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Digitalisierung:Klickarbeiter aus Pakistan

Entwicklungshelfer warnen vor einem "digitalen Kolonialismus". Ein neues Bündnis will das verhindern. Ziel sind Regeln für Unternehmen, was Menschenrechte und Umwelt betrifft - analog und digital.

Wenn es um Digitalisierung für Schwellen- und Entwicklungsländer geht, ist die Rede von Wetter-Apps, mit der Kleinbauern höhere Ernten erzielen können, Cargo-Drohnen, die Medikamente in abgelegene Regionen liefern, oder Bezahl-Apps für Menschen ohne Bankkonto. Alles nützliche Dinge. Aber für eine generelle Verbesserung der Lebensverhältnisse in diesen Ländern ist entscheidend, welcher Anteil der Wertschöpfung dort anfällt und wie er verteilt wird. Ein neues Bündnis will die Lieferkette nun gerechter machen.

Ob Textilfabrikanten in Asien oder Kakaobauern in Westafrika: Schon in der analogen Wirtschaft ergattern die Akteure nur einen geringen Anteil an der Wertschöpfung. Oft reicht deren Einkommen nicht einmal, um die Grundbedürfnisse zu decken. Ähnliches droht in der digitalen Wirtschaft. 2016 hatte die Weltbank gewarnt, der digitale Wandel bleibe weit hinter den Erwartungen zurück und drohe, Arbeitsplätze in Afrika, Asien und Lateinamerika zu vernichten und die soziale Ungleichheit zu verschärfen. Die Autoren der Studie "Gerechtigkeit 4.0" des evangelischen Hilfswerks Brot für die Welt, Sven Hilbig und Thomas Fritz, warnen vor der Gefahr eines "digitalen Kolonialismus".

Der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung zufolge entfallen von der Wertschöpfung aus den globalen Produktionsnetzen 67 Prozent auf die Industriestaaten der OECD und 33 Prozent auf die Entwicklungs- und Schwellenländer. Das liegt daran, dass der größte Anteil der Wertschöpfung nicht auf die Produktion selbst entfällt, sondern auf die vorgelagerten Stufen der Forschung und des Designs sowie die nachgelagerten Bereiche der Vermarktung und Kundendienstleistungen - kontrolliert von Konzernen, die vor allem in Industrieländern sitzen.

Die ungleiche Verteilung der Wertschöpfung beruhe "in erheblichem Maße auf der Macht transnationaler Konzerne", denen es gelinge, ihr Produktionswissen in globalen Wertschöpfungsketten vor dem Abfluss in Länder des Südens zu schützen, so die Autoren. Wichtige Instrumente dafür seien geistige Eigentumsrechte wie Patente, Urheberrechte und Markenzeichen.

Die Folgen für die Beschäftigten zeigen sich zum Beispiel bei den Crowdworkern. Während die großen Plattform-Unternehmen fast alle in den Industrieländern und China beheimatet sind, haben Indien, die Philippinen, Pakistan oder Bangladesch einen besonders hohen Anteil Crowdworker. Selbst gut ausgebildete Menschen reißen sich aus Mangel an Alternativen um die häufig einfachen, monotonen und repetitiven Tätigkeiten, mit denen etwa die Klickzahlen kommerzieller Webseiten hochgetrieben werden. Mit Blick auf die hohe Qualifikation vieler Crowdworker kritisieren die Autoren die Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen. Viele Regierungen hätten in deren Ausbildung investiert und erwartet, sie würden einen Beitrag für die Modernisierung ihrer Länder leisten.

Um die Arbeitsteilung gerechter zu gestalten, hat sich nun ein Bündnis von 17 Organisationen und Gewerkschaften zur Initiative Lieferkettengesetz gegründet. Ziel sind Regeln für Unternehmen, was Menschenrechte und Umwelt betrifft - analog und digital.