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Dr. Oetker und die Nazis:Im Schatten des Patriarchen

August Oetker: ´Mein Vater war Nationalsozialist"

"Mein Vater war Nationalsozialist": Geschäftsführer August Oetker (l.) und sein Vater Rudolf-August Oetker 2005

(Foto: dpa)

Rudolf-August Oetker widersetzte sich allen Versuchen, die Geschichte der Firma in der NS-Zeit aufzuarbeiten. "Nicht zu meinen Lebzeiten", bat er die Familie. Seine Kinder ahnten die tiefen Verstrickungen des Vaters. Jetzt haben sie Gewissheit.

Wie er da saß, der alte Herr, damals schon in seinen späten Achtzigern: Aufrecht, aufmerksam, genüsslich an seiner Pfeife ziehend, ohne ein Wort zu sagen. Das Reden überließ er bei diesen Gelegenheiten gern anderen. Vor allem seinem Sohn August, aber auch den übrigen Geschäftsführern der Oetker-Gruppe, die einmal im Jahr im Bielefelder Stammhaus Medienvertretern Frage und Antwort standen.

Gefühlsregungen zeigte Rudolf-August Oetker, der Senior-Chef, allenfalls wenn die Frage nach der Ertragskraft des Familienunternehmens gestellt wurde. Die Frage blieb immer unbeantwortet, der alte Oetker schmunzelte dann still. Wohl wissend, dass die Oetker-Gruppe mit Lebensmitteln, Luxushotels, Schifffahrtslinien und Finanzprodukten natürlich wieder bestens verdient hatte, wie immer.

Viel wissen, aber wenig sagen - so hat es Oetker, der im Januar 2007 im Alter von 90 Jahren verstorbene Unternehmer, nicht nur im Umgang mit neugierigen Wirtschaftsjournalisten gehalten. Auch gegenüber seiner Familie hat er geschwiegen, wenn die Frage aufkam, wie sich die Firma durch die Zeit des Nationalsozialismus laviert hat.

Ob sie nur mitgeschwommen ist auf der braunen Welle. Oder ob die damaligen Macher, allen voran sein Stiefvater Richard Kaselowsky, aber auch er selbst, gemeinsame Sache gemacht haben mit den Nationalsozialisten. Ob sie Zwangsarbeiter beschäftigten, sich durch Arisierungen bereicherten und sich vielleicht gar aus voller Überzeugung im Kreis der Nazi-Größen bewegten.

"Das war eine schlimme Zeit"

"Kinder, lasst mich damit in Ruhe. Das war eine schlimme Zeit", hat Rudolf-August Oetker dann nur gesagt. So berichtet es jetzt sein Sohn August, 69, der die Firmengruppe von 1981 bis 2009 geführt hat, in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit. Er und seine Geschwister hätten geahnt, dass "da was ist", aber der Vater habe nicht reden wollen. Habe sich allen Versuchen, diese Phase der Firmengeschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten widersetzt. "Nicht zu meinen Lebzeiten. Danach ja", habe er betont.

Seine Nachfahren - Oetker hatte acht Kinder aus drei Ehen - haben sich daran gehalten. Und auch nach dem Tod des Seniors haben sie lange diskutiert, ob sie nun endlich Licht in das Dunkel bringen sollten. "Widersprüchlich" seien diese Gespräche in der Familie gewesen, erinnert sich August Oetker. Die einen, vor allem die Älteren, hätten Aufklärung gesucht; die andern hätten sich gesorgt, dass sie dem Vater "Böses antun" - vor allem, weil er nicht mehr selbst Position beziehen kann.

Zwei Jahre nach dem Tod des Seniors beauftragte die Familie 2009 Andreas Wirsching, Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, die Geschichte der Firma in der NS-Zeit zu erforschen. Der machte sich mit seinen Mitarbeitern Jürgen Finger und Sven Keller ans Werk, drei Jahre benötigte das Projekt. Am Montag stellen die Autoren ihre 624 Seiten starke, von der Oetker-Gruppe finanzierte Arbeit vor. Das Urteil der Forscher fällt eindeutig aus: "Die Familie und die Firma Oetker waren Stützen der NS-Gesellschaft, sie suchten die Nähe des Regimes und profitierten von dessen Politik."