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Die Eröffnung des BER:Schwieriger Start

Ausgerechnet zur Eröffnung des Berliner Flughafens ist die Stimmung in der Branche auf einem neuen Tiefpunkt. Dabei ruhen auf dem BER viele Hoffnungen in der Region.

Von Jens Flottau

Hauptstadtflughafen Berlin Brandenburg

Der Tower des neuen Flughafens Berlin Brandenburg: Ist eine Region gut an den Luftverkehr angebunden, siedeln sich dort mehr Firmen an und die gesamte Wirtschaft profitiert.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Kurz bevor der neue Berlin-Flughafen aber wirklich eröffnet werden sollte, war er Schauplatz einer großen Party. Die Fluggesellschaft Air Berlin hatte auf dem künftigen Vorfeld ein riesiges Zelt aufgebaut und begrüßte Kollegen aus aller Welt, um den prestigeträchtigen Beitritt zur Oneworld-Allianz zu feiern und ihnen die Pläne für das neue Drehkreuz Berlin zu erläutern. Endlich schien nun also ein Flughafen bereitzustehen, der es möglich machen würde, solche Ambitionen umzusetzen.

Air Berlin? Drehkreuz? Schon bevor die Corona-Pandemie die Luftfahrt lahmlegte, hätte dies wie ein Relikt aus fernen Zeiten geklungen. Das mag daran liegen, dass es Pläne aus fernen Zeiten waren, genauer aus dem Jahr 2012, als die Eröffnung des Berliner Flughafens schon einmal verschoben worden war. Nun, etwa neun Jahre nach dem ursprünglich avisierten Termin, geht der Flughafen Berlin-Brandenburg ans Netz. Es passt als Stückchen bittere Ironie irgendwie zur nicht enden wollenden Negativserie des Infrastrukturprojektes, dass es genau in dem Moment also doch fertig wird, in dem es eigentlich niemand braucht. Inmitten der größten Krise, die die Luftfahrt jemals durchfliegen musste.

Zu behaupten, dass die Stimmung in der Branche gedämpft ist, wäre gnadenlos übertrieben. Sie ist verzweifelt, immer wieder ist in den vergangenen Wochen die Hoffnung auf eine schnelle Erholung geplatzt, Airlines und Flughäfen bangen um ihre Existenz und können nur dank staatlicher Hilfen überleben, Berlin-Brandenburg ist da keine Ausnahme.

Zur Eröffnung soll gefeiert werden - wenigstens ein bisschen

Wenigstens ein bisschen soll aber am Eröffnungstag 31. Oktober bei einem kleinen Empfang gefeiert werden. Außerdem sollen am frühen Nachmittag zwei Sonderflüge von Easyjet und Lufthansa gleichzeitig auf den beiden Landebahnen aufsetzen und so die offizielle Eröffnung für Linienflüge markieren. Air France darf dann eine gute Woche später, am 8. November, den letzten Start in Tegel durchführen - die Airline war auch die erste, die am 2. Januar 1960 dort landete.

Noch vor einem guten halben Jahr hatte Berlin-Brandenburg, von den vielen Verspätungen einmal abgesehen, vor allem das Problem, wie der neue Airport der großen Nachfrage Herr werden sollte. Das Hauptgebäude Terminal 1 ist in der jetzigen Ausbaustufe auf nur 27 Millionen Passagiere pro Jahr ausgelegt. 2019 zählten die beiden Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld aber 36 Millionen Gäste.

BER wird Wirtschaftsmotor

Probelauf im Terminal 1: Eine Komparsin läuft zum Gepäckband und holt dort die Koffer ab. Alle Standardprozesse zwischen Einchecken und Ankunft wurden auf ihre Tauglichkeit getestet. Nun kann es Normalbetrieb beginnen.

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Gemeinsam mit dem Terminal 2 für Billigfluggesellschaften (sechs Millionen) und dem künftig als Terminal 5 bezeichneten ehemaligen Schönefeld kommt die Anlage zwar schon heute auf eine Kapazität von mehr als 40 Millionen Gästen. Aber wenn es mit den Wachstumsraten der vergangenen Jahre im Berliner Luftverkehr so weitergegangen wäre, dann wäre der Druck, schon bald mehr Platz zu schaffen, enorm gewesen. Auch das klingt wie ein Problem aus fernen Zeiten. Bis August ging der Verkehr sowohl in Tegel als auch Schönefeld um mehr als 70 Prozent zurück, statt 36 oder 40 Millionen Passagiere werden es 2020 allenfalls zehn Millionen Passagiere sein.

Für 2020 rechnet die Berlin Brandenburg GmbH mit Gesellschafterhilfen in Höhe von 300 Millionen Euro, um die von Covid-19 verursachten Einnahmeausfälle kompensieren zu können. "Wir werden auch im nächsten Jahr auf finanzielle Zuwendungen unserer Gesellschafter angewiesen sein", sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup dem Fachmagazin Aero International.

Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung und dem Luftverkehr. Wächst das Bruttoinlandsprodukt, wächst auch der Luftverkehr, und zwar zuletzt um den Faktor 1,5 bis 2 stärker als die Wirtschaft allgemein. In Krisenzeiten schrumpft er allerdings auch schneller, und so ist die aktuelle Flaute nicht nur auf die Reisebeschränkungen zurückzuführen, sondern auch auf die tiefe Rezession.

Der Zusammenhang besteht auch in umgekehrter Richtung: Gut an den Luftverkehr angebundene Regionen profitieren wirtschaftlich. Für Berlin allerdings gilt dies schon lange mit ein paar Einschränkungen: Die Nachfrage ist vor allem touristisch - Berlin ist mittlerweile eines der populärsten Reiseziele in Europa für Urlauber, die vor Ort Geld für Hotels, Touren und Restaurantbesuche ausgeben. Traditionell ist die Nachfrage nach Geschäftsreisen geringer. Flughafenchef Lütke Daldrup hofft, dass er nach der Krise mehr Langstreckenverbindungen akquirieren kann und damit auch die Ansiedlung von Unternehmen erleichtert wird.

Der Mangel an Langstrecken - Lufthansa fliegt von Berlin überhaupt nicht zu anderen Kontinenten - war immer ein Problem für den Standort, umgekehrt haben sich die Strecken nur für wenige Airlines, die Berlin an ihre eigenen Drehkreuze angebunden haben, gerechnet. Der Flughafen sieht eine Chance in der Digitalisierung, durch die sich die Passagiere leichter ihre eigenen Umsteigeverbindungen bauen können, doch bislang ist das Konzept weitgehend unbekanntes Terrain.

Easyjet hat zwar im Rahmen des "Worldwide by Easyjet"-Projektes Partner-Airlines in eine Art virtuelle Allianz eingebunden. Doch zuerst steht der Wiederaufbau des Easyjet-Netzes im Vordergrund. Vor der Corona-Krise war Easyjet mit rund 31 Prozent Marktanteil die größte Airline in Berlin - derzeit ist das Angebot wie bei allen anderen auch nur noch ein Bruchteil der Vorkrisen-Kapazität. Und statt wie geplant das Netz langsam wieder aufzubauen, hat Easyjet zuletzt weitere Einschnitte angekündigt.

© SZ vom 30.10.2020
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