Die Welt diskutiert per Web in Davos mit Abschaffung der Exklusivität

Lange Zeit blieben die Mächtigen der Welt in Davos unter sich. Doch jetzt kann jeder Bürger mitdiskutieren - dank Web 2.0.

Von Thorsten Riedl

Adam Reuters wird die Kunde von Davos in die digitale Welt tragen.

Künftig werden Diskussionen aus Davos auch in Internet übertragen. Im Bild: Eine Nonne diskutiert mit islamischen Politikern.

(Foto: Foto: AFP)

Der Reporter mit dem Nachnamen der nordamerikanischen Nachrichtenagentur existiert nur im Internet. Es handelt sich um einen Avatar, eine Computergrafik mit menschlichen Zügen in der virtuellen Welt von Second Life. Dahinter steht der Reuters-Korrespondent Adam Pasick. Er hat den Auftrag, ausgewählte Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums zu interviewen.

Über die Internetplattform von Second Life können sich weltweit Interessierte zuschalten und zuhören - ebenfalls mit ihren Avataren, ihren digitalen Vertretern. Schon vor Konferenzbeginn können sie Fragen an Adam Reuters mailen.

Öffnung nach außen

Das Weltwirtschaftsforum öffnet sich mit dem Auftritt im Netz für den derzeit spannendsten Trend des Internets: das Web 2.0. In der ersten Version des weltumspannenden Computernetzes gaben die Unternehmen vor, was der Nutzer tun und lassen darf.

Beim Online-Warenhaus Amazon.com beispielsweise konnte er hinter den virtuellen Einkaufswagen gezwängt in den Regalen stöbern. Mehr war nicht erlaubt. Beim Internet in seiner zweiten Version übernimmt der Konsument die Rolle des Gestalters.

So gibt es Angebote wie das Videoportal Youtube.com, das einzig und allein von den Beiträgen lebt, die Amateurfilmer jeden Tag ins Internet stellen. Mehr als 100 Millionen Videos täglich schauen sich die Nutzer dort mittlerweile an. Vergleichbares gibt es in Form von virtuellen Poesiealben à la Myspace.com oder digitalen Fotoalben wie bei Flickr.com.

Web 2.0 - der Megatrend 2006

Web 2.0 war der wichtigste Trend im vergangenen Jahr im Netz - und er hält weiter an. Den vorläufigen Höhepunkt erreichte die Debatte um die neuen Generation von Internetseiten beim Kauf von Youtube.com durch die Internetsuchmaschine Google.com. Der Branchenschreck zahlte im Sommer 2006 etwa 1,65 Milliarden Dollar für das Videoportal, und alle Welt fragte sich: Ist ein Unternehmen, das erst wenige Monate zuvor gegründet wurde, so viel Geld wert?

Die Strategen von Google denken, schon. Sie sichern sich damit nicht nur einen der bekanntesten Online-Auftritte für junge Leute - sondern auch die alleinigen Vermarktungsrechte. Der Verkauf von Werbeplätzen im Internet sichert die Existenz der meisten Web-2.0-Angebote.

Google fährt gut mit seiner Werbestrategie: Im vergangenen Jahr erlöste das US-Unternehmen voraussichtlich mehr als zehn Milliarden Dollar nur mit Reklame im Netz. Die genauen Zahlen veröffentlich Google kommende Woche. Die Konkurrenten wie das Internetportal Yahoo oder der Softwarekonzern Microsoft wollen von diesem Kuchen ihr Stück abhaben. Bislang mangelt es beiden aber noch an den richtigen Produkten zur Vermarktung von Online-Anzeigen.

Live dabei per Video-Stream

Das Weltwirtschaftsforum setzt auf vielfältige Formen des Web 2.0, um das Publikum in aller Welt auf die Kunde aus Davos aufmerksam zu machen und an der Diskussion zu beteiligen. So gibt es neben dem Auftritt in Second Life eine Videoaufzeichnung von 50 der 220 Konferenzen im Internet.

Täglich steht eine Videozusammenfassung der Höhepunkte ebenfalls auf der Internetseite des Weltwirtschaftsforums. Daneben sollen auch Hörstücke aus Davos zum Laden aus dem Netz auf den eigenen digitalen Musikspieler zur Verfügung stehen, sogenannte Podcasts. Die besten Fotos der Konferenz präsentiert die Internetseite Flickr. Wer mitdiskutieren will, nutzt dazu den offiziellen Blog des Weltwirtschaftsforums unter Forumblog.org.

Von jedem Teilnehmer in der Schweiz - vom Unternehmenslenker bis zum Premierminister - werde gefordert, mindestens einen Beitrag zur Diskussion ins Netz zu stellen, heißt es. So verliert das Treffen in der höchstgelegenen Stadt der Schweiz viel von seiner bisherigen Exklusivität. Das Internet kann es zu einem Wirtschaftsforum für die ganze Welt machen.