Digitalisierung:Dating mit dem Arzt

Katrin Keller

Samedi-Mitgründerin Katrin Keller wollte sich nie zwischen Familie und Beruf entscheiden.

(Foto: oh)

Über die Software des Berliner Unternehmens Samedi lassen sich online Termine mit dem Arzt buchen. Für Mitgründerin Katrin Keller kommt die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen gerade erst in Fahrt.

Von Elisabeth Dostert, Berlin

Im Grunde war Katrin Keller, 45, zu früh dran. 2008 gründete sie mit Alexander Alscher in Berlin das Software-Unternehmen Samedi. "Mittlerweile hat durch die Pandemie jeder begriffen, wie wichtig die Digitalisierung des Gesundheitswesen ist, aber damals war das noch anders." Die Gründer hielt das nicht ab. "Wir haben uns damals gefragt, warum man Tickets für Flüge und Züge online buchen kann, aber keinen Arzttermin", erzählt Keller. Sie hatte nach einem Bandscheibenvorfall ihre eigenen schlechten Erfahrungen gemacht.

Die Antwort der Gründer war Samedi. Die Firma verkauft Software an Arztpraxen, Kliniken und Medizinische Versorgungszentren, über die Menschen unter anderem Termine buchen können und mittlerweile auch Videosprechstunden. "Für mich lag der Nutzen immer auf der Hand, aber die ersten Jahre waren hart." Manche Ärzte mussten sich Keller zufolge erst Kamera und Lautsprecher für den PC anschaffen und lernen, wie eine Online-Sprechstunde geht."

Keller sitzt in ihrem großen, hellen Büro in Berlin-Friedrichshain. Früher hat sie als Angestellte in der Immobilienwirtschaft gearbeitet. Da hat sie oft Büros an Start-ups vermittelt und deren "Leidenschaft und der Glaube, das Richtige zu tun", beeindruckte sie. Der Drang zur eigenen Gründung wurde größer und größer. "Ich bin keine, die montags ins Büro kommt und auf Freitag wartet."

Und sie wollte sich nie entscheiden zwischen Familie und Beruf. Um ihren und den Nachwuchs der Mitarbeitenden kümmert sich eine festangestellte Erzieherin. Jede Bürotür hat ein Glasfenster, dann können die Kinder sehen, ob Mutter oder Vater gerade telefonieren und nicht gestört werden wollen. Am Ende eines langen Ganges, "der sich prima zum Bobby-Car-Fahren eignet", ist das Spielzimmer.

Keller und Mitgründer Alscher haben viel Zeit in den Datenschutz investiert und laut Keller ein eigenes Verschlüsselungsverfahren entwickelt, die Server stehen in Deutschland. "Wir begleiten die gesamte Patienten-Journey", sagt Keller. Der Name von Samedi taucht auf der Seite des Arztes oder der Klinik gar nicht auf, der Link steckt meistens hinter dem Button Kontakt oder Terminvereinbarung. "Wir bieten echte freie Termine, über die Software wird der gesamte Kalender organisiert." Ärzte können für ihre Patienten ein Termin beim Facharzt oder in einer Klinik buchen. Patienten können über ihren Samedi-Account vor dem Termin Befunde und andere Daten mit dem Arzt teilen. "Der Arzt kann sich dann besser vorbereiten und gewinnt Zeit für das Gespräch."

Mittlerweile laufe die Online-Terminvergabe von knapp 10 000 Praxen, Medizinischen Versorgungszentrum, Therapiezentren und Kliniken über Samedi. Allerdings ist es meistens nicht die gesamte Klinik, die diese Software nutzt, sondern nur einzelne Abteilungen, Seit Ende 2020 koordiniert die Firma auch Termine für Impfungen, bis Ende Mai waren es weit mehr als eine Million. Die Terminkoordination der Impfzentren im Saarland laufe komplett über Samedi.

Die Konkurrenz ist finanzkräftig

Im vergangenen Jahr machte die Firma mit gut 100 Mitarbeitern rund zehn Millionen Euro Umsatz. Patienten zahlen nichts, die Ärzte und Klinken erwerben eine Softwarelizenz. Die Vollversion allein für die Terminkoordination kostet 80 Euro im Monat. "Alles, was wir an Gewinn haben, investieren wir in das Wachstum der Firma."

Die Konkurrenz ist groß und finanzkräftig. Dazu zählen die Suchmaschine Jameda oder das 2013 gegründete französische Unternehmen Doctolib, das nach einigen Finanzierungsrunden mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet wird. Um sich gegen die potente Konkurrenz zu wappnen, verkauften die Samedi-Gründer 2017 ihre Firma an die Klinikkette Asklepios. "Wir wollten einen strategischen Investor, der nicht auf einen schnellen Exit aus ist."

In den nächsten drei bis fünf Jahren will Keller die Zahl der Mitarbeiter auf 300 bis 500 hochfahren und den Umsatz auf mehr als 100 Millionen Euro steigern. "Die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen kommt gerade erst in Fahrt."

© SZ
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