Edelstein-Handel Warum Israel in der Diamantenindustrie so wichtig ist

In Ramat Gan wird mit Rohdiamanten und geschliffenen Edelsteinen gehandelt. Wer etwas kauft, prüft vorher ganz genau die Qualität der teuren Schätze.

(Foto: Abir Sultan/dpa)

Das Land hat eine der weltweit größten Diamantenbörsen. Zu Besuch in einer glitzernden, geheimen Welt, in der sich Händler noch Glück und Segen wünschen.

Von Alexandra Föderl-Schmid, Ramat Gan

Die Ausbeute liegt in einer kleinen, mit schwarzem Samt ausgelegten Schachtel: fünf Diamanten, daneben in einer blauen Box 17 kleinere. "Für Ringe und ein Halsband", sagt Dov Frei. 15 000 US-Dollar kosten diese Edelsteine, die der Diamantenhändler im Auftrag von Schmuckproduzenten an diesem Tag erworben hat. Einen größeren Diamanten hat er in einen Umschlag gelegt, Briefken genannt. Der Preis? Den behält Frei lieber für sich.

Sein Arbeitsplatz ist ein mit Zetteln übersäter Tisch fast in der Mitte des Saals in Ramat Gan bei Tel Aviv. Wer hierher will, muss strenge Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen - die Börse ist gesichert wie Fort Knox, wo die Goldreserve der USA gelagert ist. Neben der üblichen Kontrollen, die man von Flughäfen kennt, wird der Reisepass oder bei Israelis die Identitätskarte einbehalten. Besucher müssen sich einen eigenen Lichtbildpass anfertigen lassen, versehen mit dem eigenen Fingerabdruck. Die letzte Drehtür Richtung Börsensaal lässt sich nur öffnen, wenn man die zuvor produzierte Karte in ein Lesegerät steckt und seinen Zeigefinger in ein anderes. Erst dann eröffnet sich eine andere Welt, die Bursa, die Diamantenbörse von Ramat Gan.

Mit Diamanten gedeckt

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Was 1937 sechs Pioniere mit dem ersten Handel und Schleifarbeiten im damaligen Palästina begonnen haben, hat sich zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige in Israel entwickelt. Etwa 20 000 Menschen sind in dieser Branche beschäftigt. 28 Milliarden US-Dollar betrug zuletzt der Jahresumsatz der israelischen Diamantenindustrie. Doch ihr Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung geht seit Jahren zurück. Hip ist das Geschäft mit Edelsteinen gerade nicht. Auch wenn sie in Tel Aviv stolz darauf sind, weltweit den größten Börsensaal für den Diamantenhandel zu haben, in puncto Umsatz sind Antwerpen und die erst 2010 gegründete Konkurrenz in Mumbai größer. Für Händler wie Frei war also klar: Es musste etwas passieren.

"Hier ist wirklich alles originalgetreu"

Nun ist Israels Wirtschaft nicht mehr wegen seines Diamantenhandels in der Welt eine Größe, sondern wegen seiner Start-ups. So lag es nahe, durch ein Start-up "Schwung in den Laden zu bringen", sagt Eli Avidar, der Geschäftsführer der Börse. Ende Mai wurde deshalb eine neue Kryptowährung gestartet, die den Ruf der Börse aufpolieren und die Bursa wieder attraktiver und moderner machen soll.

Es sind noch immer zwei Welten: In der alten Welt werden viele Geschäfte noch per Handschlag und ohne Rechnung abgewickelt. In der neuen wurden nach der Finanzkrise für die Banken die Vorschriften verschärft, das bedeutete auch für die Diamantenbranche, transparenter zu werden. Und nun will die israelische Bursa mit einer auf den Edelsteinen basierenden Kryptowährung Geldtransfers oder Kreditvergaben innerhalb der Diamantenbranche erleichtern. Mit der vom israelischen Start-up Carats.io entwickelten Technologie lassen sich Transaktionen innerhalb von Minuten bestätigen und die Daten in der Blockchain sicher und verschlüsselt speichern.

Im Sitzungssaal der Geschäftsführung scheint hingegen die Zeit stehen geblieben zu sein. "Hier ist wirklich alles originalgetreu", sagt Börsenchef Avidar und zeigt auf die Möbel aus den Sechzigerjahren.

Angelockt von Steuervorteilen siedelte sich die Börse 1966 in Ramat Gan an, in einem Nachbarort im Nordosten von Tel Aviv, im ersten Hochhaus der Stadt. Inzwischen sind es vier Türme, die über Brücken miteinander verbunden sind. 100 000 Quadratmeter mit 2200 Räumen ist die Gesamtfläche groß, 1400 Firmen haben hier Niederlassungen, 12 000 Menschen arbeiten in dem Gebäudekomplex.

