Duisburg:Zank ums Loveparade-Gelände

Ein Outlet-Center spaltet eine ganze Stadt: Am Wochenende kommt es in Duisburg zum Bürgerentscheid.

Von Benedikt Müller, Duisburg

Es ist eine Ruine in markanter Lage: Wer mit dem Zug oder auf der Autobahn durch Duisburgs Süden fährt, dem fällt der alte Güterbahnhof ins Auge, der seit Jahren leer steht. Das 40 Fußballfelder große Gelände erlangte im Jahr 2010 traurige Bekanntheit, als bei der Loveparade-Katastrophe 21 Menschen starben und Hunderte im Gedränge verletzt wurden. Seitdem hat sich nichts getan auf dem alten Rangierfeld mit seinen wilden Sträuchern. Doch nun prangt ein buntes Transparent vor den eingeschlagenen Fenstern der großen Backstein-Halle. "Stillstand?", steht dort in Großbuchstaben, "Du kannst das ändern!"

Der Möbel-Unternehmer Kurt Krieger und der Immobilien-Entwickler Neinver wollen auf der Brache ein Designer-Outlet-Center (DOC) bauen, das Kunden aus dem nahen Düsseldorf und dem ganzen Ruhrgebiet anlocken soll. "Es gibt kein Grundstück in Deutschland, das eine ähnlich gute Lage hat", sagt Eigentümer Krieger. Im ersten Bauabschnitt könnten bis zu 100 Modegeschäfte Platz finden, kündigen die Investoren an. In einer zweiten Phase wollen sie die Verkaufsfläche verdoppeln, auf eine deutsche Rekordgröße von 30 000 Quadratmetern.

Am Sonntag stimmen die Duisburger in einem Bürgerentscheid über das Bauprojekt ab, zeitgleich zur Wahl des Bundestags und des Oberbürgermeisters. Doch zeigt alleine das Referendum, wie umstritten das geplante Outlet-Center ist. Gegner haben 22 000 Unterschriften gesammelt - mehr als doppelt so viele, wie für einen Bürgerentscheid nötig sind. Die Initiative "Ja zu Duisburg, kein DOC" bezweifelt, dass sich das Projekt für die Stadt rechnen würde: Die Innenstadt könnte veröden, während die Filialisten eines Outlet-Centers ihre Gewerbesteuer am jeweiligen Firmensitz statt in Duisburg zahlen würden.

Einer der Gegner ist Boris Roskothen, Inhaber eines Spielwarenladens in Familienhand. Sein Geschäft liegt an einer alten Einkaufsstraße; in der Nachbarschaft gibt es noch einen Lederhändler, einen Handwerksmetzger, einen Konditor. Sie alle befürchten, dass die Kunden eines Outlet-Centers nicht noch die zwei Kilometer in die Altstadt zurücklegen würden, um dort weiter zu bummeln. Aus ihrer Sicht würde der Bau Umsätze von der Innenstadt ins DOC verlagern. "Ein Outlet-Center kann durchaus Teil einer Stadtentwicklung sein", sagt Roskothen, "aber an dem Standort stellen wir das infrage."

Die Investoren argumentieren hingegen, das DOC brächte zusätzliche Kaufkraft nach Duisburg und könnte 1500 Arbeitsplätze schaffen. Auch Oberbürgermeister Sören Link (SPD) und die CDU haben sich für das Projekt ausgesprochen. Der Bürgermeister hat allerdings betont, er werde den Bau nicht gegen den Willen der Bevölkerung durchsetzen.

Für den Fall, dass die Duisburger am Sonntag das Projekt stoppen, hat Unternehmer Krieger eine "Denkpause" angekündigt. Die Bürgerinitiative schlägt vor, auf dem alten Bahngelände neue Büros und Wohnungen zu bauen, die im nahen Düsseldorf sehr knapp sind. Alternativ macht die Idee eines Sportgeländes oder eines Kongresszentrums die Runde. Doch in jedem Fall wird eine Entscheidung über Kurt Krieger gehen. Er hat das Gelände im Jahr 2010 von der Firma Aurelis gekauft, die in vielen deutschen Städten Brachflächen der staatseigenen Deutschen Bahn privatisiert hat.

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