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Lotto:Die Deutschen und ihr Lotto - eine gestörte Beziehung

5000. Lottoziehung

Franziska Reichenbacher bringt das Glück in deutsche Wohnzimmer. Doch die Zeit der Kugeln im Live-TV sind vorbei.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Traum von den plötzlichen Millionen finanziert bis heute gute Teile des Gemeinwesens. Doch die Symbiose ist gestört. Über das schleichende Ende einer alten Liebe.

Selbst im Angesicht des Todes hatte Gotthold Ephraim Lessing nichts Besseres zu tun, als Lotto zu spielen. Noch im Sterbebett liegend, wenige Stunden vor dem Ende seines Lebens im Februar 1781, diktierte er seinem Freund Alexander Daveson Nummern für Lotterielose. Die 52 war darunter, denn dieses Alter habe er jetzt erreicht und mit dieser Ziffer hoffe er zu gewinnen. Der größte deutsche Dichter der Aufklärung war ein notorischer Spieler, dem "5 aus 90" verfallen, er hatte sich mit dem ersten großen Lotto-Fieber angesteckt, wie so viele Bürger und Literaten zur damaligen Zeit.

Nicht lange nach Lessings Tod sorgten die Bedenkenträger dafür, dass die Lotterie wieder aus dem öffentlichen Dasein der Deutschen verschwand. Madame Lotto, die aus Genua stammende "Maitresse des Bürgers", habe sich "in Teutschland häuslich niedergelassen, um vom Tagelöhner bis zum Fürsten alle Menschen in ihren Bann zu ziehen", heißt es in einem 1785 in Würzburg verfassten Pamphlet. Von 1800 an blieb Lotto nördlich des Mains für 150 Jahre verboten, "zum Schutze des Volkes vor großen finanziellen Verlusten".

Ob Professor oder Putzfrau: Vor den Zahlen sind alle Menschen gleich

Lotto und die Deutschen, das ist eine innige Beziehung. Mit dem Wiederaufbau der Bundesrepublik legten seine Erfinder auch das Fundament für das System Lotto, wie man es heute kennt, mit 6 aus 49, den rosé-orangefarbenen Tippscheinen und den Rubbellosen, mit dem Zauber der plötzlichen Million. Ein System, mit dem die Bundesländer seit den Fünfzigerjahren sehr viel Geld verdienen. Geld, das in der Nachkriegszeit sonst gefehlt hätte. Vor allem für die Ausrichter ist Lotto nämlich ein überaus lukratives Geschäft: Die Hälfte der Einsätze bleibt bei ihnen.

Jedes Land hat eine eigene Lottogesellschaft mit eigener Verwaltung, Preisen und eigenen Regeln für die Verwendung der Spieleinsätze. Diese Länder-Lotto-Symbiose hat die Zivilgesellschaft gestaltet, die Lottomilliarden haben Sportvereine finanziert, Museen und Kulturstiftungen unterstützt, sie haben Altenheime, Krankenhäuser und Wohlfahrtsvereine ausgestattet. "In West- und Süddeutschland finden Sie kaum ein Denkmalschutzprojekt, in dem keine Lottogelder stecken", sagt Martin Stadelmaier, Leiter des Berliner Büros des Deutschen Lotto- und Totoblocks (DLTB).

Spielgeld soll uns Gutes tun, das ist einer der Kerngedanken des staatlichen Lottomonopols: Bis auf wenige Ausnahmen darf nur der Staat Lotterien veranstalten; dafür verspricht er, mit dem zusätzlichen Geld das Gemeinwohl zu fördern. Lotto ist also so etwas wie eine Steuer auf den Traum vom Millionärsleben.

Woran die Beziehung krankt

Doch so glatt wie einst läuft es nicht mehr. Die Beziehung zwischen Bürger und Staatslotto ist gestört durch Spielhallen und Spielautomaten, deren Umsätze sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelten. Private Anbieter haben dem Lotto-Unternehmen Oddset das Geschäft mit den Sportwetten gestohlen. Online-Roulettetische, virtuelle Pokerrunden und einarmige Banditen auf Smartphones mischen heute kräftig mit. Und nicht zuletzt sind es private Vermittler, die aus dem Ausland Wetten auf deutsche Lottozahlen anbieten - sogenannte Zweitlotterien, mit den gleichen Zahlen und Jackpots zu besseren Preisen. Das meiste davon ist illegal, wird aber nicht effektiv verfolgt.

