Wie dramatisch die Situation ist, zeigen zwei Briefe. Geschrieben hat sie der Verband der nordamerikanischen Finanzaufsichtsbehörden, jene Ermittler also, die jeden Tag gegen Cyberkriminelle, Finanzbetrüger, Geldfälscher und Krypto-Kriminelle vorgehen. Die beiden Schreiben, verschickt im März und September dieses Jahres an den US-Kongress, sind ein Hilfeschrei: Die Trump-Regierung dürfe ihre Kompetenzen im Kampf gegen Betrug, Marktmanipulation und ähnliche Verbrechen nicht noch weiter beschneiden. Schließlich seien sie „die erste und letzte Verteidigungslinie“ gegen eine „Epidemie“ des Betrugs, deren „Turbolader“ ausgerechnet Kryptowährungen seien.
Was die Finanzaufseher beschreiben, ist nicht weniger als der dramatische Wandel der USA von der Vorzeigenation im Kampf gegen Krypto-Betrug in ein Krypto-Casino fast ohne Regeln. Und das in nicht mal einem Jahr.
Erst vor wenigen Wochen begnadigte Präsident Donald Trump Changpeng „CZ“ Zhao, Gründer der weltgrößten Kryptowährungsbörse Binance. Er hatte sich noch im November 2023 schuldig bekannt, ohne grundlegende Sicherheitsvorkehrungen zur Verhinderung von Geldwäsche operiert zu haben. Die Behörden warfen ihm vor, Transaktionen für „Terroristen, Cyberkriminelle und Kinderschänder“ autorisiert zu haben. Zhao war zu vier Monaten Haft verurteilt worden. Karoline Leavitt, Pressesprecherin des Weißen Hauses, sagte nach dessen Begnadigung: „Der Krieg der Biden-Regierung gegen Krypto ist vorbei“.
Rund 50,5 Milliarden Dollar haben Onlinebetrüger in den vergangenen Jahren in den USA erbeutet, vieles davon mithilfe von Kryptowährungen. Noch bis vor einem Jahr, unter Präsident Joe Biden, waren die USA Pioniere im Kampf gegen die Krypto-Kriminellen, verhängten teils horrende Strafen gegen Kryptobörsen und halbseidene Geschäftsmänner. Doch seit Donald Trump im Weißen Haus sitzt, hat sich der Wind gedreht. Die Börsenaufsicht ist so kryptofreundlich wie nie, Ermittler werden faktisch kaltgestellt, und die Präsidentenfamilie macht selbst Millionengewinne mit Kryptodeals. Der Krypto-Sheriff, der weltweit für Ordnung in einem chaotischen Markt sorgte, steht plötzlich ohne Stern und Colt da. Wie konnte es so weit kommen?
Er liebt mich, er hasst mich: Donald Trump mochte Kryptowährungen lange nicht
Lange Zeit ging es Donald Trump mit Kryptowährungen wie vielen Menschen: Er konnte damit wenig anfangen. „Ich bin kein großer Fan von Bitcoin und anderen Kryptowährungen“, twitterte er noch 2019. Die digitalen Währungen seien „kein Geld“ und hätten einen Wert, der auf nichts als „Luft“ basiere, schimpfte Trump während seiner ersten Präsidentschaft. Zwei Jahre später legte er nach: Kryptowährungen würden für ihn „nach Betrug“ aussehen. Auf einer Veranstaltung der libertären Partei, einer amerikanischen Splittergruppierung mit vielen Krypto-Anhängern in ihren Reihen, wurde Trump noch im Frühjahr 2024 ausgebuht.
Wie so oft hatte Trump auch in Sachen Krypto seine Meinung nur ein paar Monate später schon wieder geändert. Im Sommer vergangenen Jahres sprach er auf der Bitcoin-Konferenz in Nashville, einem der größten Events der Krypto-Industrie, plötzlich von seiner „Liebesbeziehung“ mit der Community. Der Immobilienmagnat aus dem Weißen Haus schwärmte von den Zwillingsbrüdern Tyler und Cameron Winklevoss, den Gründern der Kryptobörse Gemini, die „wie Models mit wunderschönen, großen Gehirnen“ aussähen. Das Publikum jubelte.
Und Trump machte der Szene damals ein Versprechen: Sollten die Amerikaner ihn wieder zum US-Präsidenten wählen, werde er den „Anti-Krypto-Kreuzzug“ der Biden-Regierung stoppen und Gary Gensler feuern, damals noch Chef der Börsenaufsicht SEC. Gensler hatte vor der Coin- und Wallet-Industrie als neuem Wilden Westen gewarnt und sich selbst als deren Sheriff gesehen. Schließlich versprach Trump auch noch, eine „strategische Bitcoin-Reserve“ anzulegen, ein Fort Knox für Krypto.

