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DGB:Überstunden für den Azubi

Der Gewerkschaftsbund kritisiert die Ausbildungsbedingungen in einigen Berufen - die Arbeitgeber wehren sich.

Barcelona: Symbolbild Immobilien Spanien / Hausverkauf / Baum-Boom / Krise

Gerade in der Gastronomie müssen sich die Auszubildenden mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten abfinden.

(Foto: Johannes Simon)

Sieben von zehn Auszubildenden hierzulande sind zufrieden mit ihrer Ausbildung. Zu diesem Ergebnis kommt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in seinem Ausbildungsreport, der am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Das ist zwar die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen - aus Sicht des DGB aber ist damit mitnichten alles im Lot. Die ermittelten 70 Prozent zufriedener Lehrlinge seien der niedrigste Wert, der in den bislang 13 Ausbildungserhebungen gemessen wurde, hieß es.

Besonders kritisch sieht der DGB unter anderem, dass dem Report zufolge gut jeder dritte Azubi regelmäßig Überstunden machen muss - und mehr als jeder Zehnte diese Zusatzarbeit nicht bezahlt oder mit Freizeit ausgeglichen bekommt. Bei fast einem Drittel wird laut Umfrage die gesetzliche Ruhezeit nicht eingehalten, mehr als die Hälfte muss nach eigenen Angaben auch nach Feierabend erreichbar sein.

Ein Drittel hat keinen Ausbildungsplan, obwohl das vorgeschrieben ist, und mehr als jeder Zehnte muss häufig oder immer Dinge tun, die mit der Ausbildung nichts zu tun haben. Kritisch sehen einige der knapp 15 000 befragten Jugendlichen auch die Art und Weise, wie sie betreut werden. So sagen gut zehn Prozent, dass ihnen ihr Ausbilder selten oder nie am Ausbildungsplatz zur Verfügung steht. Und fast 40 Prozent wissen selbst im letzten Lehrjahr nicht, ob sie übernommen werden.

Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des DGB, findet das alles ein Unding - vor allem vor dem Hintergrund, dass die Wirtschaft regelmäßig klagt, sie finde nicht mehr genug Azubis. Dieses "Gerede vom Fachkräftemangel" will Hannack nicht gelten lassen, nicht einmal angesichts von 48 000 unbesetzten Lehrstellen im vergangenen Jahr. Weitgehend "hausgemacht" sei der Fachkräftemangel, sagte die Gewerkschafterin und verwies darauf, dass die Arbeitgeber immer noch "Bestenauslese" betrieben und Berührungsängste gegenüber schwächeren Jugendlichen hätten. "Da müssen die Unternehmen zurück auf den Boden der Tatsachen." 80 000 Bewerber seien im vergangenen Jahr leer ausgegangen; 290 000 steckten in Maßnahmen zwischen Schule und Lehre fest.

Außerdem sei in vielen Branchen lange zu wenig ausgebildet worden. Und besonders viele Ausbildungsplätze blieben zudem dort unbesetzt, wo die Arbeitsbedingungen besonders schlecht seien und sehr niedrige Ausbildungsvergütungen gezahlt würden.

"Jugendliche wählen immer häufiger ihren Ausbildungsbetrieb aus."

Ein Beispiel: Bei den Verkäufern im Lebensmittelhandwerk blieb 2017 mehr als jede dritte Lehrstelle unbesetzt. Auch was wieder aufgelöste Lehrverträge angeht, rangiert diese Ausbildung weit oben - und in der DGB-Rangliste gehört sie zur Gruppe mit den schlechtesten Bedingungen, genau wie die Ausbildungsberufe Hotelfachmann oder Friseurin. Gut abgeschnitten haben dagegen die Berufe Mechatroniker, Verwaltungsfachangestellter oder auch Industriemechaniker.

Die Wirtschaft allerdings sieht die Dinge naturgemäß anders und reagierte verschnupft. Von einer "Bestenauslese" könne keine Rede sein, sagte Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. "Während die Unternehmen früher unter zahlreichen Bewerbern auswählen konnten, ist es heute oft umgekehrt: Jugendliche wählen immer häufiger ihren Ausbildungsbetrieb aus." Rund 80 Prozent der Ausbildungsbetriebe würden auch schwächeren Bewerbern Chancen geben. "Viele organisieren sogar eigene Nachhilfekurse." Just am Montag hatten Wirtschaft und Gewerkschaften direkt Gelegenheit, sich auszutauschen - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sie zum "Zukunftsgespräch" nach Schloss Meseberg eingeladen. Mit dabei waren neben den Sozialpartnern auch einige Minister. Im Fokus allerdings stand dort dann die Digitalisierung - und dabei zeigten alle Seiten weitgehend Einigkeit. Merkel sagte, neue Wertschöpfungsformen wie Crowdworking und Plattformökonomie dürften nicht aus dem Land verbannt werden. Prekäre Arbeitsverhältnisse und die Abschaffung sämtlicher Regeln dürften damit aber nicht einher gehen.

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