Welthandel Donald Trump, Meister der falschen Argumente

US-Präsident Donald Trump (Mitte) bei einem Treffen mit den Vorständen von Stahl-und Aluminiumfirmen im Weißen Haus.

(Foto: dpa)
  • Der US-Präsident will das Handelsdefizit der USA mit Hilfe von Strafzöllen abbauen - auch wenn nicht einmal klar ist, ob das funktioniert.
  • Die "Ein Defizit ist schlecht, und die anderen sind schuld"-Sichtweise lässt sich eben wunderbar für eigene Zwecke missbrauchen.
  • Doch dieses Missverständnis samt der Verkündigung von Strafzöllen könnte für die USA noch verheerende Folgen haben.
Von Nikolaus Piper und Henrike Roßbach

Das Argument klingt logisch und verführerisch: Im vergangenen Jahr haben die Vereinigten Staaten von Amerika das höchste Handelsdefizit seit der Finanzkrise eingefahren - 566 Milliarden Dollar und damit insgesamt zwölf Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das kann nur an den unfairen Handelspraktiken der Handelspartner Amerikas liegen. Also ist es nur recht und billig, wenn Präsident Donald Trump Strafzölle auf Stahl und Aluminium erhebt, das Nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta mit Kanada und Mexiko in Frage stellt und so für ein Stück Gerechtigkeit sorgt. Das ist jedenfalls die Logik von "America First".

Die meisten Ökonomen sind sich einig, dass diese Argumentation grundfalsch ist. Handelsdefizite lassen sich nicht durch Zölle abbauen, denn solche Abgaben bewirken zunächst einmal lediglich, dass die Preise für das zu verzollende Produkt in dem Land steigen, das den Zoll erhebt. Konkret: Für amerikanische Auto- und Flugzeugbauer werden Stahl und Aluminium teurer, wenn die angekündigten Zölle kommen. Wie sich das auf die Handelsbilanz auswirken wird, kann niemand sagen.

Es ist noch nicht einmal klar, ob es aus amerikanischer Sicht wünschenswert wäre, das Defizit zu verringern. Der Saldo der Handelsbilanz ist nur eine buchhalterische Größe, die für sich nichts darüber aussagt, ob es einem Land gut geht oder schlecht. Aber die Zahl lässt sich wunderbar missbrauchen, auf Twitter, im Fernsehen und im Wahlkampf: Ein Defizit ist schlecht, und die anderen sind schuld. "Wenn ein Land viele Milliarden Dollar verliert durch Handel mit fast jedem Land, mit dem es Geschäfte macht, sind Handelskriege gut und leicht zu gewinnen" - dieser Tweet des amerikanischen Präsidenten könnte in die Geschichte eingehen als knappest mögliche Umschreibung des Missverständnisses, das hinter der Fixierung auf Handelsdefizite steht.

Das Missverständnis, das sich in den Köpfen von Trump und einigen seinen seiner Berater festgesetzt hat, könnte noch verheerende Folgen haben: die Abkehr von der multilateralen, auf Regeln basierten Weltwirtschaftsordnung. Die Verkündung der neuen Zölle diese Woche würde dann den Anfang vom Ende dieser Ordnung markieren.

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Sollten die von US-Präsident Trump angekündigten Strafzölle europäische Unternehmen treffen, könnte Brüssel schnell reagieren. Es gibt eine fertige Liste mit Produkten, die mit Zöllen belegt werden könnten. Von Christoph Giesen und Alexander Mühlauer mehr ...

Zu den Übeltätern gehört aus Trumps Sicht auch Deutschland

Das Handelsdefizit der Vereinigten Staaten hat zwei Ursachen, die sich gegenseitig bedingen: Erstens konsumieren und investieren die Amerikaner deutlich mehr, als sie sparen. Zweitens ist der amerikanische Kapitalmarkt hochattraktiv, weshalb Ausländer begierig darauf sind, ihr Geld in den Vereinigten Staaten anzulegen. Besonders augenfällig ist das am Beispiel China. Gegenüber der Volksrepublik haben die USA mit 375 Milliarden Dollar das höchste bilaterale Defizit von allen Ländern. Ein wesentlicher Teil des Defizits wird dadurch finanziert, dass Chinesen und der chinesische Staat amerikanische Staatsanleihen kaufen. Ende 2017 waren amerikanische Schuldtitel im Wert von insgesamt 1,2 Billionen Dollar in chinesischer Hand, 13 Prozent mehr als im Jahr davor.

Die Regierung in Washington ist also auf das Regime in Beijing angewiesen, um seinen Haushalt zu finanzieren. Trotzdem greift Trump die Volksrepublik wegen ihres Handelsüberschusses an. Zu den Übeltätern aus Trumps Sicht gehört auch Deutschland. Das Defizit der Vereinigten Staaten im Handel mit der Bundesrepublik liegt mit 64,3 Milliarden Dollar an vierter Stelle. Auch den deutschen Verbündeten haben Trump und seine Berater deshalb unfaires Verhalten vorgeworfen. Das ist völlig ungerechtfertigt, sagt der Würzburger Ökonomieprofessor Peter Bofinger, Mitglied im Sachverständigenrat der Wirtschaftsweisen, der in der Vergangenheit oft die Bundesregierung ob ihrer Sparpolitik und der Exportüberschüsse kritisiert hat. "Wir haben jetzt zwei Prozent Wachstum, die Löhne steigen, da kann man den Deutschen keine Vorwürfe machen." Will sagen: An den Deutschen liegt es nicht, wenn das Ungleichgewicht im gegenseitigen Handel nur wenig zurückgegangen ist.