E-Lkws Abgaslos durch die Nacht

Leise, aber mit geringer Reichweite: der E-Lkw von Daimler, den Edeka derzeit testet.

(Foto: oh)

Nachts dürfen keine Lastwagen durch Städte rattern, aber was ist, wenn sie surren? Handelskonzerne testen, ob E-Lkws leiser und günstiger Supermärkte beliefern könnten.

Von Markus Balser und Michael Kläsgen, Berlin/München

Rollen bald nachts E-Laster quasi lautlos durch die Straßen und beliefern Supermärkte und Discounter mit frischen Lebensmitteln? Das ist eine der Zukunftsvisionen der großen Lebensmittelhändler in Deutschland. Deswegen testen derzeit alle von ihnen Elektrolastwagen unterschiedlicher Hersteller und Größe. Lidl ist schon mit einem strombetriebenen 18-Tonner von Iveco in Berlin unterwegs, Aldi Süd brachte neulich einen elektrischen 40-Tonner im Ruhrgebiet auf die Straße. Rewe und Metro haben sich Österreich als Testgebiet ausgesucht und kurven dort mit einem E-Laster von MAN durch die Gegend.

Am Dienstag startete Edeka ein zunächst auf ein Jahr begrenztes Pilotprojekt mit dem 25-Tonner E-Actros von Daimler in Berlin. Der soll von Süden aus ein gutes Dutzend Supermärkte in der Hauptstadt beliefern - wohl gemerkt tagsüber.

Das Gesetz schränkt die Anlieferung in der Stadt vor allem aus Lärmschutzgründen im Moment noch stark ein. Aber man darf davon ausgehen, dass die Konzerne ihren Einfluss geltend machen, die Restriktionen ein wenig zu lockern. Aldi Süd hat jedenfalls großes Interesse daran, das Elektromobilitätsgesetz dergestalt zu ändern, dass Anlieferungen künftig in den Städten auch nachts möglich sind, zumindest mit leisen E-Lastern. "Diese Nachtanlieferung könnte die Effizienz unsere Betriebsabläufe weiter steigern und gleichzeitig den Verkehr tagsüber entlasten", sagt eine Sprecherin. Der Logik zufolge hätten E-Laster einen ökologischen und betriebswirtschaftlichen Nutzen: Die Belieferung ginge schneller, weil die Fahrzeuge nachts weniger im Stau stünden. Und sie wären umweltschonender, weil sie keine Schadstoffe ausstoßen, vorausgesetzt, sie werden nicht mit Kohlestrom "betankt".

Man könnte den Gedanken noch weiterspinnen und sich vorstellen, wie autonom fahrende E-Lkws nachts durch die Stadt surren. Das hätte weitere Kostenvorteile für die Konzerne. Denn dann entfielen die für Fahrer vorgeschriebenen Ruhepausen und Lenkzeiten. So die Theorie.

Bei Edeka kann man sich prinzipiell zwar auch nächtliche Anlieferungen vorstellen, weiß aber, dass die Realität komplexer ist. Immer mehr Discounter und Supermärkte liegen heute im Erdgeschoss von Wohnhäusern. Nachtruhe störenden Lärm kann da schon ein quietschendes Rolltor erzeugen; und zum Entladen der Ware braucht man in aller Regel noch Mitarbeiter, die bezahlt werden wollen, was nachts wegen möglicher Zuschläge teuer werden kann.

Ob und wie sich E-Lkws lohnen, ist also noch lange nicht ausgemacht, egal, ob sie nachts oder tagsüber fahren. Rewe hat da die klarste Position: Im Moment würden die Hersteller nur Sondermodelle oder Kleinserien bauen, klagt ein Sprecher. Deren Anschaffungspreis sei jedoch "wirtschaftlich inakzeptabel". "Wir hoffen sehr, dass die Industrie hier in überschaubarem Zeitraum zur vollwertigen Serienfertigung kommt."

Daimler und die VW-Tochter MAN wollen jedoch frühestens von 2021 an erstmals größere Stückzahlen in Serie produzieren. Die Branche reagiert damit zum einen auf strengere Klimaschutzvorgaben für Lkws. Zum anderen auch auf finanzielle Anreize der Politik. So hat die Bundesregierung Mitte Mai neue Lkw-Mautsätze beschlossen: Von 2019 an sollen erstmals E-Lkws von der Maut ausgenommen werden. Hierin steckt für die Lebensmittelhändler und andere mögliche Kunden ein weiterer Anreiz, in E-Laster zu investieren.

Abschreckend bleibt die Reichweite. Die Batterieladung beim Daimler-Laster, den Edeka und neun weitere Interessenten testen, reicht für etwa 200 Kilometer. Dann muss stundenlang geladen werden. Noch ein Punkt, bei dem sich Edeka mit seiner 3500 Lkw starken Flotte der Norm Euro-6 fragen muss, ob sich der Aufwand lohnt.