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Digitalisierung:Die Transformer

Mit neuen Ideen wie dem Modell ID-Buggy will Volkswagen in die Zukunft fahren – immer möglichst digital und vernetzt.

(Foto: oh)

Die Autobranche muss digital werden, und zwar dalli. Der Volkswagen-Konzern hat sich bei einer Stuttgarter IT-Agentur eingekauft, um den Prozess zu beschleunigen.

Digitale Transformation. Das T-Wort ist in der Automobilindustrie der Begriff des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts. Vor diesem Ungetüm haben in der Autostadt Stuttgart die meisten Unternehmen einen Höllenrespekt - auch weil keiner weiß, wie lange diese Transformation dauert, wo sie hinführt und wer sie überleben wird. Andreas Schwend hat dagegen keine Angst, im Gegenteil: Er treibt die Transformation voran. Mit seiner Firma Diconium hat er ein lukratives Geschäftsmodell daraus gemacht.

"Wir helfen Unternehmen dabei, die Digitalisierung ihrer Kundenbeziehungen, Produkte und Services voranzutreiben", sagt der 50-jährige Co-Chef des Digital-Dienstleisters Diconium. Ja, sagt er, da sei auch richtig viel Kulturwandel mit dabei. "Wir helfen unseren Kunden, ein Verständnis zu entwickeln, was deren Kunden haben wollen." Schwends Firma sitzt im Stuttgarter Stadtteil Hallschlag, von seinem Büro im sogenannten Römerkastell aus sieht er von einem Hügel in den Stadtkessel hinunter über Bad Cannstatt bis zum Daimler-Werk. Auch den Machern des Mercedes hat Schwend zuletzt auf die digitalen Sprünge geholfen. Und jetzt macht er sich daran, den Volkswagen-Konzern fit für die Transformation zu machen. Oder besser: den Konzern zu transformieren.

Erst im März hatte VW-Chef Herbert Diess seine Abkehr von Verbrennerautos und eine komplette Hinwendung zu Batteriefahrzeugen angekündigt. Genauso konsequent, aber etwas weniger laut, hat sich Volkswagen dem Digitalauto verschrieben. Ende vergangenen Jahres hat der Konzern 49 Prozent der Diconium-Anteile gekauft. 2020 will VW die ersten Autos der Modellserie ID auf die Straße bringen. Diese werden nicht nur rein batteriebetrieben sein, sondern auch maximal digitalisiert und voll vernetzt. Volkswagen will den Kulturwandel auch mit Hilfe von Andreas Schwend und seinen Programmierern vollziehen.

Eine eigene Abteilung aufzubauen, hätte zu lange gedauert

"Volkswagen hat erkannt, dass ein schneller Wandel Sinn macht", sagt Schwend. "Und dass das nur mit externer Hilfe schnell genug klappt." Der Wolfsburger Konzern hätte auch versuchen können, sich eine eigene Digitalisierungsabteilung aufzubauen. Aber das hätte viel länger gedauert, und der Erfolg wäre auch nicht garantiert gewesen. Und: Es eilt angesichts der reichen, flinken und gierigen Konkurrenz etwa von der Google-Tochter Waymo oder chinesischen Firmen. Deshalb hat Volkswagen entschlossen Geld in die Hand genommen und sich die Dienste der autoerfahrenen Stuttgarter gesichert. Andreas Schwend und sein Kompagnon Daniel Rebhorn, 49, zeigen den Wolfsburgern nicht nur, wie der Umbau geht. Sie setzen ihn auch gleich um.

Diconium ist der Rundum-Transformator, wie Christoph Hartung von Volkswagen bestätigt: "Die Partnerschaft und Beteiligung sind Teil einer größeren Entwicklung." Hartung ist beim größten Arbeitgeber Europas in Wolfsburg für digitale und neue Geschäftsmodelle sowie für Mobilitätsservices verantwortlich. "Es geht um unsere digitale Transformation. Wir machen digitale Dienste für die Fahrzeuge unserer Kunden zum Geschäftsmodell."

