Digitaler Alltag Ist digital alles besser?

Obst im Web bestellen - nicht jeder findet das hilfreich.

(Foto: Imago)

Computer verändern das Leben stark. Doch nicht immer erleichtern sie es. Was bringen die neuen technischen Möglichkeiten Verbrauchern wirklich?

Von Viola Schenz

Zum Beispiel dieser Artikel hier. Die Absprache zwischen Redakteurin und Autorin über Inhalt, Form, Länge und Abgabetermin nahm neun Mails in Anspruch. Wegen 119 Zeilen Text. Klingt absurd? Ist absurd. Früher wäre man die vier Stockwerke rauf, den Gang runter und durch die Tür zum Schreibtisch der Kollegin geschlurft, hätte den Themenvorschlag unterbreitet und die Details abgesprochen. Vielleicht wäre sogar ein gemeinsamer Kaffee dabei rausgesprungen. Bei Abwesenheit hätte man den kleinen Umweg übers Telefon gemacht.

Heute hat man den Eindruck, der einzige Kommunikationskanal ist der schriftliche, der über Bildschirme und Displays. Wieso eigentlich? Okay, die Form hat ihre Vorteile. Der andere fühlt sich nicht überrumpelt, man gewährt ihm Zeit zum Nachdenken. Die Sache ist diskret, es kann niemand mithören, und genauso wenig stört man andere durch laute Gespräche oder Telefonate - das Großraumbüro dankt es. Aber der schriftliche Chat ist eben, was er ist: unpersönlich, steril, oft auch missverständlich, weil Humor oft in die Hose geht, wenn das passende Emoji noch nicht entwickelt wurde.

Das 21. Jahrhundert beschert uns eine Menge an Möglichkeiten zu kommunizieren und zu interagieren, Produkte anzubieten, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Der Mensch wählt meist den digitalen Weg, den über die Computer- oder Smartphone-Tastatur. Warum? Weil es der bequemste ist? Der schnellste? Der zuverlässigste? Oder doch der umständlichere?

Mal ehrlich: Wer bucht den Urlaub gerne im Internet? Ein halbes Dutzend Vergleichsportale vergleichen. Den günstigsten Flug finden, der natürlich just am Abflugtag doch nicht der günstigste ist. Mietwagen in Hotelnähe suchen. Auf Tripadvisor durch Hunderte Dos and Dont's scrollen. Sich von Pop-ups à la "Angebot nur noch eine Stunde gültig!" hetzen lassen. Auch so geht locker ein kostbarer Samstag drauf. Im Reisebüro hat so was mal zwei Stunden gebraucht. Weil man sich dort das ganze Vergleichsgedöns sparte. Weil es im Grunde auch egal war, ob das andere Hotel besser oder die andere Fluggesellschaft zehn Euro billiger war - weil man es eh nicht in Erfahrung bringen konnte. Weil nicht alles durchperfektioniert war, sondern auch mal dem Zufall überlassen. Und keine Reisebürokauffrau hat einen gedrängelt. Heute drängelt auch keine, weil es kaum noch Reisebürokaufleute gibt. Sind wegdigitalisiert, genauso wie die guten Tipps, die sie für manche Länder parat hatten.

Und was bringt es wirklich, sich Lebensmittel online zu bestellen und nach Hause liefern zu lassen? Will man sich seine Honigmelone nicht lieber vor dem Kauf erschnüffeln, den Käse nach Lust und Laune aussuchen, durch Regalreihen wandern und Menüideen spinnen? Stattdessen gibt man dem x-ten Webservice seine persönlichen Daten für immer und ewig preis, auf dass einen deren Werbung bis ins Nirwana verfolgt. Und man klemmt daheim fest, weil man auf die Lieferung wartet, die im Stau steckt. Wird durch die ständige Bestellerei nicht eh schon zu viel verschickt, angeliefert, für Nachbarn entgegengenommen? Und werden mit all dem nicht eh schon genug Straßen und Gehwege verstopft?

Natürlich existieren Millionen Beispiele für nützliche, bequeme, sinnvolle Digitalisierung. Auch an Orten, in Situationen, in denen sie noch vor Monaten unvorstellbar war. Kürzlich in jenem Hotel in Wien etwa, wo es keine Rezeption mehr gibt. Man bucht online, man tritt in die Lobby, die eigentlich ein Café ist, tippt den Namen auf einen der vielen Bildschirme, man bestätigt die Buchungsdaten, drückt Okay, auf dem Bildschirm erscheinen die Worte: Schau mal nach unten, da findest du deinen Zimmerschlüssel. Und richtig: Aus einem kaugummiautomatenartigen Fach plumpst die Schlüsselkarte raus. Auf dem Weg zum Zimmer steht im Aufzug: Kein Auschecken nötig, wir mailen dir deinen Beleg. Mal abgesehen davon, dass bald auch der Beruf des Rezeptionisten überflüssig sein könnte, hat die Sache ihren Reiz. Man muss nicht lange warten, und das Hotel ist ziemlich günstig, wegen der gesparten Personalkosten. Ach ja, der Zimmerschlüssel funktionierte dann nicht, also zurück in die Café-Lobby. Der Barista nimmt sich der Sache an ("Immer gerne!"), loggt sich ein, die Rezeptions-IT spuckt eine neue Karte aus. Passiert dauernd, sagt er, deswegen arbeite er jetzt auch ganz- statt halbtags. Nur Milchschaum auf Espresso verteilen sei auf Dauer ja langweilig, meint er. Soll noch jemand behaupten, die Digitalisierung fresse Jobs.