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Währungen:Die Macht des Dollar

Beliebtes Papier: 62 Prozent der Weltwährungsreserven werden nach Angaben des IWF in Dollar gehalten.

(Foto: Imago, Bearbeitung: SZ)

Die Dokumente der FinCEN-Files sind so wichtig, weil der Dollar so wichtig ist. Eine kurze Geschichte vom Aufstieg einer Weltwährung.

Von Nikolaus Piper

Anfang Dezember 1971 fragte ein Journalist in Rom den US-Finanzminister John Connally am Rande einer Konferenz, was er mit dem damals von Krise zu Krise taumelnden Dollar zu tun gedenke. Connallys Antwort sollte in die Geschichte eingehen: "Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem."

Kurz zuvor war das Weltwährungssystem mit Krach zusammengebrochen. Nach diesem System war der Dollar die einzige Reservewährung der Welt. Es beruhte auf dem Versprechen der USA, jederzeit Dollar in Gold zu tauschen, und zwar zum Preis von 35 Dollar je Feinunze (heute kostet Gold fast 2000 Dollar). Im Sommer 1971 erkannte der damalige Präsident Richard Nixon, dass die USA sich dieses Versprechen nicht mehr leisten konnten, und nahm es in aller Form zurück. Mit dem "Nixon-Schock" begann das Zeitalter frei gehandelter Währungen in der Welt. Die Hegemonie des Dollars verschwand nicht, sie wurde eher noch größer, obwohl der Dollar formal nur eine Währung unter anderen ist.

Dabei war Connallys Satz ein Irrtum. Der schwache Dollar war sehr wohl ein Problem für die USA: Er trug in den 1970er-Jahren zur Inflation mit ihren sozialen Verwerfungen bei. Gestoppt wurde der Trend erst durch brutale Zinserhöhungen der Notenbank. Die folgende Krise brachte den konservativen Republikaner Ronald Reagan ins Amt. Der senkte die Steuern, schaffte Vorschriften ab, auch und besonders für Banken und Börsen.

Reagans Politik hatte viele Nebenwirkungen (soziale Probleme nahmen zu, die Staatsverschuldung stieg), aber sie stärkte den Dollar und die Macht der Wall Street. Dabei kam ihm der Computer zu Hilfe, der damals an den Finanzmärkten einzog und den Aktienhandel revolutionierte. New York war die Finanzhauptstadt der Welt. Ausländische Banken wollten dabei sein und bauten ihr Geschäft in New York aus. Die Deutsche Bank besonders, sie zog in Manhattan an die prominente Adresse "60 Wall Street" und versuchte sich - wie man heute weiß mit begrenztem Erfolg - als globaler Mitspieler auf den Finanzmärkten.

Seit Ronald Reagan die Finanzmärkte liberalisierte, hat New York einen Börsenkrach erlebt, einen krass über- und einen krass unterbewerteten Dollar, es gab den Terrorangriff vom 11. September 2001, die Finanzkrise von 2008 und 2009 und schließlich die Corona-Krise.

Nichts konnte die Rolle der Wall Street und des Dollars gefährden, nicht einmal der Aufstieg Chinas zur politischen und ökonomischen Supermacht. Der wichtigste Grund liegt in der Geschichte. Die USA waren und sind bis heute ein erstklassiger Schuldner. Seit 1790, als der Gründervater Alexander Hamilton Finanzminister war, hat der amerikanische Staat seine Anleihen immer bedient. Das schuf Vertrauen.

Heute, unter Donald Trump, ist die Staatsschuld auf mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen, ohne dass dies die Anleger beunruhigen würde. Die US-Regierung kann sich praktisch unbegrenzt in eigener Währung verschulden, also gar nicht pleitegehen - solange sie das Vertrauen, das die Finanzmärkte in sie setzen, nicht verspielt.

