bedeckt München 17°
vgwortpixel

E-Buslinie:Mit 16 Sachen in die Zukunft

Selbstfahrender E-Bus startet Linienbetrieb

Vier Meter lang, zwei Meter breit, drei Meter hoch. Die weißen Kapseln von Easymile gleiten fast geräuschlos dahin.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

In Monheim fährt künftig eine Elektro-Buslinie mit auto­nomen Fahrzeugen.

Die Zukunft stoppt und bleibt mitten auf der Straße stehen, ein seitlich geparkter Lkw versperrt den Weg. "Das ist völlig richtig so, er darf seine festgelegte Linie nicht verlassen und eigenmächtig um das Hindernis herumfahren, daher hält er an", sagt Vertriebschef Benedikt Sperling-Zikesch vom französischen Unternehmen Easymile, das die Zukunft entwickelt hat. Also greift der Busfahrer ein, der jetzt "Operator" heißt, und lenkt den Bus mit einem Joystick um den Lkw herum. Eigentlich werde er für "hoch konzentriertes Nichtstun" bezahlt, sagt Operator Mohamed Arrami bei der Probefahrt mit Journalistinnen und lacht. In der Zukunft werden Busfahrer nicht mehr gebraucht, eigentlich.

Doch so weit ist es im nordrhein-westfälischen Monheim zwischen Düsseldorf und Leverkusen nun doch noch nicht, die Zukunft funktioniert auch 2020 nur mit menschlichem Aufpasser. Am Aschermittwoch startet in der 40 000-Einwohner-Stadt ein besonderes Projekt: eine Elektro-Buslinie mit rein automatisierten Fahrzeugen, Linienbezeichnung A01 - wegen Schnee allerdings verzögert: Statt um kurz vor sieben fuhr der erste Bus um 10.

21 Uhr. "Ich vertraue dem Bus hundert Prozent", sagt Arrami und bewegt den Joystick, die Zukunft setzt sich wieder in Bewegung. Mit unaufgeregten 16 Kilometern pro Stunde gleitet sie geräuschlos über die verstopfte Straße, die ohnehin eine Tempo-30-Zone ist. Bei jeder Abfahrt ertönt eine helle Glocke, die sich fast genauso anhört wie die der Münchner Trambahnen.

Fünf kleine weiße Busse sind täglich von 6.49 Uhr bis kurz nach 23 Uhr im Einsatz. Zwölf Menschen können in dem Drei-Tonnen-Mini mitfahren: Es gibt sechs Sitzplätze und sechs Stehplätze, den für den Operator eingerechnet. Die Busse fahren im normalen Straßenverkehr auf einer zwei Kilometer langen Route, die den Monheimer Busbahnhof in der Stadtmitte im 15-Minuten-Takt mit der Altstadt am Rhein verbindet. Sie fädeln sich auf ihrer programmierten Linie zwischen Autos, Roller- und Radfahrern ein, können selbständig Kreisverkehre passieren und passgenau die sieben Haltestellen anfahren.

Die Bezirksregierung hat vor Kurzem die Linienkonzession erteilt. Dem sind zweieinhalb Jahre lang aufwendige Tests und Abstimmungen mit verschiedenen Behörden und dem TÜV Rheinland vorausgegangen. "Das Schlimmste, das passieren könnte, wäre, wenn diese Busse jemanden umfahren. Das würde die Sache um Jahre zurückwerfen. Deshalb musste einiges nachgebessert werden, deshalb sind wir so streng. Es muss alles sicher sein", sagt Dieter Lauffs, stellvertretender Leiter der Technischen Prüfstelle für den Kraftfahrzeugverkehr in NRW, und zeigt auf die vier Kameras im Businneren und die Anschnallgurte. Eine Rollstuhlrampe macht die weißen Kapseln - vier Meter lang, zwei Meter breit, drei hoch - behindertengerecht.

Am vergangenen Mittwoch war der NRW-Verkehrsminister, Hendrik Wüst (CDU), zu Besuch in Monheim. "Zwei Kilometer? Der Münsterländer würde das mit dem Fahrrad fahren", scherzte er. Der 44-jährige Westfale ist in NRWs Radfahrer-Paradies aufgewachsen. 1,9 Millionen Euro gab es vom Land für das 2,1 Millionen Euro teure Vorzeige-Busprojekt, das mit Ökostrom betrieben wird. Den Rest zahlt die Stadt selbst. 300 000 Euro kostet ein Mini-Bus, fast genauso viel wie ein moderner Linienbus mit Platz für 80 Fahrgäste. "Mobilität muss besser und sicherer werden. Automatisiert fahrende Busse wie hier in Monheim sind der richtige Schritt", sagte Wüst. Es sei Ziel der Landesregierung, dass solche Innovationen erforscht und entwickelt würden.

