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E-Mobilität:Spannung an der Zapfsäule

Elektroauto an einer Stromtankstelle

Die großen Erdölkonzerne bereiten sich auf die Welt jenseits des Öls vor. Im Bild ein Elektroauto an einer Stromtankstelle.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Shell investiert mehr denn je in Geschäfte mit Strom jenseits der fossilen Kraftstoffe. Andere Unternehmen setzen sich ebenfalls in Bewegung und investieren in E-Mobilität.

Von Michael Bauchmüller und Stefan Mayr, Berlin/Stuttgart

Mehrmals stand Shell zuletzt in der Pole Position eines Autorennens. Für einen Mineralöl-Multi als Ort nicht ganz ungewöhnlich, nur die Autos waren es: Denn die fuhren nicht mit Öl, sondern mit Strom. In der elektrischen Formel E sponsert Shell den japanischen Hersteller Nissan, die gelb-rote Muschel klebt unübersehbar auf den Elektroautos. Denn unübersehbar soll es sein, wie sich der Konzern neu erfindet. Oder tut er nur so?

Das Erdölzeitalter scheint an Grenzen zu stoßen. Schüler verlangen rasche Schritte gegen den Klimawandel, die Grenzwerte für den Kohlendioxid-Ausstoß werden strenger. Das geht auch an den Mineralölkonzernen nicht spurlos vorbei. Manche von ihnen zeigen sich noch zögerlich, andere wirken sehr entschlossen. Allen voran die Royal Dutch Shell. Das Unternehmen mit Sitz in Den Haag kooperiert nicht nur mit dem E-Rennstall Nissan, sondern hat einen eigenen Geschäftsbereich New Energies gegründet, der zuletzt massiv in Stromfirmen investiert hat: 2017 übernahm Shell den größten E-Ladenetz-Betreiber Europas, Newmotion, der 100 000 Ladepunkte zählt. Auch seine eigenen Tankstellen baut Shell mit Ladestationen aus. Zudem hat das Unternehmen den bayerischen Ökostrom- und Hausbatterie-Anbieter Sonnen aufgekauft und will die niederländische Mutterfirma der Grünstromer von Lichtblick übernehmen.

Auch andere Erdöl-Riesen tasten sich in den Strommarkt vor: Der französische Konzern Total hat den Batteriehersteller Saft aufgekauft und präsentiert sich mit einem Stand bei der E-Auto-Messe in Lyon. Dabei wirbt Total unter anderem mit "schlüsselfertigen Ladelösungen", von der Stromversorgung über die Speicherung bis hin zur "Optimierung des Stromverbrauchs". Schließlich können die Batterien der vielen Elektroautos dereinst auch helfen, die Stromversorgung zu stabilisieren - in einer Welt jenseits des Öls.

Letztlich geht es um die Zukunftsfähigkeit bisheriger Geschäftsmodelle

Auf genau diese Welt bereiteten sich die Konzerne zunehmend vor, glaubt Adrian Willig, Chef des Hamburger Instituts für Wärme und Oeltechnik (Iwo), einer Einrichtung der Mineralölwirtschaft. "Die Unternehmen wollen ihre Geschäftsmodelle auf mehr Klimaschutz einstellen", sagt er. Grund seien die wachsende öffentliche und politische Bedeutung des Klimaschutzes, aber auch der Druck von Investoren. Die schauten immer stärker darauf, wie ökologisch nachhaltig sich Unternehmen aufstellen. Das müsse aber nicht zwingend über den Strom führen. "Es muss nicht unbedingt die Elektromobilität sein, es gibt auch flüssige Brenn- und Kraftstoffe, die auf grüner Energie basieren." Die Unternehmen gingen da unterschiedliche Wege - letztlich aber gehe es bei allen um die Zukunftsfähigkeit des Geschäftsmodells.

Shell sorgt dabei im Augenblick für die größte Welle. Das Unternehmen, so kündigte Vorstand Maarten Wetselaar Anfang März an, wolle größter Stromversorger der Welt werden - jedenfalls auf lange Sicht. "Es geht in Richtung mehr Strom im Portfolio, in allen Sektoren", sagt eine Sprecherin von Shell Deutschland. "Und zunehmend auch zu Endkunden."

Wie etwa über 50 Schnellladestationen, die demnächst an Shell-Tankstellen entstehen sollen. Mit 150 Kilowatt Leistung sollen sie Autos binnen weniger Minuten aufladen. Die Wartezeit sollen sich die Kunden nach Möglichkeit im Shop vertreiben. So entstehe "ein völlig neues Erlebnis für dieses Kundensegment", wirbt Jan Toschka, der das Tankstellengeschäft bei Shell im deutschsprachigen Raum leitet. "Die ersten 50 Stationen sind nur der Anfang."

