Essay zu Scoring Aussortiert - im Namen der Freiheit!

Maximale Ahnungslosigkeit trifft auf maximalen Datendurst

Wenn es um das Geld geht, hören die meisten schon gar nicht mehr hin. Dabei wäre es so wichtig - nicht Bescheid zu wissen ist gefährlich. Ein Animationsfilm. Beteiligte: Rainer Hohenberger (Cortal Consors), Ralf Keuper (Betreiber des Blogs Bankstil und Bankberater), Matthias Kröner (Fidor Bank), Günter Voß (Professor für Soziologie). mehr...

Die Finanzindustrie hat eine Sphäre geschaffen, in der Daten das Regiment übernommen haben. Kunden, Mitarbeiter, Entscheidungen - alles digitalisiert. Die neue Welt verlangt totale Anpassung. Wer nicht mitmacht, wird zum Restposten. Aus der Artikelreihe "Digitales Morgen" von Süddeutsche.de und Vocer. Mit Animationsfilm.

Ein Diskussionsbeitrag von Hans von der Hagen

Kürzlich wäre ich fast mit jemandem zusammengestoßen. Zu Fuß. Mitten in München. Das Malheur war der Konzentration eines Herrn auf sein Telefon geschuldet. Ein Smartphone, reich an Meldungen aus aller Welt, das seinen Blick ansog wie ein Magnet. Facedowner sagen manche zu diesen Leuten, weil sie mit dauerhaft gesenktem Haupt durch die Gegend laufen.

Wie man so hört, häufen sich die Unfälle realitätsvergessener Handy-Nutzer. Diese Technologie zerrt die Aufmerksamkeit so konsequent in eine andere Welt, dass sie vom Leben abgeschnitten zu sein scheinen. Natürlich: Würde man sie dazu befragen, bekäme man die gegenteilige Antwort. Erst ein Handy im Dauerbetrieb gebe einem die Gewissheit, überhaupt im Leben zu stehen. Haben sie recht? Zählt das, was aus den Maschinen kommt, mittlerweile so viel mehr als das, was um einen herum geschieht? Am Ende aber ist die wichtigste Frage: Wer kontrolliert da wen? Das Handy den Mann, oder der Mann das Handy?

Seltsame Macht

Es gibt Orte, an denen sich die Frage drängender stellt als auf einem Gehweg. Zum Beispiel in jener Sphäre, die vielen auch ohne Elektronik schon wie eine Parallelwelt vorkommt: die Sphäre des Geldes. Banken, Finanzmarkt, Zinspolitik. Worte, die mittlerweile nur noch zu Unbehagen führen. Ich habe andere gefragt, was sie besonders stört. Die Exzesse, die Krise, ja. Das Irritierendste aber: die Unsichtbarkeit.

Dieser Finanzmarkt scheint vielen wie eine kafkaeske, düstere Macht, deren Puls von Daten und Bildschirmen getaktet wird. Die zockt, zahlt und zündelt und immer wieder Schäden in unbegreiflicher Höhe verursacht. Die aber am Ende die Oberhand behält, weil keiner da ist, der ihr etwas entgegenzusetzen hat.

Wie konnte es so weit kommen? Nehmen wir - mich. Auch ich stecke mitten drin in dieser unsichtbaren Welt, ohne es zu wollen. Die Banken haben mich zum Teil der Prozesse gemacht, die dort im Verborgenen ablaufen. Denn eher als andere schafften sie es, ihre Kunden in Zahlen zu reproduzieren. Man könnte von digitalen Doubles sprechen, die da in den Computern der Finanzwelt entstanden sind, um eine Vokabel aus dem Buch "Daten, Drohnen, Disziplin" von Zygmunt Bauman und David Lyon zu borgen.

Fachleute reden allerdings lieber von Scores, also einer Art Ratings für jedermann. Wie ein Land werde ich hoch- oder runtergestuft, je nachdem, an welche Daten Marktforscher, Banken oder die Schufa zur Berechnung dieser Scores herankommen. Mahnungen, Rücksendungen, meine Wohngegend, angesurfte Seiten, der Sprachstil in Beiträgen im Internet - Tausende von Datenpunkten werden von manchen Unternehmen erfasst. Und natürlich auch die Gefällt-mir-Demokratur der sozialen Schwärme im Netz.

Und weil nicht nur die Banken interessiert, wie riskant ich bin, sondern auch Versandhäuser oder Mobilfunkkonzerne, haben die wirtschaftlichen Überwacher größeren Einfluss auf mein Leben als die Datensammler aller Geheimdienste zusammen: Sie bestimmen, ob man mich jeden einzelnen Tag als Kunden mag oder meidet.

Wenn mein digitales Genom die virtuellen Türsteher an den Kassen, Geldautomaten und in der Netzwelt überzeugt, nehme ich in der realen Welt am Leben teil. Und zwar mit erstaunlicher Leichtigkeit. Geld? Gibt es überall. Kredit? Wird im Netz beantragt. Waren bestellen? Geht weltweit. Bezahlen? Karte, Handy, Notebook - wie immer man will. So viel Freiheit fühlt sich gut an - und bald noch besser, wenn all diese Dinge mit einem einzigen Klick zu erledigen sind. Die Digitalisierung hat mich von meiner Bank emanzipiert. Auf den ersten Blick zumindest.