Süddeutsche Zeitung

Die Pläne der 30 Dax-Unternehmen:Wir stellen ein!

Lesezeit: 4 min

Weil die deutsche Wirtschaft nach dem Boomjahr 2010 weiter wächst, planen viele Konzerne massiv neue Stellen zu schaffen. Eine SZ-Umfrage bei allen 30 Dax-Konzernen zeigt: Nur drei Unternehmen haben schlechte Nachrichten für ihre Angestellten.

Sibylle Haas

Um die Attraktivität des Sportartikelherstellers Adidas als Arbeitgeber zu betonen, bedient sich Konzernchef Herbert Hainer gerne eines Zahlenspiels. Alle Bewerber eines Jahres zusammengenommen würden die Münchner Allianz-Arena locker füllen. Das Fußballstadion fasst 69.000 Menschen.

Tatsächlich zählt die Adidas-Gruppe samt ihren Tochterfirmen wie Reebok und Taylor-Made derzeit fast 42.700 Beschäftigte. 2011 soll diese Zahl um vier bis sechs Prozent steigen, in der Summe also um etwa 2000. "Wir stellen in allen Bereichen Leute ein", sagt eine Sprecherin. Neue Stellen werden nicht zuletzt in eigenen Shops geschaffen, die das Unternehmen eröffnet. In Deutschland sollen 100 neue Arbeitsplätze entstehen.

So wie Adidas wirbt eine ganze Reihe von Unternehmen neuerdings um Mitarbeiter. Die große Mehrheit der 30 Dax-Konzerne baut Stellen auf oder hält die Belegschaft zumindest konstant, zeigt eine Umfrage der Süddeutschen Zeitung. Wer Arbeitsplätze schafft, der punktet in der Öffentlichkeit. Das nutzte der neue Lufthansa-Chef Christoph Franz kurz nach seinem Amtsantritt. Er verkündete zum Jahresanfang die gute Botschaft: Lufthansa ist auf Wachstumskurs und braucht in Deutschland 4000 Leute mehr als bisher.

Die Wirtschaftskrise ist vorbei. Der Aufschwung bringt so viele Menschen in Lohn und Brot wie nie zuvor. 2010 gingen 40,5 Millionen Menschen einer Erwerbsarbeit nach. Das war ein Rekord, und in diesem Jahr geht es weiter aufwärts. Ökonomen schätzen, dass es 2011 fast 41 Millionen Erwerbstätige geben wird. "Die Firmen stellen wieder verstärkt ein. Im Jahresdurchschnitt 2011 werden wir daher weniger als drei Millionen Arbeitslose haben, und es werden so viele Menschen erwerbstätig sein wie nie zuvor im geeinigten Deutschland", erklärt Joachim Möller, der Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) bestätigt diese Zuversicht. Sogar die krisengebeutelte Industrie werde 2011 wieder mehr Stellen schaffen, heißt es. Gerade die Metallwirtschaft, allen voran die Autohersteller, haben die Wirtschaftskrise deutlich gespürt. Um Jobs zu sichern, führten sie Kurzarbeit ein, nun suchen die Konzerne wieder Personal. Volkswagen will in den nächsten drei bis fünf Jahren bis zu 50000 neue Stellen schaffen, davon allein 5000 bis 6000 in Deutschland. Auch BMW und Daimler geben sich frohgemut. Daimler will zwar konkret nicht sagen, wie sich die Beschäftigung verändern wird. Doch Dieter Zetsche sagte vor kurzem, die Aussichten für 2011 seien "sehr gut".

Ähnlich äußert man sich beim Industriekonzern Siemens. Eine Prognose wagen die Münchner nicht, verweisen aber darauf, dass weltweit 12000 Stellen offen seien, 3000 davon in Deutschland, die "sukzessive besetzt werden sollen". 2010 erhöhte Siemens die Zahl der Mitarbeiter um 8000 auf 410.000, in Deutschland entstanden 1000 Jobs. Der Aufbau erfolgte laut Siemens über Festanstellungen, nicht Zeitarbeit. In den Jahren zuvor hatten die Münchner fast 20.000 Stellen gestrichen. Jetzt läuft das Geschäft wieder gut. Sowohl im Industrie- als auch im Energiesektor des Konzerns steigen die Auftragszahlen.