Bis heute ist der Dollar auch eine Krisenwährung, in der Anleger Sicherheit suchen. Besonders schön zeigte sich das in der Finanzkrise. Kurz bevor die heiße Phase der Krise begann, war die amerikanische Währung ungewöhnlich billig. Am 22. April 2008 bekam man für einen Euro fast 1,60 Dollar; dann drehte sich die Entwicklung, und am 13. November, am Tiefpunkt der Krise, brachte der Euro noch 1,25 Dollar. Obwohl die Finanzkrise in den USA gemacht wurde, suchten Anleger aus der ganzen Welt Schutz im Dollar.

Wer große internationale Finanzgeschäfte tätigen will, kommt an New York nicht vorbei

Es gibt in Wirklichkeit keine echte Alternative zum Dollar, auch nicht für Geldwäscher. Nach der Statistik des Internationalen Währungsfonds (IWF) werden derzeit 62 Prozent der Weltwährungsreserven in Dollar gehalten. Der Euro, hinter dem eine ähnliche Wirtschaftskraft steht wie hinter dem Dollar, spielt schon deshalb eine bescheidenere Rolle, weil der Zusammenhalt der Euro-Zone immer wieder infrage gestellt wird und es kein sicheres gesamteuropäisches Anlagevehikel gibt. Die chinesische Währung scheidet mangels Rechtssicherheit in der Volksrepublik aus.

Wer also große internationale Finanzgeschäfte tätigen will, kommt an New York nicht vorbei - obwohl die Gesetze hier schärfer sind und US-Staatsanwälte Fehltritte von Banken rigoroser bestrafen als etwa ihre deutschen Kollegen: So musste die Deutsche Bank wegen ihres Umgangs mit faulen Hypothekarkrediten in der Finanzkrise 7,2 Milliarden Dollar zahlen.

Zu den oft übersehenen Stärken des Dollars gehören die Institutionen, die die Kultur des US-Finanzmarktes prägen. Die Börsenaufsicht SEC, die für die Wall Street zuständige Staatsanwaltschaft in Manhattan, die Notenbank Federal Reserve und die Landeszentralbank Federal Reserve Bank of New York. Die Institutionen haben reiche Erfahrung und wissen, wie man aus Fehlern lernt. Es war die US-Politik, die die Finanzkrise ausgelöst hatte - aber die Federal Reserve, die sie im entscheidenden Moment entschärfte.

Ein Gefühl für die Macht und die Tradition dieser Institutionen bekommt, wer den Tresorraum der New York Fed besucht. Er ist 24 Meter unter dem Niveau der Liberty Street in den Granit geschlagen, auf dem Manhattan gebaut wurde. Hier lagert ein erheblicher Teil der Goldreserven der Welt, 2019 waren es 497 000 Barren, die zusammen 6190 Tonnen wogen. Auch 37 Prozent der deutschen Goldreserven - die zweitgrößten der Welt, nach denen der USA - lagern hier. Das Gold ist das Ergebnis der Handelsüberschüsse, die die BRD erwirtschaftet hat. Die Reserven sind in New York geblieben, weil sie hier gebraucht würden, sollte es einmal zu einer Währungskrise kommen.

Die Frage ist trotzdem, wie lange es noch bei der Hegemonie des Dollars bleiben wird. Bisher bekannten sich US-Präsidenten und Finanzminister immer zu einem starken Dollar. Trumps Politik des "America first" dagegen bedeutet meist Förderung von Exporten und Behinderung von Importen. Dazu passt ein billiger Dollar. Aber auch bei den Linken sinkt die Bereitschaft, die Kosten der Dollar-Hegemonie zu tragen. Die Ökonomen Simon Tilford vom Forum for a New Economy und Hans Kundnani vom Chatham House fordern in Foreign Affairs, diese Hegemonie in aller Form zu beenden. Sie schlagen dafür die Einführung einer Abgabe auf spekulatives Kapital aus dem Ausland vor. Es liegt also an der US-Politik, ob der Dollar seine Macht behält.

© SZ vom 24.09.2020

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