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Die Recherche:Helfen, womit man kann

Auch im reichen Deutschland gibt es viele Menschen, die bedürftig sind. Sie werden von Initiativen unterstützt. Dabei können kleine Ideen mitunter Großes bewirken, wie diese Beispiele zeigen.

Obwohl es Deutschland wirtschaftlich gut geht, gelten viele Menschen als arm. In ihrer freien Zeit haben Studenten, Rentner und Unternehmer Projekte gegründet, die Bedürftige unterstützen. Ob Kaffee geschenkt, ohne Versicherung zum Zahnarzt oder kostenlos zum Friseur vor dem Bewerbungsgespräch: Sieben Beispiele zeigen, dass helfen manchmal ganz einfach ist.

Kaffee für andere

Bezahl zwei Kaffees, trink einen selbst, und den anderen gibt der Wirt an einen Bedürftigen weiter - das ist das Prinzip von "Suspended Coffee". Der Wirt führt eine Liste über die im Voraus bezahlten Kaffees und gibt sie nach und nach aus, sobald ein Bedürftiger einen Kaffee bestellt. Die Idee entstand vor gut hundert Jahren in Neapel. Spätestens seit der Finanzkrise 2008 gibt es sie auch in anderen Ländern. Auf der Website Coffeesharing.com sind 400 Orte auf vier Kontinenten aufgelistet, an denen es für Bedürftige Kaffee kostenlos gibt. Tatsächlich dürften es weitaus mehr sein. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz zählt die Website Suspendedcoffee.de 234 Cafés, die vorfinanzierten Kaffee anbieten. In Großstädten wie Berlin, Wien und München, aber auch in kleinen Orten. Allein in der 12 000-Einwohner-Stadt Feuchtwangen machen fünf Cafés bei der Aktion mit.

Zahnmobil

Behandlungen wie Füllungen und Prothesenreparaturen gibt es im Zahnmobil Hannover unentgeltlich. Etwa hundert Mal im Jahr fahren ein Arzt, eine Helferin und ab und zu ein Dolmetscher mit einem umgebauten Rettungswagen zu Standorten, an denen sich Hilfsbedürftige aufhalten. Dass sie hilfsbedürftig sind, müssen die Patienten nicht nachweisen. "Da mögen 15 bis 20 Prozent dabei sein, die das nicht brauchen", sagt Initiator Werner Mannherz. "Für die restlichen 80 Prozent machen wir das gerne." Der 78 Jahre alte ehemalige Ingenieur kann auf einen Kreis von fast 30 Zahnärzten zurückgreifen, von denen jeder mal für einen Tag mitfährt. 1800 Menschen aus 26 Ländern haben sie seit 2012 behandelt. Fast zwei Drittel waren nicht versichert. Auf der Website werden die Einsatzzeiten und -orte sechs Monate im Voraus bekannt gegeben. Das Projekt kostet 6000 Euro im Monat. Etwa ein Viertel nimmt Mannherz mit versicherten Patienten ein, den Rest deckt er über Spenden. Das erste Zahnmobil Deutschlands schickte der Hamburger Caritasverband 2008 auf die Straße. Seit zwei Monaten gibt es in der Hansestadt auch eine Praxis, in der montags und dienstags kostenlos Obdachlose behandelt werden, die nicht im Zahnmobil versorgt werden können, etwa weil dort ein Röntgengerät fehlt.

Hartz-IV-Orchester

Arbeitslosen Künstlern durch Auftritte wieder Selbstbewusstsein geben - das will das Hartz-IV-Orchester aus München. Das durch den Applaus gestärkte Ego soll den Musikern helfen, wenn sie sich um einen Job bewerben. "Nach einem erfolgreichen Auftritt schweben sie wieder über dem Boden", sagt Gründer Manfred Hampel. "Diesen Effekt sollten sie nutzen, denn nach ein paar Wochen sind die meisten wieder auf demselben Level wie vorher." 2008 gründete der zwischenzeitlich selbst arbeitslose Unternehmer das Orchester. Aus den 30 Künstlern von damals sind heute 120 geworden. Ein Drittel davon sind Hartz-IV-Empfänger, der Rest professionelle und semiprofessionelle Musiker. "Das sind Leute, die zum Teil selbst mal kurz davor waren, arbeitslos zu sein oder denen bewusst ist, wie schnell einem das als Künstler passieren kann", sagt Hampel. 150 Auftritte, darunter drei Konzerte in Mexiko, hat das Orchester mittlerweile hinter sich.

Kiste mit gespendeten Lebensmitteln in Augsburg, 2015

Lebensmittel auf dem Weg vom Supermarkt zur Tafel: Damit sie dort unverdorben ankommen, bezuschusst die Initiative Stiftunglife Kühlfahrzeuge mit einem Drittel des Preises.

(Foto: Johannes Simon)

Die Idee, das Orchester auch in anderen Städten zu etablieren, scheiterte am Geld. Konzerttermine für 2016 sucht man auf der Website vergeblich. Da weder Hampel noch seine Leute Zeit haben, eigene Veranstaltungen zu organisieren, spielt das Hartz-IV-Orchester Konzerte nach Anfrage von Vereinen, Privatleuten und Veranstaltern.

