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Dieselaffäre:Razzia bei Conti

Durchsuchungen bei Continental

Hier sicherten die Ermittler Unterlagen: die Unternehmenszentrale von Conti in Hannover.

(Foto: Ole Spata/dpa)

Die Staatsanwaltschaft prüft Verwicklungen des Autozulieferers in die Dieselaffäre um Volkswagen. Man prüfe, ob Mitarbeiter einen Auftrag in dem Wissen annahmen, dass VW damit betrügerische Absichten hatte.

Von Max Hägler und Angelika Slavik, München/Hamburg

Unangenehmer Besuch am Mittwoch beim Autozulieferer Continental: Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen den Konzern wegen einer möglichen Beteiligung am Abgasskandal von Volkswagen - und die Ermittler durchsuchten mehrere Standorte des Unternehmens.

Nach Auskunft der Strafverfolger richten sich die Vorwürfe gegen insgesamt neun Mitarbeiter von Conti, und zwar sieben Ingenieure und zwei Projektleiter. "Es handelt sich um einen Ableger des Verfahrens, das die Staatsanwaltschaft Braunschweig schon gegen Beschäftigte von Volkswagen führt", heißt es.

Konkret prüfe man, ob Mitarbeiter möglicherweise einen VW-Auftrag für die Programmierung einer Motorsteuerung eines Dieselmotors in dem Wissen annahmen, dass VW damit betrügerische Absichten hatte. Betroffen ist die früheren Siemens-Autotechnik-Sparte VDO, die 2007 von Conti übernommen wurde.

Die Ermittler gehen eigenen Angaben zufolge auch Hinweisen nach, dass die offizielle Dokumentation der Software entsprechend verändert worden sein könnte. Der Anfangsverdacht: Beschäftigte der heutigen Automotive-Sparte von Continental könnten damit "den Wünschen von VW entsprochen" haben, eine verbotene Abschalteinrichtung für den Motor EA189 zu programmieren, der im Fokus des Dieslskandals steht. Nun müssten die sichergestellten Beweismittel ausgewertet werden: "Wir stehen da noch am Anfang."

Ein Sprecher von Conti sagte, man habe zu keinem Zeitpunkt Software geliefert, deren Zweck die Manipulation von Abgastest gewesen sei. Mit der Software, die man die Kunden, also auch VW, geliefert habe, hätten sich die jeweils gültigen Abgasnormen "grundsätzlich einhalten lassen".

Den Angaben zufolge durchsuchten Polizisten und Staatsanwälte unter anderem den Conti-Hauptsitz in Hannover sowie Büros in Regensburg und Frankfurt. Auch Volkswagen habe in Wolfsburg Unterlagen herausgeben müssen. Zudem seien Standorte einer Ingenieurfirma in Gifhorn und Berlin aufgesucht worden.

Zu den Details der aktuellen Ermittlung wollte sich Continental mit dem Hinweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Der Konzern versicherte am Mittwoch jedenfalls, man werde vollumfänglich mit den Behörden kooperieren.

Die Rolle der Zulieferer in der Affäre ist noch nicht abschließend geklärt. Bald nach dem Auffliegen des Skandals bei Volkswagen im Herbst 2015 war Bosch in den Fokus der Ermittler geraten. Der weltgrößte Autozulieferer hatte die Mehrzahl der Motorsteuergeräte gestellt, mit deren Software die VW-Dieselwagen manipuliert wurden. Im Mai 2019 verhängte die Staatsanwaltschaft deshalb eine Geldbuße von 90 Millionen Euro wegen fahrlässiger Verletzung der Aufsichtspflicht - und schloss das Verfahren damit ab. Die Anklagebehörde war zu der Überzeugung gelangt, dass die Initiative von Mitarbeitern der jeweiligen Autohersteller ausgegangen war und nicht von Bosch. Gegen einige Mitarbeiter des Zulieferers laufen jedoch immer noch Ermittlungen.

Auch Continental war damals bereits im Gespräch: Der nach Bosch zweitgrößte Autozulieferer in der Welt hat ebenfalls wesentliche Teile für die Steuerung mancher EA189-Motoren geliefert, wenn auch wohl deutlich weniger als die Konkurrenz in Stuttgart. Zu Beginn des Skandals hieß es bei Ermittlern in Niedersachsen noch, man wolle sich erst einmal um Volkswagen kümmern. Wohl wegen der Komplexität dieses Verfahrens blieb es bei Conti für mehr als vier Jahre weitgehend ruhig.

Anlass dafür, die Untersuchungen gegen Conti nun zu verschärfen, könnten Ermittlungen gegen Mitsubishi sein. Im Januar war auch der japanische Hersteller in den Verdacht geraten, illegale Abschalteinrichtungen in Dieselmotoren eingebaut zu haben. Ermittler durchsuchten die Geschäftsräume der deutschen Niederlassung, einer Tochtergesellschaft und zweier großer Zulieferer. In dem Verfahren wurden Continental-Mitarbeiter als Zeugen geführt.

© SZ vom 02.07.2020

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