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Die Einflüsterer:Der Umgang von Kohl und Schröder mit den Bossen

Daran änderte sich auch unter der sozialliberalen Regierung von Willy Brandt wenig. Der Kanzler selbst war eher der Kultur zugetan als der Wirtschaft, aber er hatte seinen Wirtschafts- und Superminister Karl Schiller. Der Ökonomie-Professor bestellte die Bosse, ebenso wie die Gewerkschaftsführer, regelmäßig zu stundenlangen Treffen der "Konzertierten Aktion" ein, um gemeinsam zu bereden, wie sich ein Aufschwung und mehr Jobs herbeischaffen lassen. Auch Brandt-Nachfolger Helmut Schmidt suchte und fand den Rat wichtiger Wirtschaftsvertreter. Als "Weltökonom" entfernte er sich allerdings immer mehr von seiner Partei, der SPD.

Langzeitkanzler Helmut Kohl (CDU) hielt sich mit langen Treffen gar nicht erst auf. Aber er zählte mittelständische Unternehmer zu seinem Freundeskreis, darunter der Medien-Mogul Leo Kirch. Kohl sorgte dafür, dass in den Verbänden CDU-Leute an den Schaltstellen saßen, die entsprechend handzahm waren. Die wachsende Unzufriedenheit über den Einheitskanzler, der den wirtschaftlichen Reformbedarf einfach aussaß, erreichte den Regierungschef gar nicht erst. Umso mehr freuten sich die Bosse über den überraschend unkomplizierten Amtsnachfolger von der SPD.

Der Genosse der Bosse

Gerhard Schröder gefiel sich als "Genosse der Bosse". In Niedersachsen hatte er als Ministerpräsident viel über die Wirtschaft gelernt, vor allem auch durch Volkswagen, wo er im Aufsichtsrat saß. Dem Konzern aus Wolfsburg widmete er auch nach dem Einzug ins Kanzleramt viel Aufmerksamkeit, die Bosse aus VW - von Ferdinand Piëch bis Bernd Pischetsrieder - hatten stets sein Ohr, aber auch andere Autochefs wie Jürgen Schrempp (Daimler-Chrysler). Aus seiner Zeit in Niedersachsen kannte er auch Jürgen Großmann, den Chef des Stahlunternehmens Georgsmarienhütte, der heute den Energiekonzern RWE leitet. Schröder lud gern zu langen, bisweilen rotweinseligen Abenden ins Kanzleramt ein.

Und wenn es etwas zu regeln galt im Interesse der Wirtschaft, schritt er bereitwillig zu Tat: Er stemmte sich dagegen, dass Brüssel den Autoherstellern zu hohe Umweltstandards auferlegte oder dagegen, dass deutsche Konzerne sich nach dem Willen der EU-Kommission nicht gegen feindliche Übernahmen hätten wehren dürfen. Und als es den deutschen Banken im Jahr 2003 das erste Mal schlecht ging, berief er die Finanzwirtschaft zu einem Krisengipfel ein, um über die Gründung einer "Bad Bank" zu beraten. Der Sozialdemokrat Schröder selbst kommentierte seine Wirtschaftsnähe vor Managern gern schon mal ironisch: "Wieso mache ich das eigentlich alles für Euch? Ihr wählt mich ja sowieso nicht".

Von vielen Wirtschaftsvertretern gewählt und teils auch herbeigesehnt war dagegen Angela Merkel. Bis zu ihrer Wahl galt sie als kühle, neoliberale Reformerin, die die Steuern und Abgaben senken und hart "durchregieren" wollte, also so zu agieren versprach, wie es viele Manager und Unternehmer auch gerne machen. In der großen Koalition allerdings hat sich Merkel mehr und mehr zu einer Sozialdemokratin gewandelt. Das Verhältnis der Wirtschaftsführer zu ihr war daher anfangs eher distanziert. Zumal die CDU-Kanzlerin nicht zu fröhlichen Runden lud wie Schröder, der in einer Unternehmerrunde nach seiner Abwahl frotzelte: "Ihr werdet Euch schon bald nach mir zurücksehnen."