Digitale Investments:So funktionieren Kryptowährungen
Blockchain, Coin, Wallet: Die Welt der Digitalwährungen wirkt schnell abschreckend, allein wegen der vielen Fachbegriffe. Doch eigentlich ist alles ganz einfach.
Kryptoinvestoren versprachen dicke Wahlkampfspenden – und Trump liebte Krypto
Trump habe offenbar die „orange Pille“ geschluckt, munkelten seine politischen Gegner. „Orange Pille“, so nennen Krypto-Enthusiasten es, wenn sie aus einem Skeptiker einen Bekehrten gemacht haben. Eine Anspielung auf das orangefarbene Bitcoin-Logo und den Science-Fiction-Klassiker „Matrix“, in dem nur jene die Wahrheit erkennen, die eine rote Pille schlucken.
Der Mann, der Donald John Trump bekehrte, heißt David Bailey. Der Unternehmer und Veranstalter der Bitcoin-Konferenz in Nashville habe sich im Frühjahr 2024 einen Termin bei dem damaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten in New York organisiert, so erzählte er es später. Bei dem Treffen im „Trump Tower“ habe er Trump erklärt, dass Kryptowährungen eine Chance seien und den Dollar nicht verdrängen, sondern ergänzen würden. Trump biss an – wohl auch, weil Bailey versprach, in der Krypto-Industrie Spenden für Trumps Wahlkampf einzusammeln.
Gesagt, getan: Allein die Winklevoss-Twins gaben 3,5 Millionen Dollar für Trumps Kampagne. Der Investor David Sacks lud Tech- und Krypto-Unternehmer zu einem Spenden-Dinner in sein Privathaus in San Francisco ein. Wer dort mit Trump speisten wollte, musste bis zu 500 000 Dollar hinlegen. Die Spender investierten im Vertrauen darauf, dass Trump ihre Träume wahr machen würde. Und er tat es.
Aber Trump wäre nicht Trump, wenn dabei nicht auch für ihn etwas abfallen würde.
Trumps Söhne starteten 2024 „World Liberty Financial“, ein Unternehmen, das von der „Trump Organization“, dem geschäftlichen Arm der Familie Trump, kontrolliert wird. Die neue Firma wirbt mit der Verbindung zum Präsidenten und bietet eine Kryptomünze an. Einige fragwürdige Figuren der Kryptobranche haben acht- oder neunstellige Summen in die Präsidenten-Währung investiert. Und, über Umwege, auch politische Freunde aus dem Nahen Osten: Ein staatlicher Fonds der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) investierte im Mai zwei Milliarden US-Dollar in die Kryptobörse Binance. Das Geld floss allerdings nicht über eine Bank, sondern über die Trump-Kryptomünze, die der Fonds zuvor in entsprechender Größenordnung einkaufen musste.
Zufall oder nicht, nur wenige Wochen nach der Verkündung des Deals wurde bekannt, dass die VAE nun Zugang zu hochmodernen amerikanischen Computerchips erhalten sollen, die als extrem wichtig für die Entwicklung künstlicher Intelligenz gelten. Trotz Bedenken, diese Chips könnten womöglich in China landen.
Dazu passt, dass der US-Präsident die Kontrolleure über die Kryptowelt mit nur einer Unterschrift entmachtete. Eine sehr erfolgreiche und international geschätzte nationale Ermittlungstruppe für Kryptoregeln im Justizministerium wurde aufgelöst. Mehr als 50 Juristen und andere Mitarbeiter der amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde SEC, die sich zuvor mit der Branche beschäftigt hatten, bekamen über Nacht andere Aufgaben. Dabei waren sie es, die auch auf die großen Fälle schauten, an die sich die Europäer nicht herantrauten.
Und was tut Paul Atkins, der von Trump ernannte neue Chef der Börsenaufsicht SEC? Die Süddeutsche Zeitung trifft Atkins im kleinen Kreis in der herrschaftlichen Villa des US-Generalkonsulats im Frankfurter Diplomatenviertel. Der Jurist hat bereits zweimal für die SEC gearbeitet, in den 1990er-Jahren und Anfang der 2000er. In Frankfurt redet er nicht über die Themen, die man von einem Börsenaufseher eigentlich erwartet, wie Insiderhandel, Börsenbetrug oder die Regulierung enthemmter Finanzmärkte. Stattdessen spricht Atkins über die großen Chancen von Kryptowährungen, von Stablecoins, von der dahinterstehenden Blockchain-Technologie. Nach 60 Minuten muss er los, schüttelt Hände, lächelt. Zurück bleiben noch ein paar belegte Brötchen, unangerührte Weinflaschen und die bittere Erkenntnis, dass der Mann, der der nächste Krypto-Sheriff sein sollte, ohne Stern und Colt gekommen ist.

