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Discounter:Aldi Nord macht erstmals Verlust

News Bilder des Tages ALDI am Deich am 19 Juli 2018 beim Deichbrand Festival bei Cuxhaven ALDI No

Aldi Nord auf dem Deichbrand Festival bei Cuxhaven. So hip ist der Discounter leider nicht überall.

(Foto: Patrick Franck/imago)
  • Aldi Nord schreibt in Deutschland erstmals in seiner Geschichte rote Zahlen.
  • Ein Investitionsprogram ist der wichtigste Grund dafür: Es hakt vielerorts wohl noch an der Umsetzung.

Aufgerissene Kartons in den Regalen, verschlissene Paletten, kaputte Lampen an der Decke. So sieht es bei Aldi in Norddeutschland häufig heute noch aus. Bemerkenswert, denn das große Buzz-Wort der Einzelhändler ist seit geraumer Zeit "Einkaufserlebnis". Es steht für eine Traumwelt, in welcher der Kunde dem Kaufrausch allein deshalb verfällt, weil der Händler die Ware so unwiderstehlich zu verkaufen versteht.

Bei Aldi Nord war das "Einkaufserlebnis" eher deprimierend. Freudlos präsentierte Lebensmittel in trostloser Schlichtheit. Die Anmutung: nüchtern, billig und steril. So wollte es der Gründer Theo Albrecht. Jetzt zahlt der Discounter den Preis für seine Sparmanie. Aldi Nord, der Pfennigfuchser aus Essen, schreibt in Deutschland erstmals in seiner Geschichte rote Zahlen. Von einem Minus in zweistelliger Millionenhöhe ist die Rede. Und auch 2019 wird's nicht besser. Im Heimatland rechnet Aldi Nord auch dann mit Miesen.

Weil der deutsche Markt der wichtigste und größte in Europa und weltweit für Aldi Nord ist, reißt der Einbruch auf dem Heimatmarkt das Ergebnis der ganzen Unternehmensgruppe mit nach unten. Der ganze Konzern macht aber keine Verluste.

Aldi Nord redet ganz offen über die Misere. Wer hätte das noch vor wenigen Jahren gedacht? Torsten Hufnagel ist der Mann, der die Bestandsaufnahme in aller Schonungslosigkeit publik gemacht hat und nun öffentlich darüber redet. Er hat im September den Posten des Gesamtverantwortlichen der Unternehmensgruppe übernommen. Sein Vorgänger Marc Heußinger hatte den Laden jahrzehntelang in der Tradition von Theo Albrecht gemanagt. Sparen, sparen, sparen stand auch bei ihm immer an erster Stelle.

Konkurrent Lidl hat Aldi Nord mit einem besseren Angebot auf Platz zwei degradiert

Erst kürzlich hatte die ARD eine Verfilmung von Theo Albrechts Leben ausgestrahlt. Darin zu sehen war, wie sich die Brüder Albrecht wegen des ausgeprägten Spartriebs Theos schon in den 50er-Jahren auseinander entwickelten. Karl gründete Aldi Süd. Heute ist der Unterschied der Filialen deutlich zu sehen. Aldi Süd gilt als innovativ, Aldi Nord oft als nicht mehr zeitgemäß. Während sich Aldi Nord jeglicher Modernisierung verweigerte, näherten sich andere Discounter wie Lidl, aber auch Aldi Süd vom äußeren Erscheinungsbild und vom Sortiment her immer mehr den Supermärkten an. Weil die Kunden das so wollen. Der Charme der Fünzigerjahre verfängt nicht mehr. Konkurrent Lidl degradierte Aldi Nord schließlich im Reich nördlich des Aldi-Äquators zur Nummer zwei.

Hufnagel hatte 2017 das Investitionsprogramm Aniko ausgeheckt. Fünf Milliarden Euro ist es schwer. 60 Prozent der 2200 Filialen in Deutschland haben es durchlaufen. Jetzt ist das Programm der wichtigste Grund für die roten Zahlen. Das mag widersprüchlich klingen, ist aber so. Es hakt vielerorts auch nach offizieller Darstellung an der Umsetzung. Das Sortiment hat sich verdoppelt, der Arbeitsablauf verändert, viele Mitarbeiter sind zwar geschult worden, aber das reicht nicht. Es müssten auch die Dienstpläne geändert werden. Statt ein oder zweimal am Tag, müssten die Mitarbeiter fünf oder sechsmal am Tag an der Frischetheke nach dem Rechten sehen.

Das alles funktioniert in vielen Filialen noch nicht richtig. 30 bis 40 Filialen werden fortlaufend umgebaut und sind dann sechs bis acht Tage geschlossen. Auch das drückt den Umsatz. Die Umsätze sind in diesem Jahr nur um ein Prozent gestiegen. Erst im April wird der Umbau voraussichtlich abgeschlossen sein. Aniko hat sich bislang also nicht ausgezahlt. Im Gegenteil.

Investitionsstau war zu groß geworden

Die Antwort des Discounters? Er will jetzt zusätzlich eine noch größere Milliardensumme investieren und noch stärker umbauen. Der Krise begegne der Konzern nicht mit einem Spar-, sondern mit einem "Wachstumsprogramm", lautet die offizielle Botschaft der Konzernführung. Niemand werde entlassen.

Zwischen den sonst bisher zerstrittenen Gesellschaftern herrscht sogar reumütige Einigkeit darüber, dass der Investitionsstau viel zu groß geworden ist. Jetzt wollen sie mit Wucht dagegen halten. Bezahlt wird alles aus der eigenen Tasche. Die Aldis sollen noch nie einen Bankkredit aufgenommen haben.

Branchenexperten halten es allerdings für ziemlich schwierig, die Filialen einfach so wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Gerade im Lebensmitteleinzelhandel zeigen zum Beispiel die teils heruntergewirtschafteten Real-Märkte, die jetzt zum Verkauf stehen, wie verheerend Kaputtsparen sein kann. Die Kunden wenden sich ab, Wachstum ist schwierig zu finden, weil die Margen gering sind, der Markt gesättigt ist.

Beim Umbau der Filialen will es Aldi Nord deswegen nicht belassen. Auch die Essener Firmenzentrale sortiert sich neu. Der Zentraleinkauf wird zum Dienstleister für die einzelnen Ländergesellschaften im Ausland. Der Einkauf kümmert sich dann um die Warenbeschaffung in Europa, er wird aber getrennt vom sogenannten Category Management. Damit sind Warengruppen und das Sortiment gemeint. Dahinter steht der Gedanke, dass die einzelnen Länder besser wissen, was sie brauchen. Wenn Spanien beschließt, vier verschiedene Olivenöle zu brauchen, soll die Landesgesellschaft das dort tun. Auch über Service, Marketing und Verkauf bestimmen fortan die Länder eigenverantwortlich. Das ist ein fundamentaler Wandel für Aldi Nord. "Prozesse müssen der Kundensicht folgen und nicht umgekehrt", sagt Hufnagel.

Der Discounter scheint in der Gegenwart angekommen zu sein.

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