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DIW-Chef Zimmermann:"Die Mär vom Fachkräftemangel"

Donauwelle: ich kann aus Zeitgründen jetzt nicht alle Texte lesen. Nach einem Überfliegen will ich aber Stellung nehmen zu Bildung und Renteneintritt.

Ich bin bestens ausgebildet, bei Nobelpreisträgern, im MINT - Bereich, war nur im internationalen Umfeld tätig, mehrsprachig und wurde vor Jahren im Alter von Mitte 40 für mehr Shareholder Value betriebsbedingt gekündigt. Es hat 27 Monate und mehr als 350 Bewerbungen gedauert bis ich wieder eine Anstellung fand mit etwa 1/3 des ursprüngl. Einkommens und als Hilfskraft. Weit unterhalb meiner Qualifikation und Erfahrung. Als Absolvent einer (heutigen) "Elite"-Uni bleibt mir im Land des "Fachkräftemangels" nur noch der Job als Hilfskraft. Was ist die Lehre?

1) die Mär vom Fachkräftemangel ist eine politisch bedingte Lüge der Wirtschaftslobby für mehr Lohndrückerei

2) es gibt in Deutschland keinen Arbeitsmarkt für über 40jährige. Ab 40 wird man aus den Unternehmen gedrängt und landet alsbald in Hartz IV. Ich würde persönlich gerne bis 70 arbeiten (mußten auch meine Eltern) nur läßt man mich das in Deutschlands über Fachkräftemangel jammernder Wirtschaft überhaupt nicht!

3) Die Mär von der Bildung ist eine Lüge. Den heute schon gibt es eine Unzahl von Akademikern im naturwissenschaftlich technischen Bereich die unterhalb ihrer Qualifikation arbeiten müssen und in den Unternehmen mit jungen Jahren verheizt werden, ohen Aufstiegs- und Karrierechancen

4) "Mehr verdienen" - also Aufstieg - funktioniert heute nicht mehr durch eigene Arbeit und geistige/körperliche Leistung (damit wird man arm im zeitalter des Finanzkapitalismus) sondern über persönliche Beziehungen (Förderer und Gönner) und / oder durch Finanzspekulationen. Immer mehr durch die Herkunft. Dazu aber braucht es keine qualifizierte Bildung

Realität in deutschland: 1) ab 40 hat man keine Berufschancen mehr und soll aber bis 70 arbeiten 2) trotz Bildung gibt es keinen Aufstieg weil die "Elite" keine Aufsteiger zuläßt und die hochqualifizierten Arbeitsplätze sowieso nach Asien verlagert. Aufstieg gibt es via Herkunft und durch Kapital

Das alles ist die Konsequenz der Verwandlung der ehemalige sozialen Marktwirtschaft in eine Börsen- und Finanzspekulationswirtschaft

Klaus_Zimmermann: Das stimmt so gar nicht: Die Erwerbstätigkeit älterer Arbeitnehmer hat deutlich zugenommen. Die hochqualifizierten Arbeitsplätze sind noch in Europa, aber sie werden nach Asien gehen, wenn wir uns nicht anstrengen. Trotzdem haben wir noch alle Chancen. Deutschland ist auch keine Börsen- und Finanzspekulationswirtschaft, das wäre doch sehr populistisch gedacht. Dafür fehlen handfeste Belege.

Moderator: So, es ist 15 Uhr, darum hier die letzte Frage

Ewald509: Sehr geehrter Herr Zimmermann, zwei Fragen zur Schuldenbremse:

1. Ihr Kollege Herr Bofinger kritisiert die Schuldenbremse, weil es gerade in der Währungsunion wichtig sei, sich nationale fiskalische Spielräume zu erhalten, um auf die Leitzinsentscheidungen der EZB flexibel zu reagieren. Mit der Schuldenbremse würden diese Spielräume aber aufgegeben. Wie stehen Sie dazu?

2. Nehmen wir an, eine solche Schuldenbremse wird in jedem europäischen Land eingerichtet: Führt dies durch die notwendigen Ausgabenkürzungen in dem jeweiligen Land nicht zu schwacher Nachfrage und bedeutet dadurch weniger Importe aus dem Ausland (also aus deutscher Sicht eben weniger Exporte in ebendieses Land?)? Sägen wir damit nicht den Ast ab, auf dem wir sitzen?

Klaus_Zimmermann:

1. Die Schuldenbremse hilft mit, die Finanzmärkte von der Solidität der deutschen Politik zu überzeugen. So stabilisiert Deutschland den Euro als Ankervolkswirtschaft. Auch die Schuldenbremse läßt gewisse Flexibilitätsspielräume zu.

2. Das ist zu kurzfristig gedacht. Ohne fiskalische Stabilität kollabiert der Euro und die Privatwirtschaft hat keine Spielräume für ihre Verschuldung, um Investitionen zu finanzieren. Das bremst das mögliche Wachstum. Wir brauchen mehr langfristiges Wachstum, kein kurzfristiges Strohfeuer.

Moderator: Wir haben noch viele offene, spannende Fragen. Dennoch beenden wir den Chat jetzt und danken Ihnen, Herr Zimmermann, dass sie sich die Zeit genommen haben. Der Chat wird als Artikel weiterhin zunächst auf unserer Seite uns später im Archiv zu finden sein.

Klaus_Zimmermann: Vielen Dank für die Einladung, es hat Spass gemacht.