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Essay zu Scoring:Das Produkt bin ich

Doch der enorme Zugewinn an Handlungsfreiheit hat seinen Preis: Wenn mein Double einmal nicht mehr die erforderliche Güteklasse hat, ist es mit der Leichtigkeit vorbei. Womöglich ohne eigenes Verschulden. Es reicht, dass die Statistik gegen einen spricht, um schlechter gestellt oder gleich ganz aussortiert zu werden. Dann gibt es eben kein Konto, keine Kreditkarte oder das Darlehen nur noch zu schlechten Konditionen.

Das Perfide: Die Betroffenen ahnen meist nicht, woran das liegt, weil die Klassifizierung von außen nicht wahrgenommen wird. Keiner weiß, an welchen Stellen seine Daten gespeichert werden. Und noch viel weniger, welche davon für das digitale Double tatsächlich relevant sind, wie sie filetiert, aggregiert, analysiert, verknüpft und er am Ende dafür belohnt oder sanktioniert wird. Wer glaubt, er habe nichts zu verbergen, für den gilt: Das entscheidet nicht der Überwachte, sondern der Überwacher.

Die Kontrolle geschieht nicht in böser Absicht, sie ist vielmehr ein extrem rationalisierter Produktcheck der Banken, das Produkt dabei bin ich. Doch die Kontrolle kann eben böse Konsequenzen haben. Den Ausgegrenzten bleibt dann nur die Wut - und Ratlosigkeit. Flucht ist kaum möglich, weil letztlich fast alle Banken nach demselben Schema arbeiten. Ohnmächtig dürfen die Abgehängten zuschauen, wie sie mit mathematischer Gewissheit in Restposten verwandelt werden.

Noch gibt es keine Instanz, die ihnen im Kampf um das Rechthaben hilft. Gegen Menschen können wir uns zu Wehr setzen, mit einiger Mühe auch gegen Unternehmen. Doch wie wehrt man sich gegen irgendwelche Daten, die irgendwann irgendwo von irgendjemandem gesammelt und irgendwie ausgewertet wurden?

Schon wer nur etwas über die Gesundheit seines Doubles wissen möchte, der wird die Erkenntnisse von Oscar Wilde wiederholen: Nicht Fragen sind indiskret, sondern Antworten. Unternehmen und Banken schweigen, keiner soll ahnen, wann und wie er gesehen wird.

Allmachtsphantasien

Man weiß auch nicht, wie die Datensammler durch die Unmengen von Informationen hindurchfinden. Ob die Daten richtig und aktuell sind. Und andererseits - wie vergesslich die Banken sind. Ist im Nu alles computertechnische Archäologie?

Fest steht: Die Kunden sind maschinell lesbar geworden. Für die Unternehmen ist es das größte Effizienzversprechen überhaupt, denn es ermöglicht zugleich den Einsatz digitaler Mitarbeiter. Und die schieben nun rund um die Uhr Dienst im Netz. Anders als mein Double, über das ich keinerlei Gewalt habe, fungieren die Mitarbeiter eher als Avatare der Bank, die unerbittlich, emotionsfrei und regelgebunden über das digitale Double entscheiden - zum Beispiel beim Online-Kreditantrag im Netz.

Die Digitalisierung schafft so eine Stellvertreter-Welt, in der die Daten alles und die Kunden nichts mehr zu sagen haben. Die Regeln, nach denen mein Double mich vertritt? Ich kenne sie nicht, weil andere sie geschrieben haben. Es verhält sich so, wie die Statistiken es wahrhaben wollen. Banken und Unternehmen gewinnen so auf seltsame Art Hoheit über mein Leben. Sie argumentieren: Die Daten sagen immer die Wahrheit. Und es bedeutet: Wir kennen dich besser als du selbst.

Dass das nicht stimmt, zeigt die Finanzkrise. Das Regime der Algorithmen führte geradewegs ins Chaos, weil die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine nicht funktionierte. Die Datenathleten hatten nicht erkannt, wo der Riss zwischen realer und modellierter Welt verlief - und hatten zu wenig Selbstmisstrauen, um sich und diese künstliche Welt in Frage zu stellen.

Die Diktatur der Daten und Algorithmen hat die Beziehung von Kunde und Bank grundlegend verändert: Man ist sich fremd geworden, weil die Verzahnung von Mensch und Maschine bisher nicht geglückt ist. Das ist das Manko der Digitalisierung. Viele Kunden haben seit Jahren keine Filiale mehr betreten und umgekehrt sind die realen Kunden den Banken egal geworden. Ihnen reicht das Double fürs Geschäft. So gesehen ist nicht nur die Finanzwelt unsichtbar, aus Perspektive der Banken sind es auch die Kunden.

Die Banken sind die Facedowner der Wirtschaft geworden, sie müssten dringend mal aufschauen. Nicht nur, um zu sehen, wie es in der Welt aussieht und was sie braucht. Sondern auch, um ihr zu zeigen, was sie da überhaupt machen auf ihren Bildschirmen. Die Institute sagen, die Digitalisierung bringe Mobilität und Einfachheit. Aber reicht das, um Vertrauen zu schaffen? Steckt hinter den neuen Geschäftsmodellen nicht das alte Kalkül: Der Kunde ist dazu da, um ihn zu übertölpeln?