Annähernd 7,3 Milliarden Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr für 6 aus 49, Glücksspirale oder Super 6 ausgegeben, etwa 90 Euro pro Kopf. Zwei große Jackpots stärkten die Einnahmen, denn wenn mehr Geld im Topf liegt, fangen mehr Menschen an zu träumen. Vor zehn Jahren aber, als die Lottowelt noch weitgehend ungestört war und die Menschen sich erst allmählich ans Zocken im Internet gewöhnten, lagen die Umsätze im DLTB noch um mehr als ein Zehntel höher. 6 aus 49 hat seit 2005 mehr als 20 Prozent seiner Einsätze verloren. Wenn man alles addiert, auch Fernsehlotterien, Gewinnsparen und die Einnahmen der staatlichen Spielbanken, haben die Länder in dieser Dekade etwa 17 Milliarden Euro verloren. Geld, das jetzt in Turnvereinen und Museen fehlt.

Live nur noch im Internet

17,6 Millionen

Menschen haben in Deutschland im vergangenen Jahr pro Woche an staatlichen Lotterien teilgenommen. Insgesamt sinkt das Interesse an Glücksspielen, ergab eine jüngst veröffentlichte Umfrage der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung. Das beliebteste Spiel bleibt der Klassiker "6 aus 49": 22,7 Prozent der Befragten haben in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal getippt. Das sind allerdings 36 Prozent weniger als noch 2007. Nur noch etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat innerhalb eines Jahres an Glücksspielen teilgenommen, 2007 waren es noch 55 Prozent. Männer spielen deutlich häufiger als Frauen. Jan Willmroth

Wie passend, dass selbst die Lottofee nur noch ein Relikt der bundesdeutschen Geschichte ist. Die Erinnerung an Karin Tietze-Ludwig, die den Deutschen 31 Jahre lang das Glück in die Wohnzimmer brachte, sie ist noch wach. Aber die Zeit, zu der die weißen Kugeln in der Trommel rauschten und die Menschen mit feuchten Fingern vor dem Fernseher saßen, ist seit 2013 endgültig vorbei. Im ZDF blendet seither eine Schautafel die Lottozahlen ein, in der ARD darf sie Franziska Reichenbacher samstags nach der Sportschau immerhin noch vortragen. Selbst die Fernseh-Magie von einst ist ins Internet abgewandert, nur dort gibt es die Ziehung noch live.

Der Zauber des Zufalls verfängt deshalb so gut, weil man kein Spezialwissen braucht, um Lottomillionär zu werden. Bei Sport- oder Pferdewetten, Roulette oder Poker helfen Kenntnisse, um das Glück zu beeinflussen. Beim Lotto aber schaffen es selbst die klügsten Statistiker nur minimal, ihre Chancen zu erhöhen: eins zu einhundertvierzig Millionen, dabei bleibt es, ein Sechser ist seltener als ein Blitzschlag.

Dem Lotto wohnt das Versprechen inne, dass es auch jene Menschen treffen kann, für die das Leben nicht die besten Voraussetzungen schuf. Vor den Lottozahlen sind alle gleich, es spielen Professoren und Arbeitslose, Handwerksgesellen und Beamte, Manager und Putzkräfte. "Das Los ist nicht nur ein Stück Papier", schreibt der Soziologe Mark Lutter, "es wird zum Trägermaterial sozial definierter Traumvorstellungen. Für Spieler ist dieses Eintauchen in imaginierte Welten und Erlebnisse eine ästhetische Praxis, die mit Genuss verbunden ist."

