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Durch die Hintertür:Wework will an die Börse

FILE PHOTO: WeWork offices in San Francisco

Büros von Wework in San Francisco. Das Unternehmen mietet Immobilien an und vermietet die Flächen dann weiter.

(Foto: Kate Munsch/Reuters)

Der Bürovermittler Wework galt mal als ultracooles Unicorn und fiel dann tief. Nun versucht das Unternehmen ein Listing über die Fusion mit einer Platzhalterfirma. Der geschasste Gründer Adam Neumann soll derweil am Comeback basteln.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es sind oft die Details, die das große Ganze erklären, und so gesehen könnte diese Anekdote im Dokumentarfilm "Wework: Or the Making and Breaking of a 47 Billion Dollar Unicorn" treffender kaum sein: Es geht um Aufstieg und Niedergang des Start-ups Wework, das seinen vorzugsweise jungen Kunden einen interessanten Lebensentwurf bot: flexible urbane Kommunen für Weltverbesserer; letztlich aber eine Prunkvilla auf Sand gebaut hatte. Die Anekdote geht so: Wer in den schicken Cafés des Büro- und Wohnungsvermittlers einen Cappuccino bestellte, bekam einen Latte Macchiato, weil Wework-Gründer Adam Neumann einen Cappuccino für einen Latte Macchiato hielt und niemand den Mut hatte, ihn zu korrigieren.

Der Film ist in den USA seit vergangener Woche auf dem Streamingportal Hulu zu sehen, gar nicht mal so wenige Leute fragten deshalb: Wie bitte, die gibt es noch? Sind die nicht krachend gescheitert? Ja, es gibt den Konzern noch, auch in Deutschland mit Angeboten in München, Berlin, Hamburg, Frankfurt und Köln. Im vergangenen Jahr hat Wework 3,8 Milliarden Dollar Verlust gemacht und will nun doch an die Börse - über eine Fusion mit Bowx Acquisition. Diese Firma gibt es einzig und allein für diesen Zweck. Es ist eine sogenannte "Special Purpose Acquisition Company" (Spac): eine an der Börse gelistete Platzhalterfirma, die es einem anderen Konzern erlaubt, ohne lästige Fragen der Investoren einen schnellen und günstigen Börsengang hinzulegen.

Diese Hintertür ist derzeit in Mode, laut einer Studie der Beraterfirma Ernst & Young gab es allein an den New Yorker Börsen im ersten Quartal dieses Jahres 267 Spac-Emissionen im Wert von 93 Milliarden Dollar. Die Pläne von Wework sind deshalb so spannend, weil sie mehrere Elemente des Tech-Start-up-Wahnsinns vereint.

Zur Erinnerung: Der charismatische Neumann hatte seine Idee, die Umgestaltung und Untervermietung von urbanen Immobilien in bester Lage, als Abkehr vom Mein-Haus-mein-Job-meine-Familie-Lebensziel der Baby-Boomer-Generation vermarktet. Junge Leute sollten Wohnungen und Büros mieten und in den hauseigenen Cafés über eine bessere Welt nachdenken. Es war eher ein Klub als ein Mietverhältnis, es gab Schulen und Fitnessangebote, das Unternehmen pflegte einen semireligiösen Kult, in dem alle der Vision des Gründers folgen sollten - der ganz offen sagte: "Wir wollen die Welt verbessern, und wir wollen dabei Geld verdienen."

Zeitweise war Wework das wertvollste private Unternehmen in den USA

Das 2010 gegründete Unternehmen wuchs rasch, 2018 war es der größte private Mieter von Büroflächen in New York. Zahlreiche Investoren glaubten an diese Idee, Anfang 2019 wurde Wework nach einigen Finanzierungsrunden mit 47 Milliarden Dollar bewertet. Das damals wertvollste private Unternehmen der USA plante einen 65-Milliarden-Dollar-Börsengang. Das Problem: Neumann handhabte den dafür nötigen Börsenprospekt wie einen seiner Vorträge, auf der Titelseite stand etwa: "We dedicate this to the energy of we - greater than any one of us but inside each of us." Man könnte das mit "Wir widmen dies der Energie des Wir - größer als alle von uns, aber in jedem von uns" übersetzen, allerdings ist es auf Deutsch ebenso sinnentleert wie auf Englisch.