Der Siemens-Ableger und Halbleiterkonzern Infineon will in diesem Jahr ebenfalls Stellen aufbauen, vor allem in Asien. Investiert werde vor allem in Halbleiter für erneuerbare Energien und Elektromobilität, heißt es bei Infineon. Weil das Chip-Geschäft besonders anfällig für Konjunkturschwankungen ist, wird der Stellenaufbau jedoch teilweise über Zeitarbeit erfolgen. Unter dem Strich wird die Beschäftigtenzahl bei Infineon trotz der geplanten Neueinstellungen zurückgehen, weil der Konzern die Mobilchipsparte verkauft hat.

Gute Nachrichten für die Arbeitnehmer in Deutschland kommen auch aus Köln: "Die deutsche Wirtschaft hat die Krise überwiegend gut gemeistert. Die Stimmung ist so positiv wie lange nicht, und die meisten Branchen blicken aus gutem Grund zuversichtlich nach vorn", sagt Michael Hüther, der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Eine IW-Umfrage bei Wirtschaftsverbänden ergab, dass 35 von 46 Wirtschaftsverbänden 2011 mit steigenden Umsätzen rechnen. Nur acht rechnen mit einem Jobabbau. Der Rest erwartet eine steigende oder gleichbleibende Beschäftigung.

Die deutsche Wirtschaft sucht vor allem Fachkräfte. In der chemischen Industrie und in der IT-Branche sind sie besonders rar. Es fehlen Informatiker, Ingenieure, Naturwissenschaftler und Mediziner, aber auch Wirtschaftswissenschaftler. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat daher ein Zehn-Punkte-Programm gegen den Fachkräftemangel vorgelegt. Allein durch eine stärkere Integration von Frauen in die Erwerbstätigkeit könnten in den nächsten Jahren etwa drei Millionen Vollzeitarbeitskräfte gewonnen werden. 800.000 Fachkräfte könnten aus dem Ausland kommen. Ziele seien zudem, die Abbrecherquoten von Schülern, Auszubildenden und Studenten zu senken, und die Wochenarbeitszeit um zwei Stunden zu erhöhen.

"Es geht darum, schlummernde Potentiale innerhalb unseres Landes optimal zu nutzen", sagte BA-Vorstand Raimund Becker. Ohne Zuwanderung werde sich das Problem aber nicht lösen lassen. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition streitet derzeit über Erleichterungen für die Zuwanderung gut qualifizierter ausländischer Arbeitskräfte.

Während das Gros der Dax-Konzerne auf Mitarbeitersuche ist, haben drei Unternehmen schlechte Nachrichten für ihre Angestellten. Der neue Chef des Pharmakonzerns Bayer, Marjin Dekkers, will das Unternehmen effizienter machen. Das bedeutet: Bis 2012 sollen allein in Deutschland etwa 1700 Arbeitsplätze geopfert werden.

Auch bei der Commerzbank soll der Stellenabbau weitergehen. Im Zuge der Fusion mit der Dresdner Bank streicht das Institut bis 2013 etwa 9000 seiner ursprünglich mehr als 60.000 Arbeitsplätze. 6900 Beschäftigte sind schon gegangen oder haben einen entsprechenden Vertrag unterschrieben. Die Zahl der Mitarbeiter wird deshalb im laufenden Jahr weiter sinken. Abgesehen von Trainees und Auszubildenden stellt die Commerzbank "nur in Ausnahmefällen" neue Leute ein.

Bei der Deutschen Börse fielen 2010 etwa 150 von 3379 Arbeitsplätzen weg. In diesem Jahr wird der Stellenabbau im Inland weitergehen. Im Ausland, vor allem in Prag, werden dagegen Stellen geschaffen. Über das Ausmaß wollte das Unternehmen nichts sagen.

Mitarbeit: bfi, chof, cikr, dad, hf, jfl, läs, mbal, mhs, mik, stw, sukl, thf, urit.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1050020
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 24.01.2011
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.