Glücksspielmilliarden wecken Begehrlichkeiten privater Unternehmen

Hinter diesem Genuss wird so mancher Kampf ausgetragen, aber das bekommt nur selten jemand mit. Glücksspielmilliarden wecken Begehrlichkeiten privater Unternehmen, denn der Veranstalter, so viel ist klar, gewinnt immer. Heute und in Zukunft mühen sich die Länder mit Gesetzen und vor Gerichten damit ab, ihr Monopol gegen diese Begehrlichkeiten zu verteidigen. Die Geschichte der bundesdeutschen Lotterien kann man nur verstehen, wenn man weiß, wie heilig das Lottomonopol ist. Jedes Jahr führt der Lottoblock etwa 2,8 Milliarden Euro an den Staat ab. 16,6 Prozent fließen über die Lotteriesteuer in die Landeshaushalte, 20 bis 22 Prozent werden zu Fördergeldern für Sport, Kunst und Kultur, Denkmäler und soziale Organisationen wie Caritas und Rotes Kreuz. "Die Änderungen am glücksspielrechtlichen Rahmen waren stets und vor allem motiviert aus dem Bedarf des Staats, zusätzliche steuerähnliche Mittel zu generieren", sagt ein ehemaliger Lotto-Geschäftsführer. Es ist nur leider absehbar weniger Geld.

Solche Gesetzesänderungen passieren immer nur dann, wenn der Staat zu ihnen gezwungen wird. Zum Beispiel vom Verfassungsgericht. Vor zehn Jahren urteilten die Karlsruher Richter, das damals geltende Wettmonopol sei verfassungswidrig. Sie stellten den Gesetzgeber vor die Wahl: Entweder liberalisiert er Veranstaltung und Vertrieb von Sportwetten, oder er bleibt beim Monopol - dann aber mit einer Begründung, die auch vor dem höchsten Gericht standhält. Um das Monopol zu erhalten, müsse der Staat die Werbung für Glücksspiele deutlich einschränken und die Spielsucht stärker bekämpfen.

Weil sie keine Konkurrenz um das Lottogeld dulden, schrieben die Länder ein neues Gesetz, dessen erster Paragraf den Schutz der Bürger vor Sucht als Ziel definiert. So muss heute jedes Lotto-Werbeplakat von der Aufsicht genehmigt werden. "Der Kardinalfehler war damals, harmlose Lotterien ohne Not auch unter das Paradigma der Suchtprävention zu stellen", sagt Magnus von Zitzewitz, Vorstand von Lotto 24, einem der letzten in Deutschland verbliebenen privaten Lotterievermittler. "Gleichzeitig hat der Bund die Regeln für Automatenspiele gelockert, das gemäß Suchtstatistiken gefährlichste Spiel. Das passt offensichtlich nicht zusammen."

Im europäischen Ausland sind die Lotteriemärkte seit Jahren stark gewachsen

Die Folge war ein Internetverbot sämtlicher Glücksspiele, zu einer Zeit, in der die ersten Smartphones verkauft wurden. Lotto im Netz, ein vielversprechender Markt, war bis 2012 - als wieder das Gesetz geändert wurde - fast vier Jahre lang verboten. Also spielten die Menschen einfach woanders, steckten ihr Geld in Spielautomaten anstatt in soziale Projekte. Während Tippscheine aus der Mode kommen, erholt sich der Onlineverkauf nur langsam. Der Blick ins Ausland zeigt, wie viel die Bundesländer verpassen: In Frankreich, Italien oder Großbritannien steigen die Lottoeinnahmen seit Jahren fast kontinuierlich. In Deutschland haben die Gesellschaften 2013 die Preise für 6 aus 49 erhöht, sie haben den Eurojackpot erfunden, das hat den Umsatz wenigstens stabilisiert.

Aber es täuscht nicht darüber hinweg, dass die Lotto-Liebe der Deutschen einrostet. Nur wenn der Jackpot voll ist, packt sie das Lottofieber wie zu Zeiten Lessings. Der Dichter nutzte nicht nur in seinen Werken Glücksspiele als Motiv. Er wettete auch auf sein privates Liebesglück. Mit seiner Verlobten Eva König spielte er Lotto, um ihrer Ehe eine finanzielle Grundlage zu bereiten. Nach einem gemeinsamen Gewinn schrieb er ihr 1771: "Ich komme auf unser gemeinsames Projekt, glücklich - wollte ich sagen, reich zu werden. Wahrlich, Sie sind, sehe ich, eine Frau, mit der man schlechterdings nichts verlieren kann."

© SZ vom 26.03.2016

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