Digital-Vorstand Henry Ritchotte:Zahmer Rebell

Deutsche Bank Announces 2012 Financial Results

Henry Ritchotte, ein polyglotter Digital-Vorstand für die Deutsche Bank.

(Foto: Thomas Lohnes/Getty Images)

Er wuppte die Mega-IT-Projekte der Deutschen Bank, seinen Mitarbeitern hat er eine Tablet-Pflicht verordnet. Doch eine Revolution sollte man von Henry Ritchotte, dem erste Digital-Vorstand des Geldhauses, nicht erwarten.

Von Andrea Rexer

Er ist der bunte Vogel im Vorstand der Deutschen Bank: Henry Ritchotte hat Geschichte studiert und dann noch Asienstudien obendrauf gesattelt. Das klingt eher nach Bummelstudent als nach einem geradlinigen Banker. Sein Hobby ist auch nicht Golf, sondern der 51-Jährige lernt Sprachen. Auf die Weise lerne man die Seele eines Landes kennen, ist seine Auffassung. Und so fühlt er sich hinein in die japanische Seele, die türkische, die italienische, die spanische und sogar die deutsche. Deutsch spricht er sogar besser als Vorstandsvorsitzender Anshu Jain - was Ritchotte selbstverständlich niemals zugeben würde. Er ziert sich sogar, wenn er Deutsch sprechen soll, fast ein wenig schüchtern wirkt er dann.

Künftig darf sich Ritchotte in die Seele der Computer-Nerds einfühlen, denn er wird im Vorstand des größten deutschen Geldhauses für den neuen Geschäftsbereich Digitales zuständig sein. Spät, aber doch hat der Branchenprimus erkannt, dass die Konkurrenz aus dem Internet ernst zu nehmen ist: Der Technologie-Konzern Apple macht mit seinem Zahlungssystem Schlagzeilen, Unternehmen wie Paypal haben den traditionellen Banken schon längst gutes Geschäft abgeluchst.

Langsam dämmert es also auch den großen Banken, dass die Konkurrenz nicht mehr in ihren eigenen Reihen zu suchen ist, sondern dass eine ganz neue Wettbewerbssituation unaufhaltsam auf sie zurollt.

Fasziniert von der Berliner Tech-Szene

Darauf soll nun der polyglotte Amerikaner eine Antwort finden. Auf die Suche hat er sich bereits gemacht: Er war mit vielen Start-up-Unternehmern im Gespräch. Und zwar nicht nur im Silicon Valley, wohin deutsche Medienmacher gern pilgern, sondern: in Berlin. Was er dort gesehen hat, faszinierte ihn weit mehr als das Silicon Valley. Die Tech-Szene ist jünger und vielfältiger, es geht nicht nur um Finanzen, sondern um alle Branchen. So bunt wie möglich, das gefällt Ritchotte.

Als Nerd sieht er sich selbst nicht. Sein Zugang zur Technik ist weniger dem Privatleben als dem Job geschuldet. Seit 2012 ist er Organisationsvorstand der Bank und wuppte in dieser Rolle die Mega-IT-Projekte des Konzerns. Seinen Mitarbeitern hat er schon vor einigen Jahren verboten, ausgedruckte Dokumente mit in Besprechungen zu nehmen. Es gilt die Tablet-Pflicht.

Dennoch: Wer eine Revolution von Ritchotte erwartet, wird enttäuscht werden. Die Rolle des Radikalen wird er nicht spielen. Das sieht man auch an seiner Biografie. Seit 1995 ist er der Deutschen Bank treu geblieben, davor hatte er nur einen anderen Arbeitgeber: Merrill Lynch.

Abwechslung in seine Karriere brachten da allenfalls die unterschiedlichen Einsatzorte: Tokio, Singapur, New York, London. Man hat das Gefühl, dass es keinen Standort gibt, an dem Ritchotte nicht schon einmal war. Damit setzt er im Prinzip nur seine Kindheit fort: Als Sohn eines US-Soldaten wuchs er auf den unterschiedlichsten Kontinenten auf. Und natürlich stammt seine Frau nicht aus demselben Land wie er - sondern aus Panama.

© SZ vom 30.10.2014/sana
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