Der Stuttgarter Schwend und der Ulmer Hartung bauen zusammen eine komplett neue digitale Infrastruktur für den Volkswagen-Konzern auf: Für die Kunden entsteht das Ökosystem Volkswagen We, für die Produktion die One Digital Platform (ODP) und für den Vertrieb das Future Sales Model. "Wir bauen das als Plattform für den Konzern", sagt Hartung. Sobald diese steht und funktioniert, soll sie bei allen Volumenmarken des Konzerns, also denjenigen Marken mit hohen Verkaufszahlen, eingesetzt werden.

Volkswagen lässt sich seine "Digitalisierungsoffensive" etwa 3,5 Milliarden Euro kosten - und will diese Summe mit digitalen Angeboten und Diensten mittelfristig wieder hereinholen. "Wie kann ein digitales Ökosystem mit Angeboten so aufgebaut werden, dass es Kunden anzieht und hält?", fragt Christoph Hartung. Diconium soll ihm die Antwort liefern. Ein Beispiel wäre ein Ladeservice für die E-Fahrer. "Um einen solchen Dienst aufzubauen, müssen wir alles wissen: von der Fahrzeugtechnik bis hin zum Kunden und seinen Bedürfnissen", sagt Hartung. Diconium habe hierfür das Know-how. Aber viel Zeit hat es nicht, im nächsten Jahr muss alles passen. Hartung: "Mit dem ID werden 2020 die Plattform und die ersten Komponenten starten."

"KI ist wie Teenager-Sex. Jeder redet darüber, aber keiner hat es wirklich gemacht."

Diconium ist kein Start-up, das Unternehmen ist bereits 23 Jahre alt. Los ging es 1995 auf dem Wilden Kaiser, Andreas Schwend und Daniel Rebhorn trafen sich damals auf der Skipiste. Schwend war BWL-Student und nach eigenen Angaben alles andere als ein digital native, sondern eher: digital immigrant. Rebhorn war IT-Freak mit wenig Ahnung von Management. Sie wurden Freunde, halfen einander bei der Diplomarbeit und gründeten eine Agentur. Sie programmierten Plattformen für den gerade aufkommenden Onlinehandel. Erster Kunde war die Neckermann AG, die 2012 insolvent ging. "Wir konnten sie leider nicht vor dem Niedergang bewahren", sagt Schwend. Der Onlineshop habe zwar gut funktioniert, "aber der Rest mit zwei Katalogen pro Jahr und starren Prozessen in einem immer schneller drehenden Markt leider nicht."

Das Internet wurde größer, die Kunden der Stuttgarter wurden immer mehr: Heute hat Diconium 800 Mitarbeiter und elf Standorte in Europa, USA, China, Indien und den Arabischen Emiraten. Schwend und Rebhorn führen die Geschäfte nach wie vor. Seit dem Vertragsabschluss mit VW habe es zusätzliche Anfragen gegeben, berichtet Schwend. Überhaupt will er in den nächsten Jahren 200 weitere Leute einstellen. Auch und vor allem Experten in künstlicher Intelligenz. "KI ist ein spannendes Thema", sagt Schwend. Es reize ihn, Prozesse zu analysieren und Kundenverhalten vorauszusagen. Aus E-Commerce wird AI-Commerce. "Aber KI ist wie Teenager-Sex", witzelt Schwend. "Jeder redet drüber, aber keiner beherrscht es, und keiner hat es wirklich gemacht." Auf seine Frage, was er denn mit seinen Daten machen wolle, höre er von Kunden noch sehr oft: "Weiß ich nicht".

Überhaupt sieht Schwend für sein Geschäftsmodell digitaler Transformation noch viel Luft nach oben. Besonders beim schwäbischen Mittelstand. Bei denen sei es "ganz schwierig", ein Budget für Beratung zu bekommen, "wenn dabei nicht sofort ein Stück funktionierendes Internet hinten rauskommt, sondern nur eine Idee und Strategie". Da sei im Stuttgarter Kessel und drumherum "noch ein gewisses Learning" notwendig, glaubt er. Aber immerhin: "Viele haben schon erkannt, dass Digital nicht mehr weggehen wird und sie nicht mehr lange warten können."