E-Food Der fliegende Einkaufskorb

Rewe investiert Millionen in den Onlinehandel. Lohnt sich das?

Von Michael Kläsgen und Benedikt Müller, München/Köln

Die roten Kisten, in denen die Lebensmittel auf ihre Abfahrt warten, ähneln jenen roten Einkaufskörben, die man im Rewe-Supermarkt benutzt. Eine Hebebühne fährt die Behälter, zu mehreren aufeinandergestapelt, ins Erdgeschoss. Der Fahrer schnappt den Untersatz, rollt die Kisten in seinen Sprinter und fährt zu den Kunden. Oben auf dem Stapel liegen jene Bestellungen, die er als erstes ausliefern wird. Ganz unten warten seine letzten Fuhren. Auf die richtige Reihenfolge hat der Computer geachtet.

So geht es zu in dem neuen Logistikzentrum, das Rewe am Freitag in Köln eröffnet hat. Dort lagern auf einer Fläche von zweieinhalb Fußballfeldern Lebensmittel, die Kunden im Internet bestellen können. Es ist das erste automatisierte Lager, das die Handelskette für ihre Onlineangebote gebaut hat. In den übrigen Logistikzentren müssen Beschäftigte einzeln durch die Gänge laufen, um im Internet georderte Waren per Hand in den Lieferkorb zu legen. In dem neuen Lager flitzen hingegen automatisch kleine Körbe durch die Gegend, um die Lebensmittel aus verschiedenen Kühlräumen einzusammeln.

Lidl und Kaufland haben ihren Lebensmittelversand eingestellt, Aldi verschickt nichts Frisches

Rewe hat etwa 80 Millionen Euro in das Pilotzentrum investiert - und geht damit ein Risiko ein. Denn noch fährt die Handelskette mit ihrem Onlinegeschäft Verluste ein. Rewe wird das neue Lager nur dann voll auslasten können, wenn das Geschäft mit der Belieferung weiter wächst. "Es ist eine Investition in die Zukunft", sagt Vorstandschef Lionel Souque. "Niemand ist in der Lage zu sagen, wie sich der Markt entwickeln wird."

Zwar denken bei Onlinebestellungen viele zuerst an den US-Konzern Amazon. Doch wenn es um die Lieferung von Lebensmitteln geht, ist Rewe in Deutschland Marktführer. Im vergangenen Jahr hat die Handelskette erstmals mehr als 100 Millionen Euro Umsatz mit Internet-Ordern erwirtschaftet. Das ist etwa doppelt so viel wie Amazon mit seinen beiden Lebensmitteldiensten "Fresh" für Frischeprodukte und "Pantry" für haltbare Waren. Laut einer Umfrage der Lebensmittelzeitung belegt die Deutsche Post den dritten Rang mit ihrem Lieferdienst "Allyouneed Fresh".

Im neuen Logistikzentrum von Rewe in Köln fahren die Lebensmittel automatisch umher. Mitarbeiter sammeln keine Waren mehr im Lager ein.

(Foto: Achim Bachhausen)

Der hohe Marktanteil beruht darauf, wie flächendeckend das Angebot ist: In mittlerweile 75 Städten können Rewe-Kunden Lebensmittel online bestellen und - zu einer verabredeten Zeit - sich nach Hause liefern lassen. Vom neuen Lager aus starten Sprinter und Lkw nun nach Köln, Aachen, Bonn und Düsseldorf. Ob die Kette auch in anderen Ballungsräumen automatisierte Zentren bauen wird, hänge davon ab, wie sich der Markt entwickelt, sagt Rewe-Digitalchef Christoph Eltze. "Wir schauen uns das jetzt an."

Amazon hat bereits im vergangenen Jahr eine Lagerhalle im Osten Münchens eröffnet. Auch in dem Bau lagern Obst und Gemüse, Fleisch und Milchprodukte in getrennten Kühlkammern mit verschiedenen Temperaturen. Der US-Konzern liefert bislang nur in Berlin, Hamburg und München frische Lebensmittel aus. Denn die nötige Logistik kostet viel Geld; auch während des Transports müssen die Unternehmen die Kühlkette wahren. Wie aufwendig das ist, zeigte sich kürzlich in Berlin: Dort wurde mitten im Hochsommer das Trockeneis knapp, prompt konnte Amazon Fresh keine Tiefkühlpizzen mehr ausfahren.

Besonders hohe Kosten verursacht den Händlern die sogenannte letzte Meile zu ihren Kunden. Kaum ein Verbraucher will für die Lieferung extra zahlen, trotz der ersichtlich hohen Kosten. Daher haben Lidl und Kaufland ihr E-Food-Angebot wieder eingestellt. Aldi liefert seit jeher keine Frischeprodukte aus. Und wer Lebensmittel von Amazon beziehen will, muss vorher ein "Prime"- oder "Fresh"-Abonnement abgeschlossen haben.

Rewe setzt daher auch darauf, dass Kunden selbst zu Abholstationen fahren, um ihre online bestellten Einkäufe mitzunehmen. So sparen sie sich immerhin den Gang durch die Filialen. In knapp 140 Städten bundesweit steht dieses Angebot mittlerweile zur Verfügung.

1 Prozent

beträgt Schätzungen zufolge der Anteil von Onlinebestellungen am gesamten Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland. Da es die meisten Menschen nicht weit bis zum nächsten Supermarkt haben, sind die Lieferdienste bislang nur in einer Nische unterwegs. Doch deren Geschäft wächst von Jahr zu Jahr.

Obwohl die Lieferung von Lebensmitteln, gemessen am gesamten Umsatz des Lebensmitteleinzelhandels in Deutschland, noch immer ein Nischenmarkt ist, tummeln sich auch Start-up-Unternehmen in dem Geschäft.

Aufsehen erregt derzeit etwa der niederländische Dienst Picnic, der Lebensmittel in der Region um Neuss liefert. Er setzt auf das sogenannte Milchmannprinzip, um die Kosten auf der letzten Meile zu senken: Mit seinen Elektrofahrzeugen fährt Picnic zu bestimmten Nachmittags- und Abendstunden sein Liefergebiet ab. Nur zu dieser - täglich wechselnden - Zeit kann der Kunde die bestellte Ware annehmen. Die Verbraucher müssen sich also nach dem Anbieter richten, nicht umgekehrt, sie zahlen dafür auch nicht extra.

Da sich alle Lebensmittelhändler unsicher sind, welches Liefermodell langfristig bestehen wird, hat Rewe das neue Lager in Köln so konzipiert, dass man es später noch erweitern könnte. Immerhin 600 Beschäftigte arbeiten hier fortan an der Belieferung des Rheinlands; ein Dreischichtbetrieb rund um die Uhr rechnet sich bislang nicht.

Alle langen Wege legen die Lebensmittel hier in Körben auf Fließbändern zurück. So fahren die Waren aus den einzelnen Kühlräumen automatisch zu den Kommissionierern: Diese Mitarbeiter legen die bestellten Produkte nur noch in die roten Körbe - und müssen nicht mehr durch das Lager laufen. Wenn alle georderten Lebensmittel aus den verschiedenen Kühlräumen beisammen sind, fahren die roten Kisten nach unten zum Transport.

"Wir zeigen, wie ernst es uns ist, den E-Commerce weiterzuentwickeln", sagt Rewe-Chef Souque am Freitag. Wie ernst es ihm wirklich ist, wird man wohl daran ablesen können, wie viele solcher Zentren sein Unternehmen in den nächsten Jahren noch eröffnen wird.