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Elektromobilität:Schnellladen motiviert

Ladesäule für E-Auto

Eine halbe Million elektrifizierte Autos teilen sich derzeit knapp 40 000 öffentlich zugängliche Ladepunkte.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Erstmals wurde genau berechnet, wie sehr die Zahl der Ladesäulen den Kauf von Elektroautos beeinflusst.

Von Max Hägler, München

Weg von Benzin und Diesel hin zu Elektroantrieben, dem Klimaschutz wegen, das ist der Wunsch der Europäischen Kommission und vieler Bürger. Doch allen Förderungen zum Trotz hat Deutschland das von der Bundesregierung ausgerufene Ziel von einer Million Elektrofahrzeugen in 2020 gerissen: Nur etwa 500 000 der knapp 48 Millionen Autos in Deutschland fuhren Ende des vergangenen Jahres zumindest teilweise elektrisch.

Was hält die Kunden ab vom E-Auto? Die "Reichweitenangst", die immer noch hohen Kosten, das noch immer kleine Fahrzeugangebot oder die fehlenden Ladesäulen? Deutschlands oberste Autolobbyistin Hildegard Müller formuliert es so: Es ist ein Henne-Ei-Problem, also eines, das sich gegenseitig bedingt.

Nun gibt es erstmals sehr genaue Berechnungen, die den hohen Einfluss der Ladeinfrastruktur auf das Kaufverhalten in Deutschland zeigen: Ein neuer Ladepunkt führt zu 0,74 neuen Batterieautos pro Jahr, haben Forscher des RWI - Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung mittels statistischer Methoden berechnet. Ein neuer Schnellladepunkt motiviert sogar viermal so stark, heißt es in der Studie, die der Süddeutschen Zeitung vorab vorlag. Auf Basis der Daten des Förderprogramms für Elektrofahrzeuge, das im Juli 2016 eingeführt wurde, analysierten Stephan Sommer und Colin Vance den Einfluss der öffentlichen Ladeinfrastruktur auf die Verbreitung von Elektrofahrzeugen. Demnach wäre ein Ausbau von normalen Ladepunkten um zehn Prozent mit einem Anstieg des Kaufs von reinen E-Autos um gut fünf Prozent verbunden. Der Einfluss eines solchen Ladepunktes auf den Kauf von Plug-In-Hybriden ist etwa halb so stark.

"Es ist gut, dass sich die Bundesregierung nun stärker der Ladeinfrastruktur annimmt", sagt Colin Vance, Umweltökonom am RWI mit Blick auf die jüngsten politischen Entscheidungen: Die Bundesregierung hat in den vergangen Wochen zwei Milliarden Euro für den flächendeckenden Netzaufbau von Schnell-Ladesäulen bereitgestellt und auch den Bau privater Ladestationen erleichtert. Dadurch könnte die Nachfrage nach E-Autos deutlich steigen, sagt Vance, bislang habe sich die Politik zu sehr auf die Subventionierung des Kaufs konzentriert. Allerdings, so der RWI-Forscher, sei es für eine möglichst effiziente Förderung sinnvoll, regionale Unterschiede zu berücksichtigen: In dicht besiedelten Gebieten wirken sich Ladepunkte deutlich stärker auf die Verbreitung von Elektrofahrzeugen aus als am Land. Auch in Gebieten mit hohen Kraftstoffpreisen seien die Effekte größer.

Die Beobachtung der Leibniz-Forscher decken sich mit Erhebungen der Unternehmensberatung McKinsey aus dem vergangenen Jahr. Demnach haben 36 Prozent der E-Auto-interessierten Menschen in Deutschland Bedenken wegen der Batteriequalität und der Lademöglichkeiten. Der Energieaspekt überwog die Sorgen um mangelnde Reichweite und höhere Kosten.

Nun ist Deutschland derzeit gar nicht so schlecht ausgestattet mit öffentlichen Ladepunkten; die Bundesnetzagentur hat 40 000 in ihrer Datenbank, das ist nah an der EU-Empfehlung von einem Ladepunkt pro zehn E-Autos. Große Ladestationsbetreiber wie die EnBW berichten zudem, dass deren in ganz Deutschland verteilten Ladesäulen "bei weitem nicht ausgelastet" seien. Und dennoch: "Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Sättigungsgrenze noch nicht erreicht ist", heißt es vom RWI.

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