Das Busprojekt wird wissenschaftlich begleitet und weiterentwickelt. "Vielen Dank, dass Sie sich das zumuten. Wir leben in einer Gesellschaft, in der jedes Problem, das hier auftaucht, Ihnen aufs Brot geschmiert werden wird. Da müssen Sie vielleicht hier und da auch noch mal tapfer sein", sagte Wüst zu Monheims Bürgermeister. Daniel Zimmermann ficht das nicht an. 2009 wurde er mit 27 Jahren jüngstes Stadtoberhaupt Deutschlands. Seine Jugendpartei gibt es nur in Monheim, sie heißt "Peto" (Lateinisch für "Ich fordere"). Zehn Jahre später hat er Monheim längst zur Smart City erklärt, die Busse passen perfekt ins Konzept.

Der heute 37-jährige Bürgermeister senkte mit Zustimmung aller Fraktionen im Stadtrat den Gewerbesteuer-Hebesatz von 435 Prozent auf 250. Mehr als 350 Unternehmen sind seitdem nach Monheim gezogen, darunter der Chemiekonzern Bayer, der eine seiner wichtigsten Sparten, die Pflanzenschutzmittel- und Saatgutabteilung, in die Stadt im Kreis Mettmann verlegte. Dank des niedrigsten Gewerbesteuersatzes in ganz Nordrhein-Westfalen sanierte sich das einst mit 120 Millionen Euro dramatisch verschuldete Monheim in Rekordzeit - und wurde berühmt, aber auch berüchtigt.

Heute sprudeln die Gewerbeeinnahmen nur so, die neureiche Stadt weiß kaum, wohin mit ihrem ganzen Geld. Nur Düsseldorf und Köln hatten 2018 in NRW höhere Gewerbesteuereinnahmen als das kleine Monheim. Also gibt es sanierte Schulen und Spielplätze, keine Kita-Gebühren, ein Glasfasernetz in der ganzen Stadt, geplant ist aktuell ein 400 000 Euro teurer Geysir auf einer Verkehrsinsel. Viele Nachbarstädte sind sauer - auch weil große Unternehmen ihnen mit Abzug drohen, wenn sie nicht die gleichen Konditionen wie in Monheim vorfinden würden. Monheim sei "Deutschlands dreisteste Steueroase" schrieb die Wirtschaftswoche.

In den vergangenen Jahren hat Monheim in Sachen Nahverkehr in der Altstadt viel herumexperimentiert. Eine große Buslinie lohne sich nicht, Taxi-Busse seien nicht gut angenommen worden, sagt Zimmermann. Außerdem passen herkömmliche Busse nicht durch das mittelalterliche Tor von Monheims 600 Jahre altem Wahrzeichen, dem Schelmenturm. 2017 gab die Stadt eine Machbarkeitsstudie zu autonom fahrenden Fahrzeugen in Auftrag. Auf der Messe Cebit fiel Zimmermann die Technik auf. Nach einer Ausschreibung Ende 2018 bekam das Start-up Easymile den Zuschlag.

"Jetzt haben wir eine kleine kompakte Lösung, die das Liniensystem der Stadt als Zubringer unterstützt und die Menschen zu den Hauptbuslinien transportiert. Die Busse sind kein Selbstzweck, die Innovation soll den Menschen nutzen", sagt der Bürgermeister. 300 000 Euro hatte der Rat der Stadt für die Vorbereitungen bewilligt, außerdem zahlt Monheim die Folgekosten - und der Betreiber, die städtische Tochter "Bahnen der Stadt Monheim", hat zwölf zusätzliche Busfahrer eingestellt. Aber sollten automatisiert fahrende Busse nicht Personal einsparen? Ja, aber da gibt es noch das Wiener Übereinkommen über den Straßenverkehr von 1968. Der internationale Vertrag schreibt die physische Anwesenheit eines Fahrers in jedem sich bewegenden Fahrzeug vor.

Die Operatoren arbeiten in Monheim künftig 45 Minuten am Stück, danach müssen sie 15 Minuten Pause machen, das hat der TÜV Rheinland so vorgeschrieben. "Weil hoch konzentriertes Nichtstun sehr anstrengend ist", sagt Detlef Hövermann, Geschäftsführer der städtischen Bahnen. Operatoren arbeiten an einigen Tagen in den Mini-Bussen, dann als Busfahrer in einem der 45 herkömmlichen Busse im Stadtgebiet.

Deutschlandweit gibt es bislang etwa 20 Projekte mit selbstfahrenden Mini-Bussen, den sogenannten Roboshuttles, aber nur sehr wenige dürfen sich mit Ausnahmegenehmigung im öffentlichen Straßenverkehr fortbewegen. Die meisten werden noch auf Privatgelände erprobt. Wie viele Projekte es genau sind und wie hoch deren Gesamtfördervolumen ist, konnte das Bundesverkehrsministerium auf SZ-Anfrage nicht mitteilen.

In Monheim freut sich Daniel Zimmermann derweil auf den 1. April. Ab dann ist der öffentliche Nahverkehr in Monheim kostenlos für alle Einwohner und Einwohnerinnen - die Stadt kann es sich ja leisten.

© SZ vom 27.02.2020
Zur SZ-Startseite