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Abgasaffäre:Stadlers Schattenmänner

Anwaltskanzleien bieten bei Razzien einen besonderen Service: Sie "begleiten" die Ermittler. Das führt mitunter zu Konflikten.

Von Klaus Ott, München

Anwälte und Staatsanwälte, die sich körperlich zu nahe kommen, das klingt schon ziemlich merkwürdig. Genau das aber soll vor gut drei Jahren bei der VW-Tochter Audi passiert sein. Jedenfalls hat der Münchner Staatsanwalt Dominik Kieninger, der damals in der Abgasaffäre bei Audi ermittelte, am 9. Februar 2018 einen entsprechenden Protestbrief verfasst. Bei der Sichtung von Audi-Unterlagen durch seine Leute, beklagte sich Kieninger, sei es vereinzelt zu sozial unangemessenem Körperkontakt durch Mitarbeiter der Kanzlei Freshfields gekommen. So sei es ihm, Kieninger, berichtet worden. Dieser Körperkontakt sei erst auf lautstarken Hinweis hin beendet worden. Leider gibt es von dieser filmreifen Szene, die sich bestimmt in jeder Krimiserie im Fernsehen gut machen würde, keine Aufnahmen.

Kieningers Protestbrief vom Februar 2018 ging an den Anwalt, der Audi im Strafverfahren um die Abgasaffäre vertritt. Und an die Großkanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer, die den VW-Konzern und dessen Ingolstädter Tochter Audi in der Affäre juristisch umfassend betreut. Staatsanwalt Kieninger hielt Audi in dem Schreiben sogar vor, die Vernehmung von Zeugen aktiv zu behindern. Das passe überhaupt nicht zu den öffentlichen Erklärungen der Volkswagen-Tochter, wonach man mit den Ermittlungsbehörden umfassend kooperiere. Auch dieser Vorwurf galt der Kanzlei Freshfields. Vorstandschef von Audi war damals noch Rupert Stadler, der ein paar Monate später vorübergehend in Untersuchungshaft kam. Weil er angeblich versucht hatte, die Ermittlungen zu behindern. Heute sitzt Stadler wegen Betrugsverdacht auf der Anklagebank des Landgerichts München I. Er bestreitet alle Vorwürfe.

Der damalige Zoff zwischen der Staatsanwaltschaft München II und Audi sowie Freshfields führt mitten hinein in ein ungewöhnliches Geschäftsfeld großer Anwaltskanzleien. "Shadowing", also Beschatten, nennt sich diese Praxis. Kanzleien offerieren das als Dienstleistung für Razzien bei Unternehmen. "Stellen Sie nach Möglichkeit die Begleitung jedes Beamten bzw. jedes Durchsuchungsteams" durch Mitarbeiter der Firma oder ein Mitglied eines Anwaltsteams sicher, rät beispielsweise eine größere Münchner Kanzlei potentiellen Kunden. Das liege nicht nur im Interesse des Unternehmens, sondern ermögliche auch einen reibungsloseren und zügigen Ablauf der Durchsuchung. Den Beamten stünden Ansprechpartner zur Seite.

Mehr Anwälte als Beamte? Die Juristen sollen dazu aggressiv aufgetreten sein

Von dem Interesse der jeweiligen Kanzlei an vielen teuren Anwaltsstunden abgesehen lässt sich das auch anders verstehen. Als Beschattung der Ermittler, damit diese bei Razzien nicht zu schnell zu viel finden. Eine internationale Großkanzlei hat schon vor mehr als zehn Jahren in Verhaltensregeln dazu geraten, kritische Mitarbeiter "aus Greifweite der Beamten" zu bringen. Und weiter: "Beschränkung auf bloße Duldung; keine aktive Mitwirkung an der Durchsuchung." Wie weit das gehen kann, erlebten Kriminalbeamte in den vergangenen Jahren am Beispiel einer anderen Kanzlei bei einer Razzia im Cum-Ex-Steuerskandal. Die Beamten klagten hinterher über Anwälte, die in Überzahl und aggressiv aufgetreten seien. In einem Fall sei sogar ein Bankangestellter, den die Ermittler unbedingt gebraucht hätten, für krank erklärt und nach Hause geschickt worden.

In der Abgasaffäre notierte ein Münchner Staatsanwalt, wie eine Razzia im Audi-Werk in Neckarsulm am 6. Februar 2018 abgelaufen sei. Ein Audi-Mitarbeiter habe spontan zum Ausdruck gebracht, man müsse nur bei den richtigen Leuten durchsuchen, um die gewünschten Informationen zu finden. Der Mitarbeiter habe zu verstehen gegeben, er wisse, bei welchen Leuten diese Dinge zu finden seien. Dann sei aber ein Freshfields-Anwalt dazugekommen und habe dem Mitarbeiter gesagt, dieser müsse gar nichts sagen. Der Mitarbeiter habe es dann vorgezogen zu schweigen. In Kieningers Protestbrief war dann von einem lautstarken Zuruf eines Freshfields-Anwalts die Rede: keine Zeugenvernehmungen.

© SZ/kö
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