Shell ist nicht der erste Mineralölkonzern, der sich mit viel Tamtam auf den Weg in eine grüne Zukunft macht. Zu Beginn des Jahrtausends hatte das auch BP versucht. Sein Kürzel deutete der Konzern kurzerhand von "British Petroleum" in "Beyond Petroleum" um - "jenseits des Öls". In der Folge kauften sich die Briten im großen Stil bei Solarfirmen und Windparks ein, das Jahr 2005 erklärte das Unternehmen kurzerhand zum "Scheidepunkt für die Ölindustrie". "Viele Unternehmen merken, dass es nicht nur möglich ist, den Klimawandel zu mildern, sondern dass es auch ihre Pflicht ist", sagte seinerzeit BP-Vorstand Iain Conn der SZ. Später stieß der Konzern die Ökofirmen trotzdem wieder ab. "Beyond Petroleum" war Geschichte.

Die deutsche BP-Tochter Aral war beim Thema Elektromobilität bislang entsprechend zurückhaltend. In Bochum, dem Firmensitz, hat sie nun zwei Ultraschnellladesäulen eröffnet. Man glaube an einen Mix verschiedener Technologien, heißt es bei Aral. "Elektromobilität spielt dabei eine wichtige Rolle", sagt Aral-Vorstand Patrick Wendeler. An ersten Tankstellen kann das Unternehmen nun ausprobieren, wie es aussieht, wenn mehr Autos Stecker brauchen und weniger Zapfpistolen. Erst kürzlich hatte Aral in einer Studie die "Mobilitätstrends" untersuchen lassen. Ergebnis: Auch 2040 tankten noch zwei Drittel der Autos Sprit, darunter viele Hybridfahrzeuge. Die mobile Revolution, so suggerierte die Studie, die ist noch ein Weilchen hin.

"Shells Klimaambitionen reichen noch nicht für einen substanziellen Kurswechsel."

Auch von Shells neuem Kurs sind kritische Aktionäre noch nicht vollständig überzeugt. Nach wie vor investiere das Unternehmen am meisten in Exploration und Förderung von Öl und Gas, betont etwa die Gruppe "Follow This", in der sich nach eigenen Angaben 4700 ökologisch sensible Aktionäre zusammengeschlossen haben. "Shells Klimaambitionen reichen noch nicht für einen substanziellen Kurswechsel", sagt Mark van Baal von Follow This. Allein im ersten Quartal flossen 2,7 Milliarden Dollar in die Ölförderung, nur geringfügig weniger als ein Jahr zuvor.

Allerdings müssen die Mineralölfirmen auch fürchten, Geschäft an ganz andere Wettbewerber zu verlieren: an Stromfirmen etwa, die ihrerseits Ladesäulen aufstellen. Schließlich braucht ein Elektroauto nicht zwingend die klassische Tankstelle an der Hauptstraße. Der baden-württembergische Energieversorger EnBW etwa hat auf Stuttgarts Straßen flächendeckend E-Ladesäulen installiert. Zudem experimentiert er schon länger, ob und wie sich etwa ein massenhaftes Feierabend-Aufladen an der Haussteckdose auf das Stromnetz in Wohngebieten auswirkt.

Und in Kooperation mit den Unternehmen Shell, OMV und der Tank & Rast baut das Karlsruher Unternehmen deutschlandweit Ladesäulen an Tankstellen und Autobahnraststätten auf. EnBW-Vertriebschef Timo Sillober prophezeit der Tankstellen-landschaft eine schwierige Transformationsphase: "Die Tankstelle der Zukunft muss ein Umfeld bieten, um die Zeit des Ladens sinnvoll nutzen zu können." Zwar werde die Dauer des Ladens stetig kürzer, dennoch brauche es einen Kiosk oder ein Geschäft, ein Café oder ein Restaurant. "Die kleine Tankstelle, die außer der Zapfsäule rundherum nichts dergleichen bietet, muss demnach auch neue Ideen entwickeln." Viele Tankstellen in Innenstädten haben zudem ein Platzproblem. Sie sind zu klein, um gleichzeitig Benzintanken und Stromladen anbieten zu können. Hier könnte der Weg in die Zukunft schwierig werden: Denn wer für eine E-Ladesäule eine Benzin-Zapfsäule abbaut, der sägt ein Bein ab, auf dem er steht.

Gut möglich, dass Elektroautos irgendwann unter dem Dach der Tankstellen aufladen. Und die herkömmlichen Zapfsäulen nur noch irgendwo am Rande der Tankstelle zu finden sind. Als Relikt aus Zeiten, in denen Konzerne wie Shell ganz große Sponsoren von Autorennen waren - denen der Formel 1, mit ihren dröhnenden Motoren.

© SZ vom 04.06.2019

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