Digitalisierung Exponentielles Denken

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Alina Fichter und Ulrich Schäfer im Wechsel. Illustration: SZ

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Schon der Name klingt ein wenig arrogant: Singularity University, die Hochschule der Einzigartigkeit. Bosse aus aller Welt sollen dort lernen, wie rasant Technologien ihre Branchen verändern werden.

Von Alina Fichter

Schon der Name der Firma klingt ein wenig arrogant. "Singularity University", das heißt übersetzt: Universität der Einzigartigkeit - gerade so, als gebe es keine anderen erwähnenswerten Lehreinrichtungen in den USA. Der Name ist aber auch ein Hinweis darauf, worum es geht, hier auf dem Moffett Field, einem ehemaligen US-Marine-Stützpunkt im Süden des Silicon Valley. Hier hat die Singularity Unversity, kurz SU, ihren Sitz. Unter Singularity verstehen Nerds die Hypothese, künstliche Intelligenz verbessere sich so schnell, dass sie die menschliche bald um ein Vielfaches übertreffen wird. Und auf diese Hyperdigitalisierung sowie alles, was davor kommt, will die SU die Welt vorbereiten, etwa: die Lenker großer Unternehmen.

"In einer Woche hier ändert sich deren Weltbild", sagt Pascal Finette, 44, und auch dieser Satz klingt ein wenig arrogant. Finette ist bei der SU für "alles zuständig, was mit Gründen zu tun hat". Außerdem gibt er viele der Kurse, für die Führungskräfte aus der ganzen Welt auf das karge Gelände reisen, das berühmt ist, weil hier eines der Wahrzeichen des Valley steht: das riesige Skelett einer denkmalgeschützten Flugzeughalle aus den Dreißigerjahren. US-Präsidenten landen hier. Und Google-Gründer Sergey Brin stellt hier seine Boing 767 ab, wenn er sie gerade nicht braucht.

Mittendrin: die SU, die ein paar ihrer Räume mit 3-D-Druckern und Virtual-Reality-Welten vollgestopft hat. Bosse, deren Branchen die Digitalisierung zu schaffen macht (also fast alle), müssen knapp 14 500 Dollar für eine Woche in diesem Disneyland der Technologien zahlen. Das sind 2071 Dollar am Tag.

Wissen Firmenchefs denn nicht selbst am besten über ihr Kerngeschäft Bescheid? "Sie sehen, was vor ihnen liegt. Aber nicht, was sich an den Rändern verändert", sagt Finette. Er erzählt von einem Flughafenbetreiber, der beobachtete, wie immer mehr Menschen ankamen, und der eine Erlebnis-Shoppingwelt als neuen Geschäftszweig plante - dabei aber nicht bedachte, dass die meisten Reisenden beruflich unterwegs sind. "In ein paar Jahren nutzen die keine Flugzeuge mehr, um an Meetings teilzunehmen, sondern VR-Brillen", sagt Finette voraus. An so was hatte der Flughafenbetreiber nicht gedacht.

"Lineares Denken", diagnostiziert Finette, sei typisch menschlich. Aber die Digitalisierung erfordere exponentielles Denken von denen, die sie mitgestalten wollten. Sein Lieblingsbeispiel gibt er auch den achtzig Kursteilnehmern mit: Wie weit 30 Schritte seien, könne jeder einschätzen. Das sei ein Erfahrungswert. Aber was ist mit 30 "exponentiellen Schritten": Wie weit gelangt man, wenn sich die Schritte immer weiter potenzierten: 1, 2, 4, 16, ...? "Das sprengt die menschliche Vorstellungskraft." 30 exponentielle Schritte würden ausreichen, um die Erde 26 Mal zu umrunden. Oder um zweieinhalb Mal zum Mond zu gelangen. "Und in diesem Tempo wandeln sich Technologien - und mit ihnen ganze Branchen." Den Lenkern beizubringen, diese Geschwindigkeit intuitiv zu spüren, "hier im Bauch", sagt Finette, das sei sein Ziel.

Sprachassistenten etwa seien heute sieben Jahre alt. In weiteren sieben Jahren werde ihre Technologie so weit sein, dass sie besser verstehen werden, was wir wollen und brauchen, als andere Menschen das tun. Mathematisch ganz einfach nachweisbar, sagt Finette, Zahlen auf ein Papier kritzelnd. "Deshalb sollten Autofirmen aufhören, Armaturenbretter mit Drehknöpfen zu entwickeln", findet Finette. Das Auto werde künftig sprachgesteuert.

Wenn die 80 Unternehmensbosse während ihrer Woche auf dem Moffett Field also verstanden haben, dass sich auch an den Rändern ihrer Branche vieles verändert und das zudem ganz schön schnell, ist es für die Singularity University an der Zeit, ihnen ein paar Methoden beizubringen, die ihnen dabei helfen sollen, die Armaturenbretter oder Flughafenerlebnisse zu bauen, die in Zukunft gefragt sein werden. Design Thinking gehört im Valley noch immer zu den angesagten Innovationsmethoden, aber natürlich hat Finette auch seine eigenen entwickelt.

Mit diesen Erkenntnissen ausgestattet kann es dann richtig losgehen in der heimischen Firma: Die SU-Absolventen kehren ja, wenn man Finette glauben darf, mit verändertem Weltbild zurück und mit vielen Ideen, die sie am liebsten sofort umsetzen wollen. Allerdings: Die Einstellung der Kollegen hat sich in denselben sieben Tagen vermutlich nicht fundamental gewandelt. Kann das gutgehen?

Natürlich hat die SU auch daran gedacht. "Der umgekehrte Kulturschock", sagt Finette und nickt. "Dafür haben wir auch Materialien." Es sei aber auch schon vorgekommen, gibt er zu, dass den Heimkehrern vorgeworfen worden sei, sie seien auf dem Moffett Field einer Gehirnwäsche unterzogen worden.

Die scheint insgesamt aber ganz gut anzukommen in den Heimatländern. Seit die Erfinder Ray Kurzweil und Peter Diamandis die SU 2008 gründeten, durchliefen ein paar Tausend Unternehmensführer das Programm im Valley. Bald sollen ähnliche Kurse auch für das mittlere Management angeboten werden - und nicht mehr nur auf dem Moffett Field. Finette war gerade in Berlin. Die Niederlande, Dänemark und Neuseeland sind andere mögliche Stationen.

Zur Universität gehören auch ein Gründerzentrum und ein Programm für Studenten, das Global Solutions heißt, weil die Absolventen versuchen sollen, mithilfe von Technologie die großen Probleme der Menschheit zu lösen. In diesem Jahr ist die Erderwärmung dran. Mal sehen, was Donald Trump dazu sagen wird, wenn er das erste Mal als Präsident auf dem Moffett Field nebenan landet.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Singularity University sei 2009 gegründet worden. Richtig ist, dass sie bereits im Jahr zuvor, 2008, ins Leben gerufen wurde.