digitalen Revolution reagieren muss, mag nur ein unvollkommener Anfang gewesen sein, aber sie war immerhin das: ein Anfang.

Dass man Dinge verändern kann, zeigten in Berlin die Regierungschefs von Estland, Serbien und Island, zwei Frauen, ein Mann - Vertreter aus kleinen, aber unglaublich dynamischen Staaten. Ihre Rezepte zur Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung und zur Veränderung der Rahmenbedingungen können in einer so großen Gesellschaft wie der deutschen nicht von heute auf morgen umgesetzt werden. Aber vielleicht bis übermorgen?

Was würde Ludwig Erhard heute tun? Das war nicht nur eine rhetorische, sondern auch ein sehr ernst gemeinte Frage jetzt in Berlin. Die Antwort ist noch nicht gegeben, wie sollte das auch so sein, angesichts der vielen offenen Fragen.

Das betrifft auch die Zukunft der Arbeit in der sich so rapide beschleunigenden Digitalisierung. Horror-Prognosen sorgen für große Unruhe. 40 Prozent aller Jobs sind gefährdet, oder mehr? Drehen wir es besser um und fragen: oder weniger? Neuere Studien sind differenzierter als die ersten, viel beachteten Untersuchungen. Die Wahrheit ist: Niemand weiß wirklich, welche Jobs verschwinden und wie viele, und vor allem: wie viele neue Jobs entstehen.

Nur eines ist sicher: Es wird mehr und schneller Veränderungen geben als früher. Alles, was die Menschen fit macht, diese Veränderung mitzumachen, sich selbst zu verändern, immer wieder im Laufe eines langen Berufs- und sonstigen Lebens, ist willkommen. Das heißt dann eben: lebenslanges Lernen neuer Strukturen und Verhaltensweisen - in Schulen, Hochschulen, außeruniversitär, in den Unternehmen.

"Vertrauen schaffen", das sei ja mal ein überraschendes Motto für ein von Journalisten organisiertes Treffen, hatte Kanzlerin Merkel zu Beginn ihrer Rede beiläufig angemerkt, wo doch Journalisten die Welt eher misstrauisch betrachteten. Stimmt, muss man sagen, und es ist ja auch richtig so: Für die guten Nachrichten sorgen ja Politik und Unternehmen üblicherweise schon selbst, die ihre eigene Arbeit loben und eigene Versäumnisse gerne vernachlässigen. Aufgabe der Presse muss es sein, jene Dinge zu pointieren, die fehlen, muss es sein, das Bild für die gesamte Öffentlichkeit zu vervollständigen.

Das kann dann aber auch mal heißen: vielen schlechten Nachrichten eine gute hinzuzufügen. Hier ist sie: Es ist möglich, den Wandel nicht nur zu erdulden, sondern auch zu gestalten. Und immer mehr Menschen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind bereit, dies zu tun. Eine erste Bilanz soll in einem Jahr gezogen werden: beim 13. SZ-Wirtschaftsgipfel vom 11. bis 13. November 2019.