Wer im Prospekt blätterte, der erkannte schnell, dass die Zahlen ungefähr so viel Sinn ergaben wie der Spruch auf der Titelseite, und dass sich allein zehn Seiten um Neumann drehten beziehungsweise darum, wie desaströs er für das Unternehmen sein könnte. Die Leute forschten nach, und es kam heraus, dass Neumann doch weniger Messias als vielmehr frauenfeindlicher Schwätzer war, der oft verkatert oder gar zugedröhnt zur Arbeit erschien. Der Börsengang wurde abgesagt, Neumann musste den Konzern verlassen. Der Konzern wurde zum Beispiel für ein Einhorn in der Techbranche, das sich als schön dekorierter Esel herausstellte.

Softbank-Chef Masayoshi Son während einer Pressekonferenz im November 2019. Er glaubte an das Geschäftsmodell von Wework und wurde bitter enttäuscht.

(Foto: Kazuhiro Nogi/AFP)

Der neue Geschäftsführer Sandeep Mathrani will die Firma konsolidiert haben, zum Beispiel durch den Verkauf des 60-Millionen-Dollar-Privatjets von Neumann: "Wir sind ein flexibler Anbieter, die Leute werden in Massen zurück an ihre Arbeitsplätze kommen. Wir sehen selbst in New York bereits erste Anzeichen dafür, also sind wir durchaus optimistisch." Bis Ende 2022 will Mathrani eine Auslastung der Gebäude von 90 Prozent erreichen, Ende 2020 lag sie bei weniger als 50 Prozent. Sogar einen operativen Gewinn plant der Chef. Warum also dieser plötzliche Börsengang durch die Hintertür, der im dritten Quartal passieren soll?

"Wir denken, es ist an der Zeit für zusätzliches Kapital", sagt Mathrani, und nun wird es interessant: Wework wird durch die Fusion mit Bowx 1,3 Milliarden Dollar bekommen und mit neun Milliarden Dollar bewertet. Es heißt, dass der Konzern dieses Geld gut gebrauchen könne, weil die Schulden größer geworden sind und Wework immer noch immense finanzielle Verpflichtungen hat. Es mietet viele seiner angebotenen Flächen und vermietet sie dann weiter. Zum anderen heißt es, das japanische Konglomerat Softbank würde auf diesen Börsengang drängen, es hat bislang knapp 16 Milliarden Dollar investiert und wolle nun retten, was noch zu retten sei. Nach dem Börsengang kann Softbank seine Anteile verkaufen oder auf steigende Kurse hoffen, das führt zu Partner Bowx Acquisition.

FILE PHOTO: Neumann, CEO of WeWork, speaks to guests during the TechCrunch Disrupt event in Manhattan, in New York City

Wework-Gründer Adam Neumann wurde vom Wunderkind zur Witzfigur. Er arbeitet am Comeback.

(Foto: Eduardo Munoz/Reuters)

Vivek Ranadivé, Gründer des Software-Konzern Ticbo und Eigentümer des Basketballvereins Sacramento Kings, hat das Spac im August 2020 an die Börse gebracht und dabei 420 Millionen Dollar eingesammelt. Basketball-Legende Shaquille O'Neal ist als Berater tätig, es ist überhaupt sehr erstaunlich, wie viele Promis an diesen Spacs beteiligt sind. Ranadivé hat seitdem viel Zeit, eine Firma zu finden, die Bowx übernehmen könnte. Offensichtlich war Wework bekannt genug, aber nicht mehr berüchtigt, dass sich der Deal lohnen könnte. Vor allem Kleinanlegern dürfte der Name des Konzerns geläufig sein, auch wenn der Glanz von einst vergangen ist. Bei genauer Betrachtung ist Wework auch keine Tech-Firma, sondern ein Untervermieter. Es ist ein riskantes Investment, die US-Börsenaufsicht SEC soll bereits Informationen zu den Spac-Aktivitäten von Banken angefordert haben.

Wework-Gründer Neumann arbeitet an einer neuen Firma

Und Neumann, 41, der zwar vom Wunderkind zur Witzfigur geworden ist, dessen Vermögen jedoch noch immer auf 750 Millionen Dollar geschätzt wird, plant ein Comeback. Die New York Post berichtete am Samstag, dass er an einem Unternehmen arbeite, das er für wie gemacht für die postpandemische Welt halte. Er warte nur auf den richtigen Augenblick, es allen zu präsentieren. Im Film sagt jemand über ihn: "Wenn ein Mann in den Dreißigern hört, dass er Jesus sei - dann ist er geneigt, das zu glauben."

© SZ
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