Digitaler Stress:Es ist nicht okay

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Digitaler Stress: Illustration: Bernd Schifferdecker

Illustration: Bernd Schifferdecker

Täglich ploppen viel zu viele Nachrichten in den digitalen Postfächern von Beschäftigten auf - das stresst. Unternehmen machen es sich aber zu einfach, wenn sie zu mehr Gelassenheit aufrufen.

Kommentar von Mirjam Hauck

Wer täglich ins Büro geht - und sei es auch nur in das sogenannte Home-Office, wo der Firmenrechner auf dem Küchentisch steht - kennt das: Kaum hat man den Laptop morgens hochgeklappt, ploppen E-Mails auf, Chatnachrichten und manchmal gab es schon Anrufe auf dem Firmenhandy. Hat man alles so gut es geht beantwortet und versucht zu arbeiten, kommt die nächste Nachricht und unterbricht einen wieder. In Ruhe arbeiten oder gar in den fast schon sagenumwobenen Flow kommen, wird immer schwieriger. Und wenn man Pech hat, schreibt einem die Chefin oder der Chef auch noch nach Feierabend oder am Wochenende.

Diese dauernde Erreichbarkeit, die ständigen Unterbrechungen und die Informationsflut durch digitale Nachrichten und Geräte sind einer der größten Belastungsfaktoren für Beschäftigte. Nach einer Studie der Universität Bayreuth ist jeder Dritte solchen Strapazen stark bis sehr stark ausgesetzt. Und der digitale Stress bleibt nicht ohne Folgen. Er macht krank, von Kopfschmerzen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Depressionen. Er führt dazu, dass Beschäftigte weniger gern zur Arbeit gehen, unproduktiver werden und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie ihren Job kündigen.

Was also tun? Eine gern gegebene Empfehlung in diesen hektischen Zeiten: mehr Gelassenheit zeigen. Bekannt geworden ist dafür ein knallgelbes Plakat von Google, das vielfach verbreitet wurde. Unter der Überschrift "It's ok to ..." steht da etwa, dass es in Ordnung sei, auch mal keine E-Mails zu checken, während einer Videokonferenz spazieren zu gehen, Pausen zu machen oder gar im und wegen des Jobs zu weinen. Ausgedacht hat sich das Plakat nicht allein der US-Techkonzern, die Idee geht auf britische Regierungsdienststellen zurück.

Manche sind von 50 E-Mails am Tag überfordert, für andere ist das normal

So charmant das Plakat und die Ratschläge, sich von der Technik, von Vorgesetzten und Kollegen nicht unter Druck setzen zu lassen, so falsch sind sie. Denn sie wälzen das Problem mit dem digitalen Stress auf den einzelnen Mitarbeiter, die einzelne Mitarbeiterin ab. Frei nach dem Motto: "Lass mal fünfe gerade sein, dann wird alles gut." Nun ließe sich entgegnen, dass das Stressempfinden höchst individuell ist. Manche Menschen sind von 50 E-Mails am Tag überfordert, für andere ist das normal. Einige Beschäftige finden es gut, wenn sie am Abend noch mal auf ihre Arbeits-Mails schauen und welche schreiben können. Für sie bedeutet die Vermischung von Arbeit und Freizeit keinen Stress, sondern einfach mehr Flexibilität. Für andere ist genau das ein Graus, sie wünschen sich eindeutige Grenzen.

In einigen Ländern hat der Staat die bereits für die Unternehmen gezogen: In Portugal etwa ist per Gesetz geregelt, dass Beschäftigte, die im Home-Office arbeiten, nach Dienstschluss in Ruhe gelassen werden müssen. Vorgesetzten, die dennoch anrufen oder eine Nachricht schicken, droht eine empfindliche Geldstrafe.

In Deutschland dagegen sind solche Gesetze, die die Erreichbarkeit klar regeln, bislang nicht in Sicht. Also müssen Unternehmen das Anti-Stress-Management selbst in die Hand nehmen und dafür sorgen, dass ihre Mitarbeitenden entspannter im Umgang mit digitalen Tools werden und somit zufriedener und erfolgreicher arbeiten. Dabei helfen vor allem organisatorische Maßnahmen, die eindeutig sind, aber niemanden bevormunden. Das sind zum Beispiel Normen wie, dass E-Mails, die am Freitagmittag eintrudeln, auch am kommenden Montag beantwortet werden können. Oder Nachrichten, die nach Dienstschluss eingehen, frühestens am nächsten Arbeitstag bearbeitet werden müssen.

Sehr hilfreich sind auch Schulungen - und das nicht nur für neu eingeführte Software. Auch wer schon jahrelang mit dem gleichen Mail-Programm arbeitet, kennt meist nicht alle sinnvollen Funktionen. So wächst bei vielen Beschäftigte die Zahl der Nachrichten im Posteingang immer weiter an. Dabei lassen sich E-Mails auch automatisch in Ordnern ablegen. Zudem müssen Vorgesetzte klar kommunizieren, wer bei bestimmten Vorgängen und Themen informiert werden muss. Je weniger Adressaten im berüchtigten "CC-Feld" stehen, umso weniger Störpotenzial. Aber es gibt auch Wege, wie jeder Einzelne seinen digitalen Stress reduzieren kann: Es ist immer noch effizienter die Kollegin einfach anzurufen, als 20 Chatnachrichten hin- und herzuschreiben.

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