Computerspende

Gebrauchte Computer gibt es in Hamburg. Verschenkt werden sie von Horst und Angelika Matzen an Arbeitslose, die sich sonst keine leisten könnten. Die PCs sollen ihnen dabei helfen, sich formgerecht zu bewerben und nach neuen Stellen zu suchen. Wer ein Gerät bekommen möchte, muss einen Bescheid einschicken, aus dem hervorgeht, dass er bedürftig ist. Nach einem Monat ist der Antrag bearbeitet, und man kann den Computer gegen eine Gebühr von zehn Euro abholen. Etwa 2700 Anlagen haben die Matzens seit 2009 verschenkt. Die Hälfte bekommen sie von Firmen, die andere Hälfte von Privatleuten. Viele PCs sind in einem guten Zustand, andere muss Horst Matzen noch reparieren. Wer für zwei Euro im Monat Vereinsmitglied wird, dem wird in kostenlosen Vorträgen erklärt, wie man eine Festplatte wechselt und worauf man achten sollte, wenn man das erste Mal ins Internet geht.

Die Computerspende gibt es außerdem noch in Bergheim bei Köln und Mülheim an der Ruhr. In Würzburg hat sich der Verein Angestöpselt gegründet, der ebenfalls Computer an Bedürftige verschenkt.

Haare schneiden

Die Idee, Arbeitslosen kostenlos die Haare zu schneiden, kam Friseurin Pia Schneider 2010 im Gespräch mit einem Kunden, der beim Jobcenter Solingen arbeitet. Seitdem schneidet sie jedes Jahr am Montag nach dem dritten Advent zusammen mit fünf weiteren Friseuren 40 bis 50 Hartz-IV-Empfängern im Jobcenter die Haare. Als Friseursalon nutzen sie das Büro eines Mitarbeiters. "Wir decken alles ab, richten es uns mit Weihnachtsmusik, Keksen und Kaffee gut ein, und dann geht es los", sagt Schneider. Eine ähnliche Aktion bietet Sybille Singer in ihrem Friseursalon in Bad Mergentheim an. In Absprache mit den Sozialämtern oder der Tafel schneidet sie Arbeitslosen zwei bis drei Mal im Jahr kostenlos die Haare. 2014 hatte Singer eine zusätzliche Idee: Für 40 Arbeitslose legten sie und ihre Mitarbeiterinnen eine Bewerbungsmappe an. Sie tippten ihre Angaben ab, druckten die Lebensläufe aus und schnitten die Haare. Die Passfotos von den frisch gestylten Kunden machte im Anschluss das Fotostudio "Foto Besserer".

Kühlfahrzeuge für die Tafeln

Mit einem Zuschuss zu Kühlfahrzeugen hilft die Stiftunglife dabei, dass im Supermarkt übrig gebliebene Lebensmittel unverdorben in der Tafel ankommen. Von den 33 000 Euro, die das Fahrzeug kostet, übernimmt die Stiftunglife ein Drittel. Daneben bittet sie den Lions oder Rotary Club der Stadt, ebenfalls 11 000 Euro zu spenden. Das Fahrzeug ist ein Ford Transit Kastenwagen. Falls die Tafel ein größeres Fahrzeug möchte oder Sonderwünsche hat, muss sie den Aufpreis selbst tragen. Im September übergab die Stiftunglife der Münchner Tafel das 400. bezuschusste Kühlfahrzeug. Seit dem Start 2004 wurde im Schnitt mindestens alle zwei Wochen ein Fahrzeug für die Tafeln zugelassen. Ihren Anteil finanziert die Stiftung aus eigenen Erträgen und Spenden. In Zukunft sollen auch die Gäste hochpreisiger Restaurants die Möglichkeit haben, das Projekt zu unterstützen. Sie können nach dem Essen einen Euro für arme Menschen in ihrer Region spenden.

Rechtsberatung

Arbeitslosen die Angst vor einem Anwaltsbesuch nehmen und sie in ihrem konkreten Fall kostenlos beraten - das ist die Idee der Studentischen Rechtsberatung Göttingen. Den Initiatoren zufolge widerfährt gerade sozial schwächer gestellten Personen in ihrem Alltag häufig Unrecht und selten wissen sie, welche rechtlichen Möglichkeiten sie haben, um sich zu wehren. Deshalb wollen die Studenten sie so beraten, dass sie ihre eigene Situation besser einschätzen können. In 15 bis 20 Minuten erklären sie ihren Mandanten in den Räumen der Tafel, ob es sinnvoll ist, den Fall weiter zu verfolgen und an wen sie sich im nächsten Schritt wenden können.

"Am häufigsten kommen Leute, die Fragen zum Miet- oder Sozialrecht haben", sagt Initiator Simon Steinhof. Bei den Sprechstunden ist neben dem beratenden Studenten immer auch ein Rechtsanwalt dabei, der mögliche Fehler korrigiert. 500 Personen haben die Nachwuchsjuristen seit Projektbeginn 2011 beraten. Im Prozess vertreten dürfen sie ihre Mandanten aus rechtlichen Gründen nicht. "Das wollen wir auch gar nicht, weil wir keine Konkurrenz zu Rechtsanwälten sein wollen", sagt Steinhof. Ihnen geht es nur um eine Erstberatung. Davon profitieren letztlich auch die Studenten. "Sie bekommen Praxisbezug und können sich die Beratung an der Uni anrechnen lassen", sagt Steinhof. Studentische Rechtsberatungen gibt es derzeit in etwa 30 deutschen Städten. Allerdings ist der Schwerpunkt nicht immer bei Arbeitslosen, sondern kann auch bei studentischen Themen wie Bafög oder Start-ups liegen.

Neben der Studentischen Rechtsberatung Göttingen gibt es seit Juli 2015 die Rechtsberatung für Bedürftige in den Räumen der Diakonie Osnabrück, die nach dem gleichen Prinzip funktioniert.