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Duisburg:Ein zweiter Heimathafen

Die Stadt im Ruhrgebiet liegt am Ende der geplanten neuen Seidenstraße. Doch bisher merkt die dortige Wirtschaft wenig von dem chinesischen Großprojekt: Die Duisburger Unternehmen kommen bisher kaum an Aufträge durch die Handelsroute.

China hat die Stadt Duisburg zur westlichen Endstation ihres Seidenstraßenprojekts erkoren. Kleine und mittlere Unternehmen hoffen dadurch auf Impulse. Doch der Zugang zu den Geldtöpfen bleibt oft noch verborgen.

Die alten Villen in der Bliersheimer Straße in Duisburg-Rheinhausen bewahren die Geschichte der deutschen Stahlindustrie sicher hinter ihren Mauern auf. Zum Glück stehen sie längst unter Denkmalschutz. Sonst könnte irgendjemand noch auf die Idee kommen, die Siedlung abzureißen, um dort Lagerhallen hochzuziehen. Chinesischen Unternehmern darf man so viel Fantasie durchaus zutrauen. Altes reißen sie gerne ab, um dort dann Neues aufzubauen, ohne Rücksicht auf Erinnerung und Identität. Zumal sie in Duisburg, unweit der Bliersheimer Villen, seit ein paar Jahren so etwas wie einen zweiten Heimathafen gefunden haben.

Logport heißt das Gelände heute, auf dem einst das Hüttenwerk der Familie Krupp Tausenden Menschen Arbeit bescherte und die Villen als Unterkünfte für leitende Angestellte dienten. Logport ist Sinnbild für den Strukturwandel des Ruhrgebiets und seit Jahren eine der wichtigsten Logistik-Drehscheiben für Güterverkehr in Westeuropa. "Für die Stadt Duisburg ist Logport ein Segen. Viele kleine und mittlere Unternehmen haben hier die Möglichkeit, Geld zu verdienen, und sogar Langzeitarbeitslosen mit geringen Qualifikationen bieten sich Perspektiven in der Logistikbranche", sagt Thomas Altmann, Regionalkreisleiter Duisburg im Interessenverband deutscher Zeitarbeitsunternehmen iGZ, deren Mitglieder auch den Logport mit Arbeitskraft versorgen.

Doch damit nicht genug. Seitdem die Volksrepublik China die Stadt Duisburg zum offiziellen Endpunkt ihrer One-Belt-One-Road-Initiative (Obor) erkoren hat, ist Logport international in aller Munde und gewinnt stetig an Bedeutung. Die sogenannte neue Seidenstraße verbindet den Duisburger Innenhafen mit dem Fernen Osten und umgekehrt. Im Frühjahr 2014 begrüßte Chinas Staatspräsident Xi Jinping persönlich den ersten Güterzug, der aus der Industriemetropole Chongqing ins Ruhrgebiet gefahren war. Es ist eine von mehreren Routen kreuz und quer durch Asien und Europa, die Obor begrifflich vereint. Inzwischen werden 25 bis 30 chinesische Züge pro Woche abgefertigt. Innerhalb der kommenden zwei Jahre soll die Frequenz noch verdoppelt werden. Aus gutem Grund. Die neue Eisenbahnlinie beschleunigt den Gütertransport und reduziere damit die Kosten um mehr als 50 Prozent, heißt es offiziell aus der Stadt Chongqing. Das sind Ersparnisse, die offenbar belebend wirken. Die Brüsseler Wirtschafts-Denkfabrik Bruegel berechnete ein Handelsplus von zwei Prozent je zehn Prozentpunkten geringerer Transportkosten im Eisenbahnverkehr.

Ein Investor aus Fernost baut jetzt für 220 Millionen Euro ein Handelszentrum

Mehr Handel, wachsender Bedarf an Dienstleistungen und Zulieferungen bei Infrastrukturprojekten entlang der Obor-Routen wecken Begehrlichkeiten. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) empfiehlt ihren Mitgliedern eine frühzeitige Beteiligung an Projekten der neuen Seidenstraße. In einer gemeinsamen Studie mit der Wirtschaftsförderungsgesellschaft GTAI heißt es: "Durch den Ausbau der Infrastruktur und die dadurch angestoßene wirtschaftliche Entwicklung in den Ländern entlang der Route könnten zudem für deutsche Firmen zukünftig neue Absatzmärkte entstehen, beziehungsweise die Geschäftstätigkeit erleichtert werden. Während dieser Aspekt eher langfristig Vorteile bringt, hält die Beteiligung an Infrastrukturprojekten schon heute Geschäftschancen bereit." Speziell auch in Duisburg hoffen die Unternehmer auf neue Impulse durch das chinesische Engagement. Ein Anfang wäre es, wenn die Züge in Richtung China voll ausgelastet wären. Das sind sie aber nicht, weil viele Branchen nicht in die Volksrepublik exportieren dürfen.

Ein Investor aus China baut jetzt für 220 Millionen Euro sogar ein Handelszentrum in der Nachbarschaft von Logport. Das lockt noch mehr chinesische Firmen nach Duisburg. Die Stadt greift deshalb ihren mittelständischen Unternehmen mit einer Netzwerk-Initiative unter die Arme, wenn diese sich im Rahmen von Obor engagieren wollen. Es geht um Kontakte, aber auch um Hilfestellung. Wer Technologie einbringen möchte, soll unbedingt die Patentrechte sichern, lautet eine der Grundsatzregeln. Außerdem sollte die Handhabe von möglichen Streitpunkten schon vertraglich geregelt werden. "Wir müssen die Chancen nutzen, die sich bieten", sagt Johannes Pflug, ehemaliger Vorsitzender der deutsch-chinesischen Parlamentariergruppe im Bundestag und heute ehrenamtlicher China-Beauftragter der Stadt Duisburg.

Doch sich bietende Chancen zu nutzen, ist manchmal leichter gesagt als getan. Viele Infrastrukturprojekte, bei denen deutsche Firmen als Zulieferer Geld verdienen könnten, sind nicht transparent ausgeschrieben, so dass der Kuchen unter chinesischen Firmen aufgeteilt ist, ehe ein deutsches Unternehmen davon überhaupt Wind bekommt. Pflug nimmt die Bundesregierung und die EU in die Pflicht. Man müsse sich intensiv mit den Projekten rund um die neue Seidenstraße auseinandersetzen und sich bisweilen auch finanziell daran beteiligen. Nur so könne es gelingen, europäischen und deutschen Mittelständlern verstärkt Zugang zu interessanten Infrastrukturprojekten zu ermöglichen.

Pflug kennt China sehr gut. Schon in den 1980er-Jahren gehörte er Delegationen an, die Duisburgs Städtepartnerschaft mit der Millionenmetropole Wuhan am Jangtse pflegten. Er sagt: "Dadurch, dass die Chinesen die Hauptinvestitionen leisten und den Verlauf der neuen Seidenstraße bestimmen, entwickeln sich entlang dieser Strecken ein Regelwerk und eine Wirtschaftsordnung, die von den Chinesen bestimmt wird." Es sei deshalb wichtig, dass man seine eigenen Vorstellungen klar formuliert, so wie man es in Duisburg praktiziere. Kürzlich erteilte man den Chinesen eine Absage für deren Wunsch, die Vermarktung eines Geländes einer ehemaligen Papierfabrik in Duisburg-Walsum zu übernehmen. Doch Pflug gibt auch zu: "Die Chinesen üben natürlich eine gewisse Dominanz aus im Logistikbereich mit den vielen Zügen, die inzwischen hier ankommen."