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Digitalisierung:Wie weit sie ist und wo es noch hakt

(Foto: Stefan Dimitrov)
  • Bei der Digitalisierung sieht Wirtschaftsminister Peter Altmaier Deutschland noch auf einem langen Weg.
  • Dass es bei der Digitalisierung hakt, sei auch Schuld der Politik, geben Vertreter der Industrie zu bedenken.

Es gebe immer noch Leute, die hielten die Digitalisierung für etwas Unanständiges, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Denen hält der bekennende Büchersammler sein Smartphone entgegen: Es gehe nicht darum, sich zwischen Büchern oder Smartphone zu entscheiden, es bedürfe beider Medienträger: "Wir brauchen Bücher aus Schweinsleder, aber müssen auch die Digitalisierung aus ganzem Herzen akzeptieren", sagte Altmaier. Die Zeit dränge. Aus Europa komme nur eine große Digitalplattform, nämlich Booking.com, beklagte der Minister. Und weil die Holding dahinter mittlerweile in den USA sitzt, zählte Altmaier Booking nur noch halb für Europa mit.

Minister Peter Altmaier fordert die Unternehmen auf, Digitalplattformen zu gründen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das könne doch wohl nicht alles sein: "Noch sind nicht alle Plattformen gegründet". Als Beispiel nannte Altmaier eine Mobilitätsapp. Der reisende Smartphonebesitzer wolle nicht 26 Apps von Lufthansa, Deutsche Bahn und so weiter haben, sondern nur eine Anwendung. Eine Plattform biete das größt- und bestmögliche Angebot für Geschäftspartner und Kunden, schwärmte der CDU-Minister: "Eine Plattform ist die Vollendung der sozialen Marktwirtschaft." Das gelte aber natürlich nur, wenn sie transparent arbeiteten und in Konkurrenz stünden. "Davon sind wir weit entfernt".

Deutschland hat noch einen ordentlichen Digitalweg vor sich, ist sich auch die Wirtschaft einig. 56 Prozent der Unternehmen tauschten mit ihren Steuerberatern die Belege noch in Papierform aus, berichtete der Chef der Softwarefirma Datev, Robert Mayr. "Für die soziale Interaktion mag es ganz nett sein, dass man einmal im Monat seinen Steuerberater sieht. Aber da ist noch Luft nach oben." Sein Rat für Digitalisierungswillige: Nicht alles auf einmal wollen, lieber erst einmal mit einer Sache anfangen.

Wer größer denken will, der gründe ein Start-up in seinem Konzern, schlug Florian Resatsch vor, der die Digitaltochter der für Heiztechnik bekannten Firma Viessmann leitet. Wer Mitarbeitern ermögliche, Unternehmen im Unternehmen zu gründen, erschließe sich im Erfolgsfall neue Geschäftsmodelle. Dieser Ansatz ist aber nicht ohne Reibung. "Fail fast, das kennt ihr alle", sagte Resatsch. Start-ups hauen erst mal eine App raus, dann kann man live schauen, was daran gut ist und was nicht. So einfach sei das für Industriekonzerne nicht: "Die Gasheizung sollte nicht so schnell failen." Das unternehmenseigene Start-up will schnell zum Kunden, der Werksleiter will noch die Qualitätssicherung drüberlaufen lassen - all das führe zu "unterschiedlichen Zeithorizonten", sagte Resatsch.

Es hakt also bei der Digitalisierung, aber es hake auch in der Politik, betonte Sabine Herold, die den Industrieklebstoffkonzern Delo besitzt und führt. Sie sei überrascht, "wie die Politik über den Mittelstand urteilt, ohne hineinzuschauen", sagte sie nach Altmaiers Auftritt. Delo habe mal an einem Förderprogramm des Bundesforschungsministeriums teilgenommen, erzählte sie. Ihr Unternehmen habe sich erlaubt, den entsprechenden Papierkram auf einem USB-Stick zu speichern und den - ordentlich wattiert - an das Ministerium zu schicken. Das war nicht in Ordnung, hätten sich die Beamten beschwert: Wo denn die Originalrechnungen auf Papier seien? Tagelang sei es hin und her gegangen zwischen dem Ministerium in Berlin und der Delo-Zentrale in Windach bei Landsberg am Lech. Am Ende musste Herold den Inhalt des USB-Sticks doch ausdrucken.

BERLIN: WIRTSCHAFTSGIPFEL Hotel Adlon

Unternehmerin Sabine Herold fordert die Politik auf, digitaler zu werden.

(Foto: Johannes Simon)

Bei Start-ups ist oft die Software an sich das Produkt, deutsche Firmen stellen dagegen oft Dinge her, die man anfassen kann (im Fall des Delo-Klebstoffs aber vermutlich nicht sollte). Digitalisierung bedeutet daher für den typischen Mittelständler etwas anders, als einfach eine App zu programmieren. Katja Windt vom Düsseldorfer Anlagenbauer SMS Group berichtete, wie es bei ihnen läuft. Der Konzern rüstet Fabriken für metallverarbeitende Unternehmen aus. Eine zentrale Frage ihrer Kunden sei: Warum ist hier eine Macke im Stahl? Vor allem in der Automobilindustrie seien Oberflächenfehler ärgerlich. Hier könne die Digitalisierung helfen. Dank Daten und statistischer Auswertung könne SMS Muster identifizieren und Fehler erkennen, bevor sie passieren, sagte Windt, die im Vorstand für Digitalisierung zuständig ist. Das oft inhaltslos benutzte Schlagwort "künstliche Intelligenz" mied sie, stattdessen fasste sie ihren Ansatz unter dem Begriff "predictive" zusammen: Daten können helfen, Fehlerquellen vorherzusagen. Die Daten müssten allerdings mit den Kunden und ihren Wünschen zusammengebracht werden. Daher setzte SMS auf gemischte Teams, in denen Datenspezialisten und Kundenbetreuer aufeinandertreffen. "Wir brauchen das metalogische Know-how darin", sagte sie. Start-ups hätten die Stahlbranche entdeckt, denen fehle aber genau dieser zweite Teil. "Die wissen nicht, was die Daten bedeuten", sagte Windt. "Noch haben wir den Vorsprung des Prozess-Know-hows, aber die Softwareunternehmen werden dazulernen."

Im Bundeswirtschaftsministerium werden E-Mails noch ausgedruckt, gestand Altmaier. "Ich lege Wert darauf, dass ich bei wichtigen Sitzungen ausgedruckte Unterlagen habe", sagte der Minister, er müsse sich schließlich auch Notizen machen. Letztens habe er die kroatische Regierung besucht und sei sehr erstaunt gewesen: Überall hingen Bildschirme und Kabelanschlüsse, die Kollegen dort könnten stets einstöpseln und weiterarbeiten. Seinen Geräten ginge zu oft der Saft aus. Die Digitalisierung verändere zwar auch die "großen Tanker" Wirtschaftsministerium und Bundesregierung, aber langsam: "Das wird uns noch Jahre beschäftigen", dämpfte Altmaier die Erwartungen. So schnell kommt die papierlose Verwaltung in seinem Ministerium also nicht.

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