Digitalisierung:Sparkassen planen "Smartphone-Bank"

Women use their smartphones in Kiev

Zahlreiche Smartphone-Besitzer greifen mittlerweile auf Girokonto-Apps zurück. Nun wollen die großen Sparkassen mit einer "Smartphone-Bank" Paroli bieten.

(Foto: Valentyn Ogirenko/Reuters)
  • Mehrere Großsparkassen planen nach SZ-Informationen die Gründung einer Art "Smartphone-Bank".
  • Das neue Angebot "Yomo" soll zunächst nur aus Girokonto-App und Karte bestehen, danach aber überregional erweitert werden - ein Hieb gegen das Regionalprinzip der Sparkassen.
  • Yomo soll spätestens im Herbst starten, als Zielgruppe werden "junge Leute zwischen 18 und 35 Jahren" definiert.

Von Heinz-Roger Dohms und Meike Schreiber, Frankfurt

Viele waren erstaunt, einige sogar entsetzt. Ausgerechnet auf dem Sparkassentag vergangene Woche hob Alexander Wüerst, Vorstandschef der Kreissparkasse Köln, zu einer kleinen Eloge auf den neuen Rivalen Number 26 an - ein Berliner Finanz-Start-up, das mit einer Girokonto-App in nur wenigen Monaten mehr als 100 000 Kunden gewonnen hat. Viele wollten im Internet durchaus über Geld sprechen, so Wüerst. Wenn sich die Sparkassen darum kümmerten, stünden die Chancen daher gut, dass die Kunden ihren digitalen Angeboten mehr Vertrauen schenkten als anderen.

Hinter dem kleinen verbalen Angriff steckte in Wirklichkeit aber noch viel mehr - nämlich eine sehr große, sehr reale Provokation. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung arbeiten mehrere Großsparkassen, darunter auch die von Wüerst, seit Monaten an einem Konkurrenten zu Number 26.

Das millionenschwere Geheimprojekt trägt den Namen Yomo (eine Abkürzung für "Your Money"). Auf den ersten Blick handelt es sich dabei nur um den Versuch, den Angriffen von Number 26 und anderen Fintechs (so nennen sich die jungen Finanz-Start-ups) endlich etwas entgegenzusetzen. Daneben hat Yomo auch eine hochbrisante politische Komponente: Die beteiligten Sparkassen wollen mit Yomo nicht nur in ihrer jeweils eigenen Region neue Kunden gewinnen, sondern auch darüber hinaus. Damit laufen die Pläne de facto auf die Gründung einer bundesweiten "Smartphone-Bank" hinaus. Folge: Das Regionalprinzip, die heilige Kuh der Sparkassenwelt, könnte ausgehebelt werden. Ein Tabubruch.

Den Sparkassen läuft im Wettlauf mit den Fintechs die Zeit davon

Um zu verstehen, warum die bisher mindestens acht beteiligten Sparkassen diesen Konflikt riskieren, muss man sich die angespannte Lage der öffentlich-rechtlichen Banken vor Augen führen: Viele der 409 Sparkassen in Deutschland stehen unter Druck durch die niedrigen Zinsen. Um zu sparen, schließen viele Filialen oder fusionieren. Branchenkenner wie der Bankenberater Bernd Nolte gehen davon aus, dass die Gewinne der Sparkasse in den nächsten Jahren "sukzessive sinken werden".

Die Lage der Großsparkassen ist dabei eine spezielle: Einerseits ist ihre Ausgangsposition gut. Sie haben eine lukrative, urbane Klientel und dank ihrer Größe auch Kostenvorteile.

Auf der anderen Seite sind die Menschen in den Großstädten aber besonders affin für neue, technikgetriebene Angebote wie Number 26. Bei Budnikowsky etwa, einer Hamburger Drogeriekette, die mit Number 26 kooperiert, können Kunden, ohne einzukaufen, direkt zur Kasse gehen, um mithilfe des Smartphones Bargeld abzuheben. Solche Beispiele sind es, die dazu führen, dass Sparkassenmanager einen besonders starken Handlungsdruck empfinden. Sie fürchten, dass ihnen im Wettlauf mit den Fintechs die Zeit davonläuft, wenn sie mit einer Idee wie Yomo auf die übrigen Institute warten.

Yomo soll spätestens im Herbst an den Start gehen

Nach SZ-Informationen gehören neben der Kreissparkasse Köln auch die Institute in Hamburg, Berlin und München zu den Treibern. Daneben sind bisher die Sparkassen in Bremen, Köln-Bonn, Esslingen-Nürtingen und Paderborn-Detmold an Bord. Die Umsetzung liegt bei der Hamburger Firma Starfinanz, die Apps für die Sparkassen entwickelt. Wie konkret die Pläne sind, zeigt sich daran, dass Starfinanz vor Kurzem bereits eine Internetadresse namens www.yomo.de live geschaltet hat. Zudem soll dieser Tage das Bundeskartellamt über die Pläne informiert werden.

"Technisch ist das alles schon sehr weit", sagt ein Kenner des Projekts. Der Testlauf könnte schon in den nächsten Wochen beginnen. Den offiziellen Planungen zufolge soll Yomo im Herbst an den Start gehen; manche hoffen, dass es sogar noch früher klappt. Zielgruppe, heißt es aus einer der Banken, seien nicht die klassischen Sparkassenkunden, "sondern Leute zwischen 18 und 35 Jahren, die wir ohne neue Angebote tatsächlich früher oder später an Fintechs wie Number 26 verlieren". Darum soll Yomo als Marke offenbar möglichst unabhängig von den Sparkassen auftreten.

Proteste kleinerer Sparkassen sind bereits absehbar

Den absehbaren Protesten aus dem eigenen Lager wollen die Initiatoren begegnen, indem sie versprechen, für Yomo zunächst nur innerhalb ihres eigenen Sprengels zu werben. Zudem sollen sich andere Sparkassen anschließen können, etwa über ein Lizenzverfahren. Ob diese Zugeständnisse ausreichen, um einen Aufstand in den eigenen Reihen zu verhindern, bleibt abzuwarten. Einer, der bei vielen kleineren Sparkassen gut vernetzt ist, sagt: "Wenn die Großsparkassen die Idee mit Yomo durchziehen, kündigen sie die Solidarität mit den übrigen Instituten de facto auf."

Bislang gibt es ein prominentes Beispiel eines kommunalen Instituts, das sich nicht an das Regionalprinzip hält - nämlich die Frankfurter Sparkasse, die schon seit Jahren die bundesweit tätige Direktbank namens "1822" unterhält. Ansonsten sind es eher die ebenfalls öffentlich-rechtlichen Landesbanken, die gern mal in den Gebieten der Schwesterbanken wildern. So gehört die DKB, eines der größten deutschen Online-Institute, zur Landesbank Bayern-LB. Eine gemeinsame Sparkassen-Direktbank aber galt den Instituten immer als Tabu.

Unklar scheint auch zu sein, wie teuer Yomo werden soll. Wollen die Sparkassen das Produkt genauso wie Number 26 quasi gebührenfrei anbieten? Oder folgen sie dem Mantra, wonach die Zeit kostenloser Girokonten jetzt zu Ende geht? Einer, der das Projekt eng verfolgt, sagt dazu: "Das ist einer der Punkte, die noch für Zündstoff sorgen könnten." Es dürfte nicht der einzige bleiben.

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