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Digitale Lieferkette:Smart liefern

Banken tüfteln an der Blockchain. Mit dieser neuen Technologie soll der internationale Handel für Unternehmen effizienter werden.

Von der Laderampe bis zum Transport - effiziente und sichere Lieferwege sind für viele Mittelständler wichtig. Doch viele Firmen verzichten allein schon wegen des Verwaltungsaufwands auf Absicherungen ihrer Warenlieferungen. "Mehr als 70 Prozent der mittelständischen Exporteure in Westeuropa liefern auf Rechnung und tragen ein entsprechend großes Risiko, da die Zahlung meist erst 30, 60 oder 90 Tage nach Rechnungsstellung erfolgt", sagt Roberto Mancone, Technologieexperte von der Deutschen Bank. Die Lücke zwischen Material- und Geldfluss könnte nun mit der Blockchain-Technologie schneller geschlossen werden.

Die sogenannten Blockchains, die als Grundlage für die virtuelle Währung Bitcoin bekannt geworden sind, basieren auf einer Technologie namens Distributed Ledger. Wie in einem "verteilten Kontobuch", so die deutsche Übersetzung, können die Teilnehmer - für alle Beteiligten gleichzeitig sichtbar - per Computer Zahlungen oder Warenlieferungen auslösen. Diese werden dann in Datenblöcken gespeichert und mit jeder weiteren Transaktion erweitert sich die Kette - also die Blockchain. Dies bringt viele Vorteile. Handelspartner und Banken können jederzeit alle Vorgänge zurückverfolgen und werden prompt über aktuelle Vorgänge informiert.

Die Grundlage dafür liefern Smart Contracts. "Diese intelligenten elektronischen Verträge lösen bei Einhaltung vereinbarter Modalitäten an den unterschiedlichsten Stationen der Lieferkette bestimmte Aktionen aus", erläutert Mancone. So können etwa automatisch Teilzahlungen erfolgen, wenn die Ware die Fertigungsstätte des Exporteurs verlässt, wenn sie am Containerhafen ankommt und der Importeur sie empfängt.

In Europa haben sich jetzt sieben Banken aus sieben Ländern zusammengetan, um in ihrer Heimatregion Kunden für eine "Digital Trade Chain" zu gewinnen und so vielen Banken wie möglich den Zugang dazu zu ermöglichen. Mancone rechnet damit, dass die "Digital Trade Chain" Anfang 2018 mit sieben Banken den Betrieb aufnimmt. Neben HSBC, KBC, Rabobank, Natixis und Société Générale gehören dazu für den deutschen Markt die Deutsche Bank und Unicredit, die sich auch um Italien kümmert. Weitere Banken sollen folgen. Ende 2018 könnte die Digital Trade Chain auch außerhalb Europas verfügbar sein.

Digitale Lieferketten sollen den Unternehmen viele Chancen zur Verbesserung der Verwaltung ihrer liquiden Mittel und der Vorratshaltung bieten. Die Kreditinstitute wollen den Mittelstand dabei unterstützen und neue Konzepte für Service und Finanzierung ausloten. Die Commerzbank etwa hat gerade eine Forschungskooperation mit dem Dortmunder Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML gestartet. Derzeit erfordern Handelsfinanzierungen noch sehr viel papierbasierten Dokumentationsaufwand. "Das können wir mithilfe der Blockchain-Technologie digitalisieren und durch die Unveränderbarkeit der in der Datenbank gespeicherten Informationen noch mehr Sicherheit für alle Beteiligten bieten", sagt Michael Spitz, Geschäftsführer von Main Incubator und Blockchain-Experte der Commerzbank.

Die Technologie soll den internationalen Zahlungsverkehr optimieren. Durch die Automatisierung ohne Zwischenschaltung zentraler Stellen könnten solche Zahlungen schneller, weniger fehlerhaft und kostengünstiger abgewickelt werden. Betriebliche Prozesse sollen dabei verbessert werden. "Die Unternehmen können aus den von ihrer Bank bereitgestellten Plattformen wichtige Informationen für ihr Warenwirtschaftssystem und das Forderungsmanagement ziehen", sagt Spitz.

Schon heute können bei Schiffstransporten Sensoren an den Containern angebracht werden. Sie liefern dann zeitnah Informationen zum Liefergut - etwa ob der Container geöffnet wurde oder Licht eingedrungen ist, welchen Temperaturunterschieden er ausgesetzt ist und wo er sich gerade befindet. Sobald dann eine bestimmte Bedingung erfüllt ist, wird dieser oder jener Betrag gezahlt - oder bei Verstoß eben nicht. Qualität und termingerechte Lieferung können zudem generell schneller und mit weniger Personalaufwand geprüft werden. "Was mit Blick auf Vertragserfüllung, Kontrolle und Haftung bislang auf verschiedene Köpfe und Prozesse verteilt war, lässt sich jetzt gut und sicher automatisieren", sagt Philipp Sprenger, Blockchain-Experte beim Fraunhofer-IML.

Gleichzeitig soll die Lücke zwischen Material- und Geldfluss schneller geschlossen werden. Dazu kann auch die zügigere Bereitstellung von Krediten oder Handelsbürgschaften gehören. "Weil die Blockchain-Technologie für mehr Transparenz sorgt, erleichtert sie den Banken auch die Beurteilung von Risiken ebenso wie die Finanzierung von Teilleistungen", sagt Sprenger.

Die Commerzbank hat die Technologie in ihren Blockchain-Labors in Frankfurt und London bereits getestet. Erste Pilotprojekte sollen im Jahr 2018 oder 2019 folgen. "Bis zum marktbreiten Einsatz könnten allein schon deshalb noch einige Jahre vergehen, weil rechtliche Risiken geprüft und möglicherweise auch die Regulierung noch an die neuen Vertragsmodelle angepasst werden muss", sagt Spitz.

Auch um dem Missbrauch der neuen Technologie etwa durch Hackerangriffe vorzubeugen, entwickeln die Banken Lösungen für die Verschlüsselung und eine sichere Kundenidentifikation. "Die Unternehmen selbst brauchen keine besondere Blockchain-Expertise. Die Plattform wird sehr einfach und benutzerfreundlich gestaltet sein", verspricht Deutsche-Bank-Experte Mancone.