Abgasaffäre:Winterkorn-Prozess vor nächster Verschiebung

Winterkorn Volkswagen Abgasskandal Anklage USA

Martin Winterkorn, ehemaliger VW-Chef, wird wohl im September vorerst nicht vor Gericht stehen.

(Foto: Michael Sohn/AP)

Der ehemalige VW-Chef soll erneut operiert werden. Das Betrugsverfahren beim Landgericht Braunschweig muss wohl zum dritten Mal vertagt werden.

Von Jennifer Lange und Klaus Ott, München

Vom 16. September an, fast auf den Tag genau sechs Jahre nach der Enthüllung der Abgasmanipulationen bei Volkswagen, sollte der ehemalige Konzernchef Martin Winterkorn wegen Betrugsverdacht auf der Anklagebank sitzen. Doch so, wie es derzeit aussieht, wird auch dieser Termin nicht haltbar sein. Nach Informationen von Süddeutscher Zeitung und NDR soll Winterkorn in der ersten Septemberwoche erneut operiert werden, es wäre bereits der dritte Eingriff an seinen Hüften. Dem OP-Termin könnte dann die insgesamt dritte Verschiebung des Abgas-Prozesses am Landgericht Braunschweig folgen.

Mehrere Prozessbeteiligte gehen davon aus, dass Winterkorn mehrere Wochen bräuchte, um sich von dem neuen Eingriff zu erholen. Und dass dem Gericht nichts anderes übrig bleibe, als das Verfahren zu verschieben; auf den November vermutlich. Das Landgericht erklärte, man wolle nach wie vor im September beginnen. Wenn es Neues gebe, werde man das mitteilen. Winterkorns Anwalt wollte sich auf Anfrage von SZ und NDR nicht äußern.

Der seit Langem geplante Betrugsprozess gegen einen der einst wichtigsten Konzernchefs in einem der größten Industrieskandale in Deutschland steht unter keinem guten Stern. Ursprünglich hatte Winterkorn zusammen mit vier weiteren VW-Angeklagten bereits am 25. Februar vor Gericht kommen sollen. Dann verschob das Landgericht Braunschweig den Prozessauftakt wegen der Pandemie auf den 20. April. Im Frühjahr wiederum vertagte sich das Gericht erneut, ebenfalls wegen Corona, und setzte den 16. September als neuen Verfahrensbeginn fest.

Jetzt kommt voraussichtlich Winterkorns angeschlagene Gesundheit dazwischen. Seine beiden Hüften sind schwer geschädigt. Die eine Hüfte hat der ehemalige VW-Chef bereits in Ordnung bringen lassen, wozu aber gleich zwei Operationen notwendig waren. Von den beiden Eingriffen hat sich Winterkorn inzwischen erholt. Jetzt steht die zweite Hüfte an. Winterkorns Anwalt hat das Landgericht Braunschweig wissen lassen, dass die Ärzte eine rasche Operation für dringend notwendig halten, weil sonst irreparable Schäden drohten.

Das Gericht wiederum will offenbar sichergehen, dass dem so ist. Das Landgericht soll bei der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München ein medizinisches Gutachten angefordert haben. Dieses soll nach Möglichkeit bis Anfang kommender Woche vorliegen. In Kreisen von Verfahrensbeteiligten wird davon ausgegangen, dass die LMU sich dem Votum von Winterkorns Ärzten anschließen wird. Bisher haben sich deren Einschätzungen als zutreffend erwiesen.

Sollte das auch jetzt wieder so kommen, dann gäbe es zu einer Prozess-Verschiebung kaum eine Alternative. Das Verfahren gegen die anderen vier Angeklagten zu beginnen und Winterkorn abzutrennen, würde darauf hinauslaufen, dass der Ex-Konzernchef erst in zwei bis drei Jahren vor Gericht kommen könnte. So lange dürfte der erste VW-Prozess um die Abgasaffäre dauern. Da Winterkorn bereits 74 Jahre alt und nicht bei bester Gesundheit ist, bestünde bei einem langen Aufschub die Gefahr, dass er am Ende gar nicht mehr vor Gericht käme.

Anders als sein früherer Zögling, der ehemalige Audi-Chef und VW-Vorstand Rupert Stadler. Audi ist eine VW-Tochter und gilt als Keimzelle des Abgasbetrugs, den der Konzern bei US-Behörden längst zugegeben und Strafen und Schadenersatz in Höhe von mehr als 20 Milliarden Dollar gezahlt hat. Gegen Stadler läuft bereits seit fast einem Jahr ein Betrugsprozess am Landgericht München II. Stadler weist ebenso wie Winterkorn alle Vorwürfe zurück.

In Winterkorns Amtszeit hat VW Millionen Kunden Dieselfahrzeuge, die Dreckschleudern waren, als saubere und umweltfreundliche Autos verkauft. Bei Winterkorn selbst soll es aber nur um 65 000 Fahrzeuge gehen, weil er erst später von den Manipulationen erfahren, diese dann aber nicht abgestellt habe.

© SZ
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