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Edge Computing:Rechnen am Rand

Ein Mann posiert in einem Rechenzentrum neben Serverschraenken Berlin 12 01 2018 Berlin Deutschla

Wenn schon bald Milliarden Geräte Daten senden, wird das zu viel für Rechenzentren, die Daten müssen vorverarbeitet werden.

(Foto: Thomas Trutschel/photothek/imago)

Milliarden Geräte sollen bald im Internet der Dinge miteinander verbunden sein. Nötig ist eine neue Technologie, das Wettrennen um das lukrative Geschäft hat schon begonnen.

Und irgendwann, da stellt einem der Drittklässler diese Sendung-mit-der-Maus-Fragen. Etwa so: Wie springt der Motor in einem Auto an? Brennt im Kühlschrank immer das Licht? Kann man im Weltall Seifenblasen machen? Kann man alles beantworten, weil man heutzutage zur Not alles googeln kann, doch irgendwann wird es irre kompliziert: Er möchte wissen, wie das eigentlich funktioniert, dass er auf dem Mobiltelefon seiner Mutter gemeinsam mit einem Kumpel auf der anderen Seite des Planeten in Echtzeit an einem Videospiel teilnehmen kann. Wie erfährt sein Freund derart schnell, quasi live, dass er gerade diese Taste gedrückt hat?

In vier Jahren schon fallen drei Viertel aller Daten außerhalb von Rechenzentren an

Eine treffende Antwort wäre, dass die Daten vom eigenen Mobiltelefon an ein Rechenzentrum geschickt, dort zentral verarbeitet und schließlich zum Freund weitergeleitet werden. Es könnte jedoch sein, dass diese Erklärung gar nicht mal mehr so treffend ist, wenn der junge Mann in ein paar Monaten sein viertes Schuljahr beginnen wird. Wer sich derzeit umhört im Silicon Valley, der hört neben all den schrecklichen Floskeln über Digitalisierung und Disruption immer wieder diesen einen Begriff: "Edge Computing".

Antonio Neri, Chef des Technologiekonzerns Hewlett Packard Enterprise (HPE), hat in der vergangenen Woche in Las Vegas verkündet, in den kommenden vier Jahren vier Milliarden Dollar in diese Technologie investieren zu wollen: "Daten sind die neue Währung, es wird künftig immer wichtiger sein, sie möglichst effizient zu verarbeiten. Wem das gelingt, ob in schlauen Krankenhäusern oder in einem selbstfahrenden Auto, der wird die Nase vorn haben. Letztlich sehen wir darin eine 100-Milliarden-Dollar-Chance für unser Unternehmen."

Die Analysefirma Gartner schätzt, dass die Zahl der mit dem Internet verbundenen Geräte von derzeit knapp neun Milliarden in den kommenden zwei Jahren auf weltweit 20,4 Milliarden wachsen dürfte. Das sind die Geräte am sogenannten Edge, also am Rand der Netzwerke, sie sind nicht immer sichtbar wie etwa das Telefon, die Smartwatch oder ein schlaues Haushaltsgerät, sondern können auch irgendwo eingebaut sein wie etwa Sensoren auf einer Ölplattform oder im selbstfahrenden Auto. Gartner schätzt, dass in diesem Jahr etwa zehn Prozent aller Daten außerhalb zentraler Rechenzentren oder Cloud-Infrastrukturen anfallen werden, in vier Jahren sollen es bereits 75 Prozent sein.

Diese Daten sollen beim Edge Computing nicht mehr an Rechenzentren weitergeleitet, sondern möglichst direkt am Rand verarbeitet werden. Es würde einfach zu lange dauern, wenn etwa ein Unternehmen seine Produktion in Echtzeit überwachen und dynamisch anpassen will - auf die Antwort aus einem Rechenzentrum kann man dabei nicht warten. Dasselbe gilt für autonome Fahrzeuge. Die sollen ihre Entscheidungen möglichst rasch treffen, um sich an die Gegebenheiten im Straßenverkehr anzupassen. Der Drittklässler mag sich ärgern, wenn er bei einem Computerspiel mit dem Freund wegen einer kleinen Verzögerung früh scheitert - für Unternehmen kann es um Milliarden Dollar gehen, für Passagiere im selbstfahrenden Auto oder Patienten im Krankenhaus um viel mehr.

Derzeit haben laut Gartner nur ein Prozent aller Unternehmen weltweit eine Edge-Computing-Strategie, in drei Jahren bereits sollen es 40 Prozent sein. Noch schlauere Endgeräte sowie die fünfte Generation der mobilen Datenübertragung (5G) werden die Verarbeitung und Analyse am Rand der Netzwerke ermöglichen und auch erfordern. Das Vier-Milliarden-Dollar-Ankündigung gilt deshalb als wichtiger Schritt in die Zukunft für den IT-Dinosaurier HPE, der in den vergangenen Jahren bei bedeutsamen Trends wie etwa Cloud-Computing oder dem Internet der Dinge auffällig langsam reagiert hat.

Zwar übertraf der Konzern bei den jüngsten Quartalszahlen (778 Millionen Dollar Gewinn) die Erwartungen der Investoren, allerdings fehlte den Anlegern eine prägende Idee für die Zukunft. "Es ist völlig sinnlos, das Unausweichliche hinauszuzögern", sagte Neri nun in Las Vegas: "Wir wollen lieber wendig und konzentriert sein als aufgeblasen und tot." Es passte zum Spielerparadies in der Wüste von Nevada, dass Neri ausgerechnet dort verkündete, einen Großteil der Chips seines Unternehmens auf Edge Computing setzen zu wollen. "Zum ersten Mal seit langer Zeit hat sich HPE wieder als Unternehmen präsentiert, das mit selbstbewusster Stimme eine interessante Vision und durchdachte Strategie zur Umsetzung verkündet", sagt Gartner-Analyst Tom Bittman: "Allerdings hören wir gerade von beinahe jedem Anbieter, dass er sich um den Rand der Netzwerke kümmern möchte."

Analysten sehen die Silicon-Valley-Konzerne in einem Wettrüsten

Edge Computing ist einer der neuen Zauberbegriffe im Silicon Valley, die Platzhirsche Amazon und Google beschäftigen sich bereits intensiv damit, Microsoft-Chef Satya Nadella kündigte im April ein Fünf-Milliarden-Dollar-Investment an: "Das Zeitalter der intelligenten Cloud und des intelligenten Randes hat begonnen." Vor Kurzem präsentierte das Unternehmen den Service Azure IoT Edge, das sowohl auf Geräten wie dem Billig-Computer Raspberry Pi einsetzbar sein soll als auch in industriellen IT-Systemen.

"Es ist visionär, was HPE da tut, es ist aber auch riskant", sagt Gartner-Analyst Bittman. Er prognostiziert ein Wettrüsten der mächtigsten Silicon-Valley-Unternehmen, das letztlich derjenige gewinnen dürfte, der die richtigen Einzelmärkte identifiziert und kluge strategische Partnerschaften eingeht. "Wir haben ein wunderbares Verhältnis zu Microsoft", sagte Neri etwa in Las Vegas. Dann krempelte er die Ärmel hoch - um damit anzudeuten, dass HPE nun richtig anpacken wolle.

© SZ vom 01.08.2018
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