Wer drinnen ist, braucht nicht mehr hinaus für die nötigsten Dinge: Unter dem gleichen Dach finden sich neben Restaurants eine Synagoge und eine Klinik. Der Friseur und der Zahnarzt haben nicht nur ihre Räume nebeneinander im Untergeschoss, sondern den gleichen Vornamen: Avi. Es gibt einen Klub für Rentner. Im ersten Stockwerk residieren israelische Banken neben einer Zweigstelle der indischen Nationalbank. Dort sind auch die Schalter von Expressdiensten, die darauf spezialisiert sind, die teure Fracht sicher an andere Orte der Welt zu bringen. In diesem eigenen Kosmos gibt es sogar ein eigenes Telefonnetz, mit Kurzwahlen können sich die Händler auf ihren Handys erreichen.

An einem normalen Tag tummeln sich im Börsensaal 600 Händler, die miteinander handeln oder im Auftrag anderer nach Edelsteinen suchen oder diese loswerden wollen. Wie in einem Klassenzimmer reihen sich schmale schwarze Tische nebeneinander, der Abstand zwischen den Reihen ist breiter, damit man auch auf der anderen Seite des Tisches einen Stuhl dazustellen kann. Der Saal ist erfüllt von einem permanenten Gemurmel, aber niemals wird laut geschrien. Verhandelt wird zumeist in intensivem Zwiegespräch, gebeugt über Tisch und Diamant.

Eigentlich sind es zwei Handelssäle: einer für Rohdiamanten, der andere für geschliffene Edelsteine. 3000 Händler sind an dieser Diamantenbörse akkreditiert. Vor der Zulassung mussten sie Kurse absolvieren, zwei Bürgen finden und einen Lügendetektortest über sich ergehen lassen. Das Geschäft mit den Edelsteinen ist Vertrauenssache. Konflikte werden intern gelöst - ohne Polizei und Gerichte von außerhalb. Alle Mitglieder müssen sich den Urteilen der eigenen Schiedsgerichte unterwerfen. Wer sich in der Bursa nicht an die Regeln hält, kann mit einem lebenslangen Handelsverbot bestraft werden - und das gilt dann auch an den anderen Börsen weltweit. Die Steckbriefe der Ausgeschlossenen sind in Schaukästen an den Wänden ausgestellt, eine Form des Prangers.

Immer noch ein Milliardengeschäft: Die Diamantenbörse in Ramat Gan bei Tel Aviv.

(Foto: Nir Elias/Reuters)

Diskret geht es hingegen zu, wenn es um die Werte geht, die in den Safes der Bursa lagern. Edelsteine im Wert von mindestens zehn Milliarden Dollar sollen dort schlummern. Die Diamanten in den Aktentaschen und Rollkoffern, die die meisten Händler in den Gängen hinter sich herziehen, sind hier noch gar nicht mitgezählt. Einige haben auch Handschellen dabei, die sie dann mit ihrem Koffer verbinden, wenn sie die gesicherte Welt der Bursa verlassen.

Der Wert bemisst sich nach den 4 Cs: Carat, Color, Clarity und Cut, also Karat, Farbe, Reinheit und Schliff. Ein Karat, das sind 0,2 Gramm, kostet in bester Qualität etwa 20 000 US-Dollar, aber je mehr Karat ein Stein hat, desto teurer wird er. Jeden Tag sollen im Börsensaal in Ramat Gan Edelsteine im Wert von insgesamt 200 Millionen Dollar ausliegen.

Wie viel letztendlich gezahlt wird, hängt auch vom Verhandlungsgeschick der Händler ab. Oft dauert es sehr lange, bis sich Käufer und Verkäufer auf einen Preis verständigt haben. "Man muss Lust am Feilschen haben, sonst ist man hier fehl am Platz. Erfahrung und einen scharfen Blick braucht man auch", meint der Diamantenhändler Frei.

Und Geduld. Die Pinzette wird in die Briefken getaucht, der Diamant auf eine kleine Waage gehoben, dann wortwörtlich unter die Lupe genommen und nach den 4c-Kriterien eingestuft. Die Glasfront der Halle weist nach Norden, weil der Lichteinfall von dort als ideal gilt, um die Diamanten genau betrachten zu können. Im natürlichen Licht und Schein spezieller Lampen werden an den einzelnen Plätzen an den langen Tischreihen die Edelsteine genau taxiert, ehe das Feilschen beginnt.