Süddeutsche Zeitung

Donner & Reuschel:Zu arm für die Bank

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Die Bank trennt sich als erstes Geldhaus in Deutschland systematisch von weniger wohlhabenden Kunden. Einer fühlt sich "eiskalt abserviert".

Von Harald Freiberger

Es war die erste TV-Werbung einer Bank, die es im deutschen Fernsehen je gab. Ein Mann mit Dackel und Trachtenjanker, Typ Gustl Bayrhammer, geht durch eine Tür, aus dem Hintergrund sagt eine Stimme: "Ein Münchner geht zur Reuschel-Bank." Später folgt dann noch der Spruch: "Eine Münchnerin natürlich auch."

Das war in den 1970er-Jahren, damals warb die 1947 gegründete Reuschel-Bank noch um den Mann und die Frau auf der Straße. Einer der Kunden, die sich werben ließen, ist Rainer Unterdörfel, 66. Er bekam vor Kurzem einen Brief, freundlich im Ton, hart in der Sache. Die Rahmenbedingungen des Bankgeschäfts hätten sich "durch die Nullzinspolitik der EZB und die gesetzliche Regulatorik deutlich verändert". Individuelle Beratung zähle "zu den maßgeblichen Stärken unseres Bankhauses". Vor diesem Hintergrund habe man sich entschlossen, sich "auf beratungsintensive Bankdienstleistungen zu konzentrieren", andere Dienstleistungen werde man "reduzieren oder gar nicht mehr anbieten". Und dann kommt der Satz: "Wir bedauern daher, dass wir die Zusammenarbeit mit Ihnen nicht fortführen können."

Rainer Unterdörfel ist darüber sehr verärgert. "Da hat man einer Bank 45 Jahre lang die Treue gehalten, und dann wird man eiskalt abserviert", sagt er. Auf der Internet-Seite der Bank meint er den Grund gefunden zu haben: Von "professioneller Vermögensverwaltung schon ab 250 000 Euro Privatvermögen" ist da zu lesen. "So viel hab' ich nicht", sagt Unterdörfel. "Die wollen nur noch Reiche haben, weil sie am Fußvolk nichts mehr verdienen."

Reuschel fusionierte im Jahr 2010 mit der Hamburger Privatbank Donner, seitdem heißt das Institut "Donner & Reuschel". Eine Sprecherin bestätigt, dass man derzeit Kunden anspreche und anschreibe, "die unsere Beratungsdienstleistungen nicht in Anspruch nehmen". Die Bank habe sich auf Privat- und Unternehmenskunden mit "umfassenden und komplexen Vermögen" spezialisiert. Deshalb müsse man sich von Kunden "aus der Historie der Bank trennen, die nur Konten führen". Damit sind Reuschel-Kunden gemeint, die 1798 gegründete Donner-Bank war schon immer auf eine wohlhabendere Klientel spezialisiert. Zur Zahl der betroffenen Kunden will die Sprecherin nichts sagen, auch weil die Gespräche gerade geführt würden und die endgültige Zahl noch nicht feststehe. Man bedauere dies für die einzelnen Kunden, doch es sei notwendig, das Geschäftsmodell der Bank umzustellen.

Historisch galt Reuschel als Privatbank des kleinen Mannes. Schon vor der Fusion mit Donner im Jahr 2010 ging der Trend allerdings hin zur Konzentration auf vermögendere Kunden. Vor Jahrzehnten hatte Reuschel in München noch mehr als 20 Filialen, inzwischen sind es nur noch zwei. Dass die Bank die Wurzeln zu den normalen Kunden nun ganz kappt, könnte auch damit zu tun haben, dass mit Laurenz Czempiel Ende 2016 ein alter Reuschel-Mann aus dem Vorstand ausschied.

Es ist die erste Bank in Deutschland, die sich systematisch von Massenkunden trennt. Die Deutsche Bank versuchte weniger vermögende Privatkunden um die Jahrtausendwende in die Bank 24 auszugliedern, nahm den Schritt aber wieder zurück. Der Druck auf die Banken ist in den vergangenen Jahren gestiegen, weil sie in Zeiten niedriger Zinsen mit dem Ersparten von Kunden nichts mehr verdienen. Im Gegenteil: Wenn sie es kurzfristig bei der EZB anlegen, müssen sie dafür sogar einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Auch andere Banken klagen, dass sie mit normalen Kunden draufzahlen. Aber dass sich ein Institut komplett von ihnen verabschiedet - das ist neu in Deutschland.

Im Brief, den Rainer Unterdörfel erhielt, steht, was das konkret bedeutet: Zum 31. Oktober 2017 werden sein Konto und sein Depot gekündigt. Er soll Bankkarte und Kreditkarte vernichten, ein "Depotübertragungsformular" ausfüllen und ein Konto angeben, auf das man seine Ersparnisse überweisen kann. Beim Finden einer neuen Bank ist man ihm gerne behilflich.

Unterdörfel verzichtet auf diese letzte Dienstleistung seiner alten Bank. "Eine neue Bank kann ich mir schon selber suchen", sagt er. Und auch den letzten Satz in dem Brief hätte man sich sparen können: "An dieser Stelle möchten wir uns für das Vertrauen bedanken, das Sie uns in den vergangenen Jahren entgegengebracht haben."

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Quelle:
SZ vom 04.08.2017
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