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Die Angreifer:Aber sofort!

Gerrit Seidel, CEO bei "Sofort"

Will den Umsatz bis 2018 mehr als verdoppeln: "Sofort"-Chef Gerrit Seidel ist auf Wachstumskurs.

(Foto: Sofort/OH)

Paypal beherrscht den Markt der Online-Bezahlsysteme in Deutschland. Ein bayerisches Unternehmen aber will den Platzhirsch herausfordern.

Von Korbinian Eisenberger

Eigentlich ist das doch kaum vorstellbar. Mehr als 100 Millionen Transaktionen im Internet - und bis heute ist kein einziger Betrugsfall bekannt geworden. Keinen Hackerangriff gab es, keinen Datenklau, nicht einmal eine klitzekleine Kundenadresse soll stibitzt worden sein. Zumindest behauptet das Gerrit Seidel, Chef des deutschen Marktführers für Sofortüberweisungen, mit dem raffinierten Firmennamen "Sofort". Schneller, billiger und sicherer will die Sofort-Technik im Vergleich mit anderen Bezahldiensten im Netz sein. Und dazu auch noch bequem. Perfektion in Reinform also, ausgeheckt in der Ortschaft Gauting im Südwesten vom München. Ein System ohne Schwachstelle, und das im Internet? Die Sache muss doch einen Haken haben.

Gerrit Seidel, 48, empfängt in Stoffhose und weißem Hemd. Krawatten würde er im Firmengebäude nicht tragen. "Wir sind ein junges Unternehmen", sagt er, der Altersdurchschnitt liegt bei 31 Jahren. Die Assistentin reicht italienischen Kaffee. Vom Designertisch im verglasten Besprechungsraum hat Seidel einen guten Blick auf die Mitarbeiter an den Telefonen. Holländisch, spanisch und polnisch wird hier im Vertrieb gesprochen, und manchmal auch tschechisch. "Wir sind ständig am Wachsen", sagt Seidel.

Seit der Gründung vor zehn Jahren haben mehr als 18 Millionen Nutzer im Internet mit "Sofort" überwiesen. Mittlerweile wird die Zahlart in 13 Ländern angeboten, Tendenz steigend. 170 Angestellte entwickeln, telefonieren und verhandeln mittlerweile für "Sofort", knapp 90 davon in Gauting. Er suche stets nach zusätzlichen Ingenieuren, Produktmanagern und Experten für Marketing und Service, sagt Seidel. Die brauche es, schließlich wolle er den Umsatz bis 2018 mehr als verdoppeln.

Die Marschroute des sauber frisierten Mannes mit dem Latte-Macchiato-Glas klingt kühn, vielleicht sogar ein wenig vermessen. Immerhin liegt der US-Anbieter Paypal in Deutschland bei 88 Prozent Marktanteil mit großem Abstand an der Spitzer der Online-Bezahlarten. Und dennoch: Wenn Seidel selbstbewusst lächelnd von "One-Klick-Shopping", "Transaction-Simplyfying" und "Peer-to-Peer-Payment" schwärmt, dann ist das nicht bloß denglisches Wortgeplänkel. Es zeugt vielmehr von einem international ausgerichteten System, das offenbar so gut funktioniert, dass es sich in ganz Europa herumgesprochen hat.

Sowohl bei Seidels direkten Kunden - den Händlern - als auch bei den Endkunden vor dem Bildschirm scheint "Sofort" auf Gegenliebe zu stoßen: In Deutschland und Österreich gibt es keinen Sofortüberweisungs-Anbieter, der mit Seidels Konzern mithalten könnte. Etwa 70 Prozent aller deutschen Online-Händler, darunter die Deutsche Bahn, Rossmann und Redcoon, bieten es als Bezahlart an. "Dabei wird es nicht bleiben", verspricht Seidel.

Dafür spricht, dass das Konzept tatsächlich recht simpel daherkommt. Statt den komplizierten Weg über Zwischen-Umbuchungen wie etwa bei Kreditkarten-Anbietern oder PayPal-Konten zu gehen, schafft es die Sofort-Überweisung, einen direkten Geldtransfer zwischen Nutzerkonto und Händler herzustellen. Eine Kundin, die etwa in einem Onlineshop mit Sofort-Option eine Ledertasche bestellt, gibt Kontonummer, Bankleitzahl und Pin in das Zahlformular der Sofort Überweisung ein - und erhält dann wie beim herkömmlichen Onlinebanking die Tan-Nummer per SMS aufs Handy - und kurz darauf die Tasche. "Sofort" kassiert 0,7 bis 0,9 Prozent des Kaufpreises - und ist damit deutlich günstiger als Lastschrift, Kreditkarte, Nachname und Paypal. Und sicherer.

Das System zu knacken ist schier unmöglich, es sei denn ein Fremder wäre sowohl im Besitz des Handys, der Kontodaten und der Pin-Nummer eines Online-Banking-Nutzers. Ein Fall, der - so scheint es - in zehn Jahren noch nie eingetreten ist. Und selbst wenn: Sollte ein Betrugsversuch gelingen, sagt Seidel, hätte der Hacker lediglich auf eine Transaktion mit einer zwei- bis vierstelligen Summe Zugriff. Es lohnt schlichtweg nicht für mögliche Angreifer. Anders als bei Paypal und Kreditkarte, wo mitunter ein Passwort oder eine Kartennummer ausreicht. "Sofort", so scheint es, hat das Potenzial, den Kreditkarten im Netz hierzulande den Rang ablaufen.

17 Uhr. Die Mitarbeiter packen ihre Taschen. Viele kämen aus der Region, sagt Seidel. Zudem habe er Kräfte aus ganz Europa eingestellt. "Wir sind ein bayerischer aber auch europäischer Konzern", sagt Seidel. Zuletzt meinte er es vor allem mit dem internationalen Flair immer ernster. Nicht nur, dass neben Köln und Wetzlar auch in Brüssel, Posen, Madrid und Wien Außenstellen öffneten: 2014, zwei Jahre nach Seidels Antritt verkaufte er "Sofort" an die schwedische "Klarna"-Gruppe. Der Shareholder steckt seither Geld und Know-How in den Konzern. Schon bald, sagt Seidel, müsse er sich nach zusätzlichen Räumen umsehen.

Die Digitalisierung hat die Finanzbranche voll erfasst, immer mehr junge Unternehmen fordern die Kreditkonzerne heraus. In dieser Serie stellt die SZ die Angreifer vor.

© SZ vom 22.06.2015
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