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Dienstleistungsgesellschaft:Die Macht der schlecht bezahlten Dienstleister

Auch diese Diskrepanz muss nicht in alle Ewigkeit hingenommen werden. Mehr und mehr Bürger können artikulieren, dass sie für hochwertige Kinderbetreuung oder Altenpflege zu zahlen bereit sind. Ansätze dazu waren beim Kita-Streik 2015 zu sehen, als den Erziehern Sympathien entgegenschlugen, die die Tarifrunde beeinflussten. Und die Politiker? Könnten den Bürgern ernsthaft die Frage vorlegen, was ihnen die Arbeit am Menschen wert ist - also an ihnen selbst.

Dass viele Dienstleister weniger verdienen als in der Industrie, liegt auch an ihrer Verhandlungsmacht. Sie ist gerade in Deutschland gering. Im Schnitt sind 14 Prozent der Dienstleister in einer Gewerkschaft. In manchen großen Industriebetrieben sind dagegen 80 Prozent der Mitarbeiter organisiert, wodurch sich entsprechende Löhne durchsetzen lassen.

Frage an den Jobcoach

Nur 3,40 Euro pro Stunde - ist das legal?

Lukas E. arbeitet in einem Hostel an der Rezeption und bekommt während der Nachtwache kaum Gehalt. Er bittet den SZ-Jobcoach um Rat.

Dieser Unterschied hat Gründe. Die Ursprünge der Arbeiterbewegung liegen ja in der Industrie. Und während viele Dienstleister für sich alleine werkeln, führt das gemeinsame Arbeiten in der Fabrik eher dazu, dass man sich gemeinsam in der Gewerkschaft organisiert. Auch waren Putzen, Verkaufen oder Pflegen lange traditionell Berufe für Frauen, die sich gemäß dem Rollenbild vom männlichen Ernährer nur was dazuverdienten - und deshalb erst gar nicht groß für ihre Interessen kämpften. In einer Zeit, in der grundsätzlich Männer und Frauen arbeiten gehen, werden solche Traditionen zum Ballast.

Klar ist: Nur wenn mehr Dienstleister in Gewerkschaften eintreten, steigt ihre Verhandlungsmacht. Andere Europäer begreifen das schneller. In Großbritannien, Spanien oder den Niederlanden sind prozentual sogar mehr Servicekräfte gewerkschaftlich organisiert als in der Industrie. Auch die deutsche Politik kann handeln: indem sie Tariflöhne für Firmen als verbindlich erklärt, die Tarifgespräche verweigern.

Zu handeln ist es höchste Zeit. Die Digitalisierung wird das Dienstleistungsdilemma verschärfen. Maschinen ersetzen verhältnismäßig gut bezahlte Routinejobs in der Verwaltung, während die Niedriglohn-Armee der Paketboten, Putzleute und Pfleger weiter wächst. Es liegt an den Bürgern, ob sie als Konsumenten und Wähler verhindern, dass sich die Unterschiede in der Gesellschaft noch vergrößern - oder ob sich Fourastiés Vision doch noch für mehr Arbeitnehmer bewahrheitet als heute.

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