Nachhaltigkeit:Macht sich die DWS grüner, als sie ist?

DWS - Wolken spiegeln sich in der Fassade

Die Glasfassade des Gebäudes der DWS Group.

(Foto: Arne Dedert/picture alliance/dpa)

Beim Thema Nachhaltigkeit möchte Deutschlands größter Vermögensverwalter spitze sein. Interne Unterlagen zeigen jedoch ein anderes Bild.

Von Jan Diesteldorf, Frankfurt

Es kann wehtun, an den eigenen Ansprüchen gemessen zu werden. Besonders dann, wenn man die Ansprüche so hoch ansetzt, wie es Asoka Wöhrmann gern tut. Er führt den Vermögensverwalter DWS, Deutsche-Bank-Tochter, Nummer eins der deutschen Fondsgesellschaften, vom Selbstverständnis her immer ein bisschen mehr premium als die Konkurrenz. Und am liebsten auch ein bisschen weiter vorn, zum Beispiel beim Thema Nachhaltigkeit, das die Branche der Geldverwalter derzeit umtreibt wie kein zweites. Man werde "Nachhaltigkeit zum Kern des Handelns der DWS machen", sagte Wöhrmann bereits in seiner Rede auf der Hauptversammlung 2019. Diese Aussage wiederholt er seitdem wie ein Mantra, sie findet sich in jeder seiner Reden und in den Geschäftsberichten der Gesellschaft.

In der Finanzindustrie hat sich für Nachhaltigkeit das Kürzel ESG eingebürgert, als Abkürzung für Umweltstandards, soziale Aspekte und die Regeln guter Unternehmensführung. Getrieben von einer Mischung aus erhöhter Nachfrage, Druck der Regulierungsbehörden und besseren Daten wollen Fondsmanager Firmen heute nicht mehr nur nach Finanzkennzahlen beurteilen, sondern zunehmend danach, wie gut sie sind zu Mensch und Umwelt. Die DWS sei dabei besser als die Konkurrenz, so erklärte es Wöhrmann zur Hauptversammlung im November 2020: Man habe "einen in unserer Branche einzigartigen Ansatz zur Integration von Nachhaltigkeitsaspekten", sagte er. "Er geht weit über bisherige Branchenstandards hinaus."

Zweifel an den großen Zahlen

Experten aus dem eigenen Hause sahen das offenbar ganz anders. Interne E-Mails und Präsentationen aus den Monaten nach dem Aktionärstreffen lassen bezweifeln, dass die DWS beim Thema Nachhaltigkeit schon so weit ist, wie Wöhrmann es vorgibt. In einer Bestandsaufnahme des ESG-Produktchefs heißt es noch im Februar 2021: "Nur ein kleiner Teil der Investmentplattform wendet die ESG-Integration an." Für wichtige Anlageklassen sei die ESG-Integration überhaupt nicht messbar. Mit anderen Worten: Die hauseigenen Experten wussten offenbar mitunter nicht, welcher Teil des verwalteten Vermögens überhaupt den angeblich einzigartigen Prozess zur ESG-Integration durchlaufen habe. Trotzdem schreibt die DWS in ihrem aktuellen Geschäftsbericht, dass gut 459 Milliarden Euro in Portfolien "mit ESG Integrationsansatz" verwaltet würden. Also weit mehr als die Hälfte der zum Jahresende 2020 verwalteten 793 Milliarden Euro.

Über diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit berichtete am Sonntagabend zuerst das Wall Street Journal und berief sich dabei auf die frühere DWS-Nachhaltigkeitschefin Desiree Fixler, die im März nach nur einem halben Jahr entlassen wurde. Noch wenige Wochen zuvor hatte sie in einer Präsentation dargelegt, wie groß der Nachholbedarf der DWS beim vielleicht wichtigsten Branchenthema war. Der Ansatz sei je nach Produkt und Region "fragmentiert", man habe "keine klare Ambition oder Strategie", es fehlte an Regelwerken, unter anderem zum Umgang mit Investitionen in Kohle, hieß es in dem auf den 16. Februar datierten Dokument, auf das sie von mindestens einem Vorstandsmitglied Zuspruch erhielt.

Der Leiter des Bereichs Nachhaltigkeitsprodukte hatte es am 1. Februar in einer Sammel-E-Mail so ausgedrückt: "Da wir schon ziemlich spät dran sind, müssen wir jetzt unsere Ambitionen festlegen und den Transformationsprozess beginnen." Fixler betonte am Montag auf SZ-Anfrage, sie habe sich "mit allen leitenden ESG-Spezialisten aus drei Abteilungen zusammengetan, und wir alle sind uns über die Probleme und die anstehenden Aufgaben einig gewesen".

Die DWS steht stellvertretend für ein Branchenproblem

War man nicht längst weit über Branchenstandards hinausgegangen? Wöhrmanns Behauptung auf dem Aktionärstreffen im November wird sich kaum widerlegen lassen: Branchenstandards im engeren Sinne gab es bei dem Thema bis zuletzt kaum; erst seit diesem Frühjahr müssen Fondsmanager in der EU verpflichtend ihren Nachhaltigkeitsansatz offenlegen. Die Prozesse, wie man den CO2-Fußabdruck einer Firma oder ihren Umgang mit Mitarbeitern misst und dann bei Anlageentscheidungen berücksichtigt, legt aber bisher jeder selbst fest. Darauf verweist die DWS auch jetzt auf Anfrage.

Die entsprechenden Daten etwa zur Klimabilanz von Konzernen sind zwar besser als früher, aber insgesamt immer noch schlecht. Die interne Kontroverse der DWS dürfte sich entsprechend auch in anderen Häusern abspielen, sie steht stellvertretend für ein akutes Problem der Fondsbranche: Dass sich ESG-Kriterien noch nicht in jeder Hinsicht abbilden und berücksichtigen lassen, vergisst man schnell, während ständig neue Fonds mit Nachhaltigkeitslabel auf den Markt kommen.

Die DWS erklärte in einer schriftlichen Stellungnahme, man sei stets ehrlich gewesen und bestritt, die eigene Leistung in Sachen Nachhaltigkeit übertrieben dargestellt zu haben. "Wir haben dem Markt, unseren Kunden und Stakeholdern immer deutlich gemacht, dass der Weg in eine nachhaltige Zukunft lang und beschwerlich ist", teilte das Unternehmen mit, ohne auf konkrete Fragen einzugehen. Der Geschäftsbericht - und damit die darin veröffentlichten Zahlen zur ESG-Integration - sei vor der Veröffentlichung sorgfältig geprüft worden. Nach ihrer Entlassung zum Ende der sechsmonatigen Probezeit habe Ex-Nachhaltigkeitschefin Fixler eine Beschwerde formuliert; ihre Vorwürfe habe man von einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft untersuchen lassen. Demnach sei "keiner ihrer Vorwürfe zutreffend, inklusive Greenwashing."

© SZ
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