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Die Siemens-Hauptversammlung:"Die haben bis zur letzten Patrone gekämpft"

Im Dezember reiste Cromme zusammen mit Konzernchef Löscher selbst ins Machtzentrum der Vereinigten Staaten. Nur einen Kilometer vom Weißen Haus entfernt traf sich die Siemens-Spitze erstmals mit hochrangigen Vertretern des US-Justizministeriums und der SEC. Die amerikanischen Strafverfolger behandelten den Konzern hart aber fair, hieß es später aus dem Umfeld des Aufsichtsrates.

Kritische Fragen

Längst hat sich Cromme bei Siemens unentbehrlich gemacht. Erst vor vier Jahren rückte der heute 64-Jährige in den Aufsichtsrat des Konzerns ein. Anfangs habe sich der Mann aus dem Ruhrgebiet in München nicht sehr hervorgetan, erinnert sich ein Kontrolleurskollege.

Im Januar 2005 fragte ihn der scheidende Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann, ob er Vorsitzender des Prüfungsausschusses werden wolle. Cromme zögerte zuerst. Dann sagte er zu. Dem damaligen Chef der Anti-Korruptionsabteilung Compliance sagte der Stahlmann, er werde sein Augenmerk künftig vor allem auf die Prävention richten.

Bei Verstößen werde er klare Konsequenzen fordern und energisch nachhaken. Und im Ausschuss selbst verlangte Cromme bei der ersten Sitzung, die er leitete, "hinreichende Maßnahmen", um etwaige Strafzahlungen zu vermeiden.

Vielleicht hätte Cromme ja doch an der einen oder anderen Stelle hellhörig werden können. Etwa Anfang 2006, als im Prüfungsausschuss bekannt wurde, dass in der Schweiz über mehrere Jahre hinweg 37 Millionen Euro auf Konten des Vizechefs von Siemens in Griechenland geflossen waren.

So etwas riecht förmlich nach schwarzen Kassen. Andererseits wurde Cromme und dessen Kollegen bei der nächsten Sitzung von Compliance-Mitarbeitern stolz mitgeteilt, es liege ein neuer Auszug aus dem Gewerbezentralregister vor, der für Siemens erstmals keine negative Eintragung mehr aufweise.

Wilde Zeiten

Erst als im November 2006 rund 200 Ermittler Konzernbüros in mehreren Ländern durchsuchen, wird Cromme schlagartig die Dimension des Falls klar. Einflussreiche Aufsichtsräte fädeln den Wechsel an der Konzernspitze ein. Im April 2007 kündigen Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer und Konzernchef Klaus Kleinfeld ihren Rückzug an. Dem, erinnern sich Vertraute Crommes, seien heftige Machtkämpfe vorausgegangen.

Viele aus der alten Garde bei Siemens wollten keine neuen Herren haben. "Die haben bis zur letzten Patrone gekämpft", sagt einer, der das hautnah erlebt hat. Es wurde viel telefoniert und intrigiert, um Spitzenpolitiker aus Bayern und Berlin, Finanzinvestoren und andere einflussreiche Leute gegen den Aufsichtsrat in Stellung zu bringen - auch Ex-Konzernchef Kleinfeld soll versucht haben, mit Hilfe des Bundeskanzleramts Einfluss zu nehmen.

Als Crommes größte Stütze erwies sich in diesen Tagen ausgerechnet der damalige Vizechef der IG Metall, Berthold Huber, heute Vorsitzender der Gewerkschaft. In kleinem Kreise bezeichnete ihn Cromme als "Fels